Stille liegt über dem ehrwürdigen Saal, in dem Queen Elizabeth II. Würdenträger für ihre Verdienste ehrt. Andächtig wohnt das Publikum der Zeremonie bei,

in der goldglänzende Orden an stolzgeschwellte Brüste gepinnt werden. Doch dann zerschneidet ein Ruf die feierliche Ruhe: „F*** die Queen!“ – Willkommen im Leben von John Davidson. Willkommen im verflucht genialen Tourette-Film Verflucht normal.

Ich schwöre: Verflucht normal ist in diesem Kinojahr ein Muss

Das Tourette-Syndrom ist eine angeborene Erkrankung, bei der Betroffene mit unkontrollierbaren Tics umgehen müssen: Sie zucken, blinzeln, spucken, rufen, schneiden Grimassen und – das wohl bekannteste Symptom – geben (häufig obszöne) Flüche und Beleidigungen von sich. Bei unterschiedlichen Menschen ist die Krankheit mal mehr, mal weniger ausgeprägt. John Davidson (Robert Aramayo) fällt definitiv auf das „mehr“-Ende des Spektrums.

Bis zu seinem zwölften Lebensjahr unterscheidet sich der schottische Junge aus

Galashiels nicht von seinen Gleichaltrigen. Doch seine Fußballträume sterben, als John beginnt, ungewollte Bewegungen und Worte von sich zu geben. Seine Familie und vor allem Mutter Heather (Shirley Henderson) begegnen den „Albernheiten“ des Sohnes mit Irritation und Ärger. 1983 ist der Begriff „Tourette“ noch kaum jemandem geläufig.

13 Jahre ist die Medizin schon ein Stück weiter, John aber trotzdem weit davon entfernt, von seiner Umwelt akzeptiert zu werden. Erst die in mentaler Gesundheit geschulte Mutter eines Freundes, Krankenschwester Dottie (Maxine Peake), zeigt echtes Verständnis. Sie verbietet ihm, sich für Dinge zu entschuldigen, die er nicht kontrollieren kann. Unter Tommy (Peter Mullan)

erhält John schließlich sogar einen Hausmeisterjob im Community-Center. Trotzdem liegt ein steiniger Weg vor ihm und er erkennt: Wenn Tourette in der öffentlichen Wahrnehmung besser verstanden werden soll, muss er selbst etwas unternehmen.

Schaut hier den Trailer zu Verflucht normal:

Verflucht Normal – Trailer (Deutsch) HD

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Verflucht normal, oder I Swear („Ich fluche/schwöre“), wie der Film im englischen Original heißt, macht bereits in seiner ersten Szene der royalen Auszeichnung die Gangart der Erzählung klar: Wir dürfen mit John über die absurden Situationen lachen, die sein Tourette-Syndrom provoziert, aber zugleich miterleben, wie hart sich der Alltag damit gestaltet. Kirk Jones‚ Film will kein Mitleid, sondern ehrliche Anteilnahme an Johns Leben hervorrufen – ein Leben, in dem nicht Tourette, sondern die unwissende Umwelt das Problem ist.

Der Ton macht die Musik: Verflucht normal trifft die goldene Mitte zwischen Ernst und Humor

Das US-Drama The Tic Code erzählte 1999 von den Schwierigkeiten eines musikalisch begabten Jungen, im Alltag mit seinen Tics zurechtzukommen. Florian David Fitz gab Tourette in Vincent will meer (2010) in Deutschland ein tragikomisches Gesicht.

Ein Tick anders (2011) zeigte die weibliche Perspektive einer in der 1:4-Mehrzahl männlichen Diagnose. Edward Nortons Motherless Brooklyn (2019) machte die Krankheit schließlich sogar zum Gimmick seines Privatdetektivs. Aber

Verflucht normal fühlt sich, auch aufgrund des echten Hintergrundes, wahrhaftiger als alle Vorgängerfilme zu der Thematik an.

