Eva Trobisch traut sich etwas. Ihr dritter Spielfilm – nach „Alles ist gut“ (2018) und „Ivo“ (2024) – hätte eine kleine, konzentrierte Coming-of-Age-Geschichte werden können, über eine etwas orientierungslose Jugendliche aus der ostdeutschen Provinz, die nach München fährt, um in einer Casting-Show im Format von „The Voice of Germany“ zu singen. Doch die Filmemacherin erweitert das Bild zu einem ganzen Familien- und Gesellschaftspanorama, das im Wettbewerb der Berlinale erstmals zu sehen war.

„Wer bist du?“ – die eigene Identität bestimmen

Als ein Kamera-Team im thüringischen Greiz einfällt, um die 16-jährige Lea damit zu überraschen, dass sie für die Show ausgewählt wurde, ist sie mit der Situation zunächst überfordert. Sie soll etwas über sich erzählen, doch es fällt ihr nichts ein. „Wer bist du? Was macht dich aus?“, hakt der Redakteur nach. Peinlich berührtes Lächeln und Schulterzucken sind die Antwort. 

Die Familie ist gespalten über Leas Teilnahme in der Fernsehshow. Die Frage „Was macht dich aus?“ aber schlägt hohe Wellen. Alle stecken sie in ihrer persönlichen Lebenskrise. Die Großeltern betreiben einen Gasthof mit herrlicher Aussicht auf die vogtländischen Berge – doch der trägt sich nicht mehr. Und die einzigen potenziellen Großkunden sind Rechtsradikale

Leas Mutter Rieke ist hochschwanger – von einem anderen Mann – und hat die Verbindung zu ihrer Tochter verloren. Der Vater Matze war zu lange abwesend und muss nun damit leben, dass Rieke ihm davongelaufen ist. Und Tante Kati ist vor zwei Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt, um das Heimatmuseum im Greizer Schloss zu leiten, wird aber massiv im Ort angefeindet, von Leuten, die sich nicht ihre eigene Geschichte erklären lassen wollen.

Zu Beginn des Filmes sitzen die drei Generationen in einer idyllischen Szenerie zusammen an einer langen Tafel vor dem Gasthof und schießen giftige Pfeile aufeinander ab – nicht ohne bösen Humor. Es scheint unter der Oberfläche mehr Brüche als Verbindungen zu geben. „Mama findet es doof, dass es um den Einzelnen geht und nicht um die Gruppe“, fasst Leas kleine Schwester für ihre Mutter die Kritik an der Show zusammen. Die Gruppe – aber wer ist das?

Kollektivismus versus Individualismus

Trobischs Antwort auf die Frage ist ein Ensemble-Film, in dem die Geschichten der Familien-Mitglieder sich gegenseitig anstoßen. Man merkt, dass sie alle ihre Figuren gleich ernst nimmt und jede Perspektive zählt. Um die Dynamik zwischen ihnen auszuloten, hat sie zur Vorbereitung auf das Drehbuch Tagebücher und Briefe für sie verfasst, wie sie auf der Berlinale erzählte. 

Mit der Show in München wird auch die Familie ein Stück weit ins Scheinwerferlicht geholt – das löst neue positive Gefühle aus, vor allem zwischen den getrennten Eltern. Lea kommt durch die erste Runde und darf sich auf den zweiten Teil vorbereiten. Doch umso schwieriger wird es für das TV-Team, passende „Home Stories“ – so auch der internationale Titel – aus ihrem Leben zu machen.

Nach und nach treten immer mehr Brüche und Verletzungen im Figurengefüge zutage. Autobiografisch sei der Film aber nicht, betonte Trobisch. Sie selbst stammt aus Ost-Berlin, hat sich aber zum Studieren nach München und New York aufgemacht. Dennoch: Der Widerspruch zwischen den beiden Leitideen Kollektivismus und Individualismus – und die Ablösung des einen durch das andere – ziehe sich auch durch ihre Familiengeschichte. Das habe sie interessiert. 

Residenzstadt Greiz als Handlungsort

Gleichzeitig blättert der Film verschiedene Vergangenheitsschichten auf. Den Systemwechsel haben die drei Generationen ganz unterschiedlich erlebt, was zu einem permanenten Nicht-Verstehen führt. 

Naturalistisch inszeniert, melodramatisch im Ton, mit Ausflügen in die Tragikomödie überhebt sich der Film immer wieder.

Lars Meyer, MDR KULTUR-Filmkritiker

Da ist zum Beispiel Kati, die als Museumsleiterin versucht, einen großen historischen Bogen zu schlagen. Auch die Textilfabrik, in der ihre Mutter früher arbeitete, wird in das Bild integriert. Ihre Mutter aber fühlt sich dadurch in ihrer Lebensleistung nicht gewürdigt, sondern musealisiert. 

Greiz als Kulisse dafür zu wählen, war eine kluge Entscheidung. Auf ganz andere Weise als Sangerhausen in Julian Radlmaiers Komödie „Sehnsucht in Sangerhausen“ lässt die ehemalige Residenzstadt hier ein unerwartetes Bild von der ostdeutschen Provinz entstehen – als eine Region mit altem Schick und langer Geschichte. 

Film bleibt hinter seinen Ambitionen zurück

Allerdings webt Trobisch dann doch zu viel Bedeutung hinein in ihren historisch aufgeladenen Gegenwartsfilm. So muss etwa Heinrich Heines „Lied der Schlesischen Weber“ immer wieder herhalten, um die Handlung zu unterbrechen. Die Schultheater-Gruppe probt ein politisches Stück auf der Bühne. „Wir weben, wir weben“ klingt es im Chor. 

Naturalistisch inszeniert, melodramatisch im Ton, mit Ausflügen in die Tragikomödie überhebt sich der Film immer wieder: Die Balance zwischen den viel zu vielen dramatischen Einzelgeschichten und Konflikten, die sich zum Teil auch ins Unglaubwürdige entwickeln, gerät ins Wanken, obwohl das Ensemble gut zusammen spielt. Neben der Leipziger Newcomerin Frida Honemann als Lea sind Schauspieler wie Max Riemelt, Rahel Om oder Eva Löbau dabei. 

„Etwas ganz Besonderes“ ist ohne Frage ein mutiger Entwurf, der einen Raum für Diskussionen öffnet, aber seine Ambitioniertheit nicht vergessen machen kann.