12 Punkte für …? Zum siebzigsten Mal findet an diesem Samstagabend der Eurovision Song Contest statt. 25 Songs treten im großen Finale des Musikwettbewerbs in Wien an, darunter auch der deutsche Song „Fire“ von Sarah Engels. Rund um den eigentlich betont unpolitischen ESC gibt es wie auch in den vergangenen Jahren allerdings politische Verwerfungen, vor allem wegen der Teilnahme Israels. Die Rundfunkanstalten aus Spanien, Irland, Slowenien, Island und den Niederlanden treten beim diesjährigen Song Contest deshalb nicht an. Dieser Abend verspricht also nicht nur musikalisch turbulent zu werden.
Unsere Autorinnen und Autoren nehmen Sie mit – aus Wien und vor dem Fernseher – durch Stunden voller Windmaschinen, großer Gefühle und Goldregen.
Wichtige Updates
Das ist die Startreihenfolge beim großen ESC-Finale
Vor dem Finale: Pro-Palästina-Demos in Wien
Schwedische ESC-Finalistin fällt nach Probe in OhnmachtNach der Generalprobe für das ESC-Finale hat die schwedische Sängerin Felicia einen Kreislaufkollaps erlitten. Das berichtete die Zeitung Aftonbladet unter Berufung auf die Leiterin des schwedischen ESC-Teams, Lotta Furebäck.
Der Rundfunksender SVT teilte der Deutschen Presse-Agentur mit, dass die Sängerin nach der Probe in ihrem Umkleideraum einen Blutdruckabfall erlitten habe. Der Grund dafür sei gewesen, dass Felicia nicht genug getrunken und gegessen habe. In einer Stellungnahme, die der dpa vorliegt, schrieb die Sängerin, dass es im sogenannten Greenroom „unglaublich heiß“ gewesen und ihr dort immer schwindliger geworden sei. Später sei sie aber medizinisch versorgt worden und habe gut geschlafen, viel getrunken und gegessen. „Jetzt bin ich super bereit für den Tag!“, hieß es in der Stellungnahme.
Die schwedische Teamleiterin Lotta Furebäck sagte laut SVT, dass Felicia aufgrund des Vorfalls nicht an der Fahnen-Parade zur Eröffnung der Kostümprobe teilnehmen werde. Außerdem sei der Sängerin erlaubt worden, dass sie sich nach ihrem Auftritt umziehen dürfe, damit sie nicht während der gesamten Show in ihrem engen Kostüm im Greenroom sitzen müsse.
Die Zuschauer warten auf Einlass
Noch mehr als drei Stunden bis zum Beginn der Show, aber vor der Halle stehen schon eine Menge Menschen an, um aufs Gelände zu kommen. Und: Ich habe auch ein paar Hüte und Blumenketten in Deutschland-Farben entdeckt. Knapp 10 000 Menschen passen in die Wiener Stadthalle. Wer Flaggen in die Halle bringen will, braucht dafür übrigens ein Brandschutz-Zertifikat. Die Veranstalter begründen das mit der Brandkatastrophe in Crans-Montana.
Wer einen Vorgeschmack haben möchte auf das, was heute Abend in der Wiener Stadthalle passieren wird: Es gab in dieser Woche schon zwei ESC-Shows. Nämlich das erste und das zweite Halbfinale. Einige Länder sind also schon aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Im ersten Halbfinale waren das Portugal, San Marino, Georgien, Montenegro und Estland. Wie die Show lief, lesen Sie hier:
Durch die Teilnahme Israels im ersten Halbfinale war die Stimmung etwas angespannter als im zweiten Halbfinale. Da mussten dann Lettland, Armenien, Luxemburg, Aserbaidschan und die Schweiz gehen. Ansonsten verlief die Show bemüht glattpoliert. Mehr dazu lesen Sie hier:
2015 fand das ESC-Finale zuletzt in Wien statt, nach dem Sieg von Conchita Wurst. Wie schon damals hat Wien auch heute kein Wetterglück. Aktuell ziehen graue Wolken über die Stadt, es hat 11 Grad. Das ist blöd für die zahlreichen Public Viewings, die im Freien stattfinden sollen, zum Beispiel im ESC Village am Rathausplatz samt abgesperrten Bereich vor dem Burgtheater mit einer Kapazität für bis zu 30 000 Fans oder die lässige Strandbar Herrmann mit Liegestühlen am Donaukanal. Als Alternative öffnet die Wiener Volksoper ihren Zuschauerraum (1300 Plätze, die kostenlose Platzkarten waren ruckzuck vergriffen), das MAK – Museum für angewandte Kunst lädt zum gemeinsamen Schauen in die Säulenhalle und der legendäre Club U40 zeigt die Übertragung samt FM4-Kommentar mit Jan Böhmermann und Olli Schulz.
