Wer stark übergewichtig ist und zusätzlich mit Typ-2-Diabetes lebt, hat oft einen langen Leidensweg aus gescheiterten Diätversuchen hinter sich. Wenn der Blutzucker dauerhaft zu hoch bleibt, rückt für manche Patienten eine Magen-OP in den Blick. Viele verbinden diesen Eingriff vor allem mit schnellem Gewichtsverlust.
Eine neue Untersuchung aus Schweden zeigt, dass sich der Stoffwechsel nach einer Operation nicht nur wegen der verlorenen Kilos verbessert. Auch der Darm verändert sich deutlich – genauer gesagt die Milliarden Bakterien, die dort leben. Diese Darmflora könnte mitentscheiden, ob sich Diabetes langfristig bessert oder nicht. Das erklärt auch, warum ähnliche Eingriffe bei verschiedenen Menschen so unterschiedlich wirken können.
Bei Diabetes wirkt nicht jede Magen-OP gleich stark
Ausgewertet wurden Daten aus der sogenannten Oseberg-Studie. Forschende der Universität Göteborg untersuchten 77 Menschen mit schwerer Adipositas und Typ-2-Diabetes. 39 erhielten einen Roux-en-Y-Magenbypass, 38 eine Schlauchmagen-OP.
Vor dem Eingriff und zwölf Monate später wurden Stuhlproben analysiert. Die Forscher wollten verstehen, wie sich die Darmflora verändert und ob diese Veränderungen mit dem Stoffwechsel zusammenhängen. Beide Operationsmethoden verbesserten Gewicht und Blutzucker. Der Magenbypass schnitt jedoch stärker ab. Nach zwölf Monaten erreichten:
74 Prozent der Patienten nach Magenbypass eine Diabetes-Remission
52 Prozent nach einer Schlauchmagen-OP
Auch nach fünf Jahren blieb dieser Unterschied sichtbar:
49 Prozent nach Magenbypass
27 Prozent nach Schlauchmagen
Remission bedeutet hier, dass der Blutzucker ohne blutzuckersenkende Medikamente wieder unter den festgelegten Grenzwerten lag.
Der Darm spielt eine entscheidende Rolle
Lange galt vor allem das Gewicht als wichtigste Erklärung für diese Verbesserungen. Wer deutlich abnimmt, verbessert meist auch seinen Stoffwechsel. Die neue Studie beschreibt jedoch noch einen zweiten wichtigen Faktor.
Nach beiden Eingriffen wurde die Darmflora vielfältiger. Besonders deutlich war das bei Patienten, deren Diabetes zurückging. Mehr bakterielle Vielfalt ging also häufiger mit besseren Stoffwechselwerten einher. Auch die Insulinausschüttung und die Blutzuckerkontrolle entwickelten sich günstiger.
„Diese Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, die mikrobielle Ökologie bei der Bewertung von Behandlungserfolgen zu berücksichtigen“, sagt die Mikrobiologin Valentina Tremaroli von der Universität Göteborg.
Dabei kommt es offenbar nicht nur darauf an, wie viele verschiedene Bakterien im Darm leben. Wichtig ist auch, welche Aufgaben sie übernehmen. Einige Darmbakterien können Stoffe bilden, die den Stoffwechsel beeinflussen. Ein solcher Stoff ist Butyrat.
Buttersäure könnte eine wichtige Rolle spielen
Butyrat ist besser bekannt als Buttersäure. Diese kurzkettige Fettsäure entsteht, wenn Darmbakterien unverdauliche Nahrungsbestandteile abbauen. Sie beeinflusst Entzündungen, den Zuckerstoffwechsel und die Kommunikation zwischen Darm und Stoffwechselorganen.
Patienten mit besserer Blutzuckerkontrolle zeigten häufiger eine stärkere Fähigkeit zur Butyrat-Produktion. Auch bestimmte Bakteriengruppen tauchten bei ihnen öfter auf. Dazu gehörten unter anderem:
Alistipes
Christensenellales
Lachnospira eligens
Viele dieser Bakterien sind noch nicht vollständig erforscht. Trotzdem tauchten sie in der Analyse immer wieder bei erfolgreichen Verläufen auf.
