Der Name könnte harmloser kaum sein: Haselstrauch. So heißt das wegen seiner Zerstörungskraft gefürchtete Waffensystem Oreschnik auf Deutsch, mit dem der russische Machthaber Wladimir Putin am Wochenende zum bisher dritten Mal die Ukraine angreifen ließ – erstmals nahe der Hauptstadt Kyjiw. Es gab Tote und viele Verletzte. Der erste Einsatz dieser Raketen war Ende 2024 erfolgt, der zweite Anfang 2026.

Bei der jüngsten Attacke handelte es sich um einen der schwersten russischen Luftangriffe in dem seit mehr als vier Jahren andauernden Moskauer Angriffskrieg gegen die Ukraine. Europäische Politiker reagierten entsetzt und forderten Konsequenzen.

Die Existenz dieser neuen Rakete, die mit Hyperschallgeschwindigkeit fliegen kann, hatte Russland am 21. November 2024 enthüllt, als es mit ihr eine Rüstungsfabrik im ostukrainischen Dnipro angriff. Moskau zufolge handelte es sich um die Reaktion auf damalige ukrainische Angriffe auf Russland mit US-Raketen vom Typ ATACMS und britischen Storm-Shadow-Raketen.

Oreschnik-Rakete könnte Ziele in ganz Europa und US-Westküste treffen

Mittlerweile hat nach russischen Angaben die Serienproduktion der Oreschnik-Rakete begonnen. Das mit Russland verbündete Belarus, das an mehrere EU-Länder grenzt, verkündete, dass die Rakete im Dezember 2025 auch auf seinem Territorium stationiert worden sei.

HANDOUT - 29.12.2025, Belarus, ---: Auf diesem vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums am 29. Dezember 2025 zur Verfügung gestellten