Warum nimmt Israel überhaupt am ESC teil? Und Australien?
Auch wenn der Name anderes vermuten lässt: Am Eurovision Song Contest dürfen nicht nur Rundfunkanstalten aus Europa teilnehmen. Es reicht, wenn sie Teil der European Broadcasting Union (EBU) sind, die den Wettbewerb ausrichtet. Dort sind neben europäischen Rundfunkanstalten auch Sender aus Israel, Libyen oder Algerien Mitglied. Eine Ausnahme ist Australien: Das Land darf am ESC teilnehmen, weil die EBU eine Sondergenehmigung erteilt hat. Das erste Mal war Australien übrigens 2015 dabei – auch in Wien.
Demo in Richtung Stadthalle unterwegs
Die Demonstrantinnen und Demonstranten ziehen jetzt vom Westbahnhof in Richtung Stadthalle, wo am Abend das Finale des ESC stattfindet. Inzwischen sind es mehrere Hundert Menschen, vielleicht sogar die erwarteten 3000. Im Zentrum der Demo: ein riesiges weißes Banner, das von Dutzenden Menschen getragen wird. In den vergangenen Tagen haben die Aktivistinnen und Aktivisten darauf die Namen verstorbener Palästinenser notiert.
Das ist die Startreihenfolge beim großen ESC-Finale
01 Dänemark: Søren Torpegaard Lund – „Før vi går hjem“
02 Deutschland: Sarah Engels – „Fire“
03 Israel: Naom Bettan – „Michelle“
04 Belgien: Essyla – „Dancing on the Ice“
05 Albanien: Alis – „Nân“
06 Griechenland: Akylas – „Ferto“
07 Ukraine: Leléka – „Ridnym“
08 Australien: Delta Goodrem – „Eclipse“
09 Serbien: Lavina – „Kraj Mene“
10 Malta: Aidan – „Bella“
11 Tschechien: Daniel Zizka – „Crossroads“
12 Bulgarien: Dara – „Bangaranga“
13 Kroatien: Lelek – „Andromeda“
14 Großbritannien: Look Mum No Computer – „Eins, Zwei, Drei“
15 Frankreich: Monroe – „Regarde !“
16 Moldau: Satoshi – „Viva, Moldova!“
17 Finnland: Linda Lampenius x Pete Parkkonen – „Liekinheitin“
18 Polen: Alicja – „Pray“
19 Litauen: Lion Ceccah – „Sólo Quiero Más“
20 Schweden: Felicia – „My System“
21 Zypern: Antigoni – „Jalla“
22 Italien: Sal Da Vinci – „Per Sempre Si“
23 Norwegen: Jonas Lovv – „Ya Ya Ya“
24 Rumänien: Alexandra Căpitănescu – „Choke Me“
25 Österreich: Cosmo – „Tanzschein“
Welche Länder boykottieren den ESC und warum?
Fünf Länder boykottieren den diesjährigen ESC wegen der Teilnahme Israels: Irland, Island, die Niederlande, Spanien und Slowenien kritisieren das Vorgehen der israelischen Regierung im Gaza und die Folgen für die palästinensische Zivilbevölkerung. Einige Regierungen sprechen auch von Genozid. Abgesehen davon nehmen Ungarn und Türkei nicht teil, weil den Ländern die Veranstaltung zu queer ist und deshalb gegen die konservativen Ansprüche der öffentlich-rechtlichen TV-Stationen und deren Regierungen spricht.