Daran hat vor allem der geerdete Tonfall der britischen Tragikomödie einen Anteil. Selbst wenn John ab und zu unter dem Druck seiner Tics und ihrer gesellschaftlichen Folgen (im Gerichtssaal, der Polizeiwache oder dem Krankenhaus) zusammenzubrechen droht, sucht man Sentimentalität in Verflucht normal zum Glück vergebens. Trotzdem könnte die Erleichterung kaum größer sein, als wenn der junge Mann nach Jahren schräger Blicke in Dottie und Tommy endlich verständnisvolle Menschen findet, die bei seinen Flüchen mit keiner Wimper zucken und „Wichse als Milch!“ sogar zum Kampfruf erklären.

Kirk Jones‘ Film besitzt in seiner Laufzeit von zwei Stunden mehr Schimpfworte, als selbst Quentin Tarantino in seinen Gangsterstreifen jemals unterbringen könnte. Zugleich versteht man am Ende aber besser, was schon die 1989 erschienene TV-Doku John’s Not Mad  als „verbale Zeitbombe“ bezeichnete. So führt das biografische Drama den Bildungsauftrag, den der mittlerweile 54-jährige John Davidson seit Jahrzehnten verfolgt, leichtfüßig fort, indem er die perfekte Balance zwischen Humor und lehrreicher Ernsthaftigkeit findet. Denn manchmal hilft es einfach nur, die Tragik des Lebens wegzulachen.

In einer Szene trifft John auf eine ebenfalls an Tourette erkrankte Jugendliche. Auf der Autorückbank werfen die zwei sich eine geschlagene Minute lang die wüstesten Beleidigungen an den Kopf. Anschließend können sie sachlich über ihre geteilte Erfahrung reden, während die Lachtränen langsam trocknen. Große Ehre gebührt hierbei nicht zuletzt Hauptdarsteller Robert Aramayo.

BAFTA-Gewinner Robert Aramayo erobert Köpfe und Herzen

In Robert Aramayos Gesicht passt mit Anfang 30 nicht nur die zeitlose Weisheit und Güte seines Ringe der Macht-Elben Elrond, sondern auch die Bürde einer herausfordernden Existenz wie der von John Davison. Egal, ob er einen Zug mit den Worten „Ich habe eine Bombe“ betritt, ein Vorstellungsgespräch mit „Ich bin pädophil“ beginnt, seiner Ersatzmutter versehentlich ins Gesicht schlägt oder auf der Straße zwanghaft Laternen küssen muss: Jeder eingeübte Tic oder auswendig gelernte Fluch wirkt natürlich, wenn der Engländer ihn mit ehrlicher Hingabe vorträgt. Wenn er anschließend in eine stoische Mine zurückfällt, schimmert nicht minder glaubhaft unendliche Erschöpfung durch. Schon allein Aramayos grandiose schauspielerische Leistung ist Grund genug, sich Verflucht normal anzusehen.

Bei den „britischen Oscars“ der BAFTAs wurde Robert Aramayo für seine Performance in Verflucht normal dieses Jahr mit dem wichtigsten englischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet (und setzte sich damit gegen Konkurrenten wie Leonardo DiCaprio und Timothée Chalamet durch). Dass die Preisverleihung vor allem dafür in die Schlagzeilen geriet, dass der anwesende John Davidson das N-Wort rief, während Michael B. Jordan und Delroy Lindo auf der Bühne standen, sollte weder den Film noch Aramayos weitere Award-Chancen abwerten. Trotz erklärender Entschuldigung  können im realen Leben keine kursiven Tourette-Untertitel die Grenze zwischen absichtsvollen und unfreiwilligen Aussagen ziehen.

Das zeigt nur, dass die Integration von Menschen mit Tourette-Syndrom immer noch an die Grenzen der Akzeptanz stößt. Das Biopic selbst thematisiert das (auch filmische) Tabu rassistischer Beleidigung zumindest indirekt: wenn Johns schwarzer Anwalt betont, dass er von seinem Klienten alle farbenfrohen Beleidigungen gehört habe, die er sich nie hätte ausmalen können.

Eigentlich spricht alles dagegen, dass ein Feelgood-Movie über eine frustrierende Erkrankung funktioniert. Aber genau das tut Verflucht normal auf verflucht überzeugende Art und Weise. Denn hinter den irgendwann einfach hingenommenen Schimpfworten lauert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die einen überraschend glücklich aus dem Kino entlässt.

Verflucht normal läuft ab dem 28. Mai 2026 in den deutschen Kinos.