Hester und Irwin – das sind Namen, die man in einem gediegenen Ehedrama erwartet, aber ganz sicher nicht in einem Gangster-Thriller, der durch seine schleichende Gefahr eine unheimliche Anspannung provoziert. Hester und Irwin sind die Namen des Ehepaars, das Scarlett Johansson und Miles Teller im neuen Film von James Gray (Ad Astra – Zu den Sternen) spielen. Im Queens der 1980er Jahre geraten die beiden ins Visier der russischen Mafia. Alles, was zwischen ihnen und einer 9-mm-Kugel steht, ist Irwins Bruder und Ex-Cop Gary.

So imposant wie Adam Driver diesen Gary spielt, müsste eigentlich ganz New York City vor ihm auf die Knie fallen. Ich war kurz davor, denn in dem Thriller schließt er an die ganz großen amerikanischen Schauspiellegenden an. Ausgehend von Paper Tiger wäre Adam Driver die Idealbesetzung für den jungen Robert De Niro im Sequel von Heat.

Adam Driver macht Miles Teller in Paper Tiger ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

„Onkel Gary“ hat den Polizeidienst quittiert und verdient als Sicherheitsberater so gut, dass er mit einem Benz vor dem kleinen Einfamilienhaus seines Bruders Irwin vorfährt. Er macht Irwin ein Angebot. Der Ingenieur, der zwei Söhne durchs kostspielige College bringen muss, lässt sich drauf ein. Gary will eine lokale Firma bei der Erschließung eines verschmutzten Kanalgebiets in Brooklyn beraten. Irwin ist der ideale Mann, wenn es darum geht, die Risiken beim Bau einzuschätzen. Aber er ist der Falsche für die Gefahrenanalyse im Umgang mit dem organisierten Verbrechen.

Wir schreiben das Jahr 1986, New York ist noch weit entfernt von der gentrifizierten Touristenmetropole unserer Tage. Es steckt ein Haufen Geld in den Industriegebieten, die mal unter der Kontrolle der italienischen Mafia standen. Neben Gary und Irwin wissen das auch die russischen Geschäftsmänner, mit denen Gary arbeiten will.

Als der gutgläubige Irwin seinen beiden Söhnen eines Nachts stolz sein neues Projekt zeigen will, tritt er eine Kettenreaktion los, die in einem famosen Thriller-Finale kulminieren wird. Auf einmal sitzen Irwins Söhne nämlich mit zwei tätowierten Schlägern im Auto und diese nervenzerrende Erfahrung schlägt wie ein Blitz in den Alltag der Familie ein. Die Druckwellen treffen irgendwann auch Onkel Gary, der stets alles im Griff hat, bis er es nicht mehr tut.

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Adam Driver ist im extrem intensiven Thriller Paper Tiger eine Wucht

Es klingt bizarr. Adam Driver feierte seinen Durchbruch schließlich schon 2012 in Girls. Er ist lang dabei, hat sein Talent wiederholt bewiesen, war sogar ein charismatischer Todesstern von einem Bösewicht in eineinhalb guten Star Wars-Filmen. Aber Paper Tiger ist der erste Film, in dem er wie ein Hollywood-Star in Großbuchstaben auftritt. Ein Star vom alten Schlag, dem du allein wegen seiner überlebensgroßen Aura durch die Kinosäle dieser Welt folgen würdest. Er ist eine Wucht, wenn Gary wie der König von New York ins Wohnzimmer seines Bruders flaniert, und er ist eine Wucht, wenn ihm langsam der sicher geglaubte Boden unter den Füßen wegbricht. Mit dem Einzug der russischen Mafia sind nämlich neue Zeiten und Methoden in Garys Stadt angebrochen.

Mehrmals musste ich an die Macher-Figuren denken, die Robert De Niro in seiner langen Karriere gespielt hat, an seinen Vito Corleone in Der Pate 2, an Mike in Die durch die Hölle gehen, Noodles in Es war einmal in Amerika und Neil McCauley in Heat. De Niro fand Raum für die Unsicherheiten, Komplexe und die Einsamkeit seiner abgehärteten Männer. In Onkel Garys zwiespältiger Zuneigung zu Irwin erkennt man diese Brüche ebenfalls, bereits bevor seine Welt wirklich entzweibricht.

Diesen phänomenalen Adam Driver flankiert James Gray mit einer akribischen Rekreation des New Yorks von 1986, das bis zum letzten Staubkorn in Hesters und Irwins Eigenheim greifbar scheint. Was voll zum Tragen kommt, wenn eines Nachts fremde Schritte in diesem wohlgeordneten Wohnzimmer zu hören sind. Dann regiert eine zermürbende, nahezu elektrisch aufgeladene Ruhe, die kaum auszuhalten ist.

Paper Tiger ist ein spirituelles Sequel von Grays Familiendrama Zeiten des Umbruchs, das von einer Esther (Anne Hathaway) und einem Irving (Jeremy Strong) in der aufkeimenden neoliberalen Reagan-Ära erzählt. Das geschah mithilfe von auffälligen Bezügen zur Trump-Familie, die damals ein großer Name im Immobiliengeschäft der Stadt war. James Grays neuer Film spielt sechs Jahre später. New York ähnelt in dem straff komponierten Thriller einer gesetzlosen Goldgräberstadt. Es ist die nächste Evolutionsstufe des Dealmakings, mitsamt aller Kollateralschäden.

Ich habe Paper Tiger beim Festival in Cannes gesehen, wo der neue Film von James Gray seine Weltpremiere gefeiert hat. Einen deutschen Kinostart gibt es noch nicht, aber mit Plaion hat der Thriller bereits einen Verleih.