Vor dem Finale: Pro-Palästina-Demos in WienNicht alle in Wien sind glücklich mit dem ESC in der Stadthalle, oder genauer gesagt: mit der Teilnahme Israels. Sie prangern das Vorgehen der Netanjahu-Regierung in Gaza an, sprechen von einem Völkermord an den Palästinensern.
„Circa 100 Teilnehmer, bunt gemischt“, gibt ein Polizist gegen 14 Uhr an seine Kollegen durch. Angekündigt waren etwa 3000 Menschen, das Wetter ist alles andere als einladend. Aber der Platz füllt sich stetig weiter.
Unter die Palästina-Flaggen mischen sich auch die kommunistischer Vereinigungen und anderer Länder: Iran, aber auch Irland und Spanien. Die beiden europäischen Länder boykottieren den ESC im diesem Jahr, wegen Israels Vorgehen in Gaza.
Auch am Vorabend hatte es bereits Demos gegeben, als eine Art zynische Gegenveranstaltung hatte man den „Song Protest“ zwischen kunsthistorischem und naturhistorischem Museum veranstaltet.
Wiener Polizei beschreibt Lage als „sehr ruhig“Vor der Final-Show des streng bewachten Eurovision Song Contest (ESC) und den angekündigten Demonstrationen in Wien hat ein Polizeisprecher die Lage als „sehr ruhig“ bezeichnet. Das sei schon während der ganzen ESC-Woche so gewesen und habe sich bislang nicht geändert, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Polizei war dennoch auch am Samstag mit einem deutlich sichtbaren Großaufgebot an Beamten und Spezialkräften im Einsatz. Für Samstagnachmittag ist bei Regenwetter und niedrigen Temperaturen eine propalästinensische Demonstration mit einigen Tausend Teilnehmern angemeldet. Sie richtet sich gegen die Teilnahme Israels am ESC. Aber auch eine Kundgebung gegen Antisemitismus und Antizionismus wird erwartet.
Beide Protestveranstaltungen sollen räumlich voneinander getrennt in der Nähe der Stadthalle stattfinden, wo das ESC-Finale am Abend über die Bühne geht. Direkt zum Veranstaltungsort dürfen die Demonstranten allerdings nicht. Denn dort wurde eine Sperrzone eingerichtet, zu der nur ESC-Beteiligte, Zuschauer und Anwohner Zutritt haben. Im Umkreis der Veranstaltungsorte herrscht zudem ein Drohnen-Flugverbot.
Das Innenministerium hat für Österreich die vierthöchste von fünf Terrorwarnstufen festgelegt – aber nicht erst vor dem ESC, sondern bereits seit Oktober 2023, als Hamas-Extremisten und andere Terrorgruppen ein Massaker in Israel verübten und danach die Lage im Gazastreifen eskalierte. Ein mutmaßlich geplanter und vereitelter Anschlagsversuch rund um ein Taylor-Swift-Konzert im Jahr 2024 in Wien hatte das Risikopotenzial bei Großveranstaltungen noch verdeutlicht.
Grüße aus Wien! So wie der Karneval für manchen Jecken die fünfte Jahreszeit, so ist es für Musikverrückte in ganz Europa wohl der Eurovision Song Contest. Und heute ist für diese Menschen so etwas wie Rosenmontag: der große Höhepunkt, das Finale des ESC. Um 21 Uhr steigt das in der Stadthalle Wien, und auch Stunden vorher merkt man der österreichischen Hauptstadt eine vorfreudige Anspannung an. Schon die ganze Woche ist die Stadt ja im Eurovision-Modus, los ging es mit dem „türkisen Teppich“ am Sonntag, dann folgten die beiden Halbfinals am Dienstag und Donnerstag. Aber auch dazwischen gab es reichlich Programm: Sei es im Eurovision Village vor dem Wiener Rathaus, bei Veranstaltungen in der Stadt oder im zum „Eurofan House“ umfunktionierten Wien Museum.

