Countdown zum ESC-FinaleWien ist jetzt im Ausnahmezustand16.05.2026, 14:28 Uhr Foto-Volker-ProbstVon Volker Probst, Wien

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Polizeistreifen-mit-schweren-Waffen-patroullieren-im-Eurovision-Village-waehrend-der-70-Eurovision-Song-Contest-Woche-in-WienDer ESC findet unter enormen Sicherheitsvorkehrungen statt. (Foto: picture alliance/dpa/AP)TeilenFolgen auf:whatsappwhatsapp

Kurz vor dem Finale des Eurovision Song Contests in Wien fällt die Stimmung ins Wasser. Geschuldet ist dies zuvorderst dem nasskalten Wetter, das wenig Party-Laune aufkommen lassen will. Aber es ziehen auch noch andere dunkle Wolken über der Veranstaltung auf.

„Vienna 12 Points“. Im Wiener Straßenbild mangelt es nicht an Reklame, um sich selbst und den Fans des Eurovision Song Contests (ESC) Mut zuzusprechen. Doch gefühlt tut sich die Stadt schwer, in diesem Jahr den Funken der Begeisterung für das größte Musikfestival der Welt überspringen zu lassen.

Schuld daran sind zunächst mal nicht die Macher des Events, die Stadtoberen oder die dem Klischee nach allzu grantigen Wiener. Schuld ist der Wettergott, der es gar nicht gut meint mit dem diesjährigen ESC. Lachte bei der Eröffnungsfeier noch die Sonne über dem türkisfarbenen Teppich, über den die Gesangs-Matadoren der teilnehmenden Länder stolz flanierten, versinkt Wien seit Wochenbeginn im tristen Grau. Dagegen kommen auch all die farbenfrohen Plakate, Stellwände und Videotafeln mit ihrer bunten ESC-Werbung nicht an.

Wer etwa eines der Halbfinale beim Public Viewing im sogenannten Eurovision Village verfolgen wollte, brauchte schon ein besonderes Gute-Laune-Gen, um sich von der nasskalten Witterung, fiesen Böen und mitunter sogar Gewitterblitzen nicht den Spaß an der Freude nehmen zu lassen. Und wetterfeste Kleidung. Regenschirme jeder Art mussten nämlich draußen bleiben – der Sicherheit zuliebe. Am Montagabend war es mit dem Regen sogar so schlimm, dass die Fanmeile zwischen Burgtheater und Rathaus vorsorglich geräumt werden musste.

Doch nicht nur draußen, sondern auch drinnen ist bei weitem nicht alles eitel Sonnenschein. So musste sich das österreichische Moderationsduo Victoria Swarovski und Michael Ostrowski einiges an Kritik für seine Präsentation der bisherigen ESC-Shows gefallen lassen. Vieles an typischem Social-Media-Hate ist dabei definitiv überzogen. Aber tatsächlich tun sich die „Let’s Dance“-Moderatorin und ihr Schauspielkollege schwer damit, an die Glanzleistungen von Hazel Brugger, Sandra Studer und Michelle Hunziker im vergangenen Jahr in Basel oder von Petra Mede und Malin Åkerman 2024 in Malmö anzuknüpfen.

„Besser gesichert als das Weiße Haus“

Dämpft womöglich auch der Umstand, dass dem österreichischen Kandidaten Cosmó beim mittlerweile 70. Song Contest nicht viel zugetraut wird, die Euphorie? Ja, es ist wahr: Nicht nur Deutschland versinkt angesichts der schlechten Prognosen für Sarah Engels und ihren Beitrag „Fire“ mal wieder in der ESC-Lethargie. Auch Österreich kommt diesmal nicht aus dem Quark – oder aus dem Topfen, wie man hier sagt. Da sieht es sogar noch düsterer aus. Selbst wenn sich jede Österreicherin und jeder Österreicher mittlerweile den von Cosmó in seinem Song verordneten „Tanzschein“ geholt haben sollte – Umfragen prophezeien dem Sänger gute Chancen auf den letzten Platz.

Noch einschneidender als all das ist aber sicher die politische Situation, die in diesem Jahr ganz besonders schwer auf dem ESC lastet. Querelen wegen des Streits um die Teilnahme Israels gab es auch schon in den beiden Vorjahren. Doch diesmal haben diese tatsächlich zum Boykott der Veranstaltung von fünf Ländern – Spanien, Niederlande, Irland, Island und Slowenien – geführt. Die Folgen sind vielfältig: Das auf 35 Nationen geschrumpfte Teilnehmerfeld fällt so klein wie schon lange nicht mehr aus. Dementsprechend fehlen auch die meisten Fans dieser Länder in Wien. Überdies sind natürlich nicht nur die Regierungen, sondern auch die Anhänger des ESC in der Israel-Frage tief gespalten. Selbst mancher Nerd macht aktuell einen Bogen um die Veranstaltung.

Hinzu kommen die Sorgen um die Sicherheit des Events. Spätestens jetzt herrscht Ausnahmezustand in der Stadt. Einem Bericht des österreichischen Portals „Heute.at“ vom Freitag zufolge ist das Areal um die Wiener Stadthalle, in der heute Abend das große ESC-Finale stattfindet, inzwischen „beinahe besser gesichert als das Weiße Haus“. Neben Hundertschaften der Polizei seien auch zahlreiche private Sicherheitsdienste im Einsatz. Sogar Experten des US-amerikanischen FBI sollen mithelfen, die Bedrohungslage unter Kontrolle zu halten. Die Kosten für all die Maßnahmen gingen bis weit in die Millionen, heißt es.

Eine mögliche Bedrohung könnte von einer pro-palästinensischen Kundgebung ausgehen, die am Nachmittag vom Westbahnhof in Richtung Stadthalle ziehen sollte. Eine Stunde vor ihrem offiziellen Beginn war am angekündigten Versammlungsplatz bei strömendem Regen aber noch nichts zu sehen. Wer weiß? Vielleicht meint es der Wettergott indirekt ja auch gut mit dem ESC. Dann nämlich, wenn der als Großdemo geplante Protest ebenfalls buchstäblich ins Wasser fallen sollte.

Quelle: ntv.de