Auch Tremarolis Kollegin Lisa Olsson, ihres Zeichens Bioinformatikerin an der Uni Göteborg, betont den Wert dieser genaueren Analyse: „Diese Methoden gehen über rein beschreibende Analysen hinaus. Sie zeigen wiederkehrende Muster in den mikrobiellen Genen, die künftig für präzisere Behandlungsstrategien genutzt werden könnten.“
Der Magenbypass verändert die Darmflora stärker
Die Forscher beobachteten außerdem Unterschiede zwischen den beiden Operationsarten. Beide zählen zur bariatrischen Chirurgie, also zu Eingriffen gegen starkes Übergewicht. Der Magenbypass veränderte die Darmflora stärker und gleichmäßiger. Beim Schlauchmagen verlief die Entwicklung individueller. Dort zeigte sich besonders klar, wie stark bestimmte Darmmuster mit einer späteren Diabetes-Remission zusammenhingen. Das macht verständlich, warum zwei Menschen nach ähnlichen Eingriffen ganz unterschiedlich profitieren können.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Darmmikrobiom nicht nur ein Zuschauer ist, sondern aktiv zur Diabetes-Remission nach bariatrischer Chirurgie beitragen kann“, sagt Fredrik Bäckhed, Professor an der Universität Göteborg.
Ein wichtiger Punkt: Diese Zusammenhänge blieben bestehen, auch nachdem der Gewichtsverlust statistisch berücksichtigt wurde. Die Operation wirkt also offenbar nicht nur über weniger Körpermasse.
Darmbakterien könnten Magen-OPs künftig ergänzen
Das bedeutet noch nicht, dass ein Probiotikum bald eine Magen-OP ersetzen kann. Die Forscher sprechen bewusst vorsichtig über mögliche Anwendungen. „Das weist auch darauf hin, dass eine gezielte Beeinflussung des Mikrobioms durch Ernährung, Probiotika oder andere Maßnahmen einige der günstigen Stoffwechseleffekte einer Operation möglicherweise verstärken oder sogar nachahmen könnte“, so Bäckhed.
Im Moment bleibt das ein Forschungsfeld. Die Studie zeigt Zusammenhänge, aber noch keine fertige Therapie. Viele der beteiligten Bakterien sind noch wenig erforscht. Einige konnten bisher noch nicht eindeutig isoliert werden.
Kurz zusammengefasst:
Eine Magen-OP verbessert Typ-2-Diabetes oft nicht nur durch Gewichtsverlust, sondern auch durch Veränderungen der Darmflora. Besonders eine größere Vielfalt der Darmbakterien war häufiger mit besseren Blutzuckerwerten und einer Diabetes-Remission verbunden.
Der Magenbypass wirkte in der Studie stärker als die Schlauchmagen-OP: Nach zwölf Monaten erreichten 74 Prozent der Patienten eine Remission, beim Schlauchmagen waren es 52 Prozent. Auch nach fünf Jahren blieb der Unterschied mit 49 zu 27 Prozent deutlich sichtbar.
Bestimmte Darmbakterien und die stärkere Bildung von Buttersäure könnten eine wichtige Rolle für den Stoffwechsel spielen. Das eröffnet neue Möglichkeiten für Ernährung, Probiotika und künftige Therapien, ersetzt eine Operation derzeit aber noch nicht.
Übrigens: Nicht nur nach einer Magen-OP entscheidet der Stoffwechsel über den Verlauf von Diabetes – selbst ein deutlicher Gewichtsverlust schützt manche Menschen nicht ausreichend. Warum besonders Leberfett und die Insulinproduktion dabei wichtiger sein können als die Zahl auf der Waage, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Pexels
Tags: Adipositas,Blutzucker,Darmflora,Diabetes,Ernährung,Forschung,Magen-OP,Magenbypass,Mikrobiom,Schlauchmagen,Smart Up News,Stoffwechsel,Typ-2-Diabetes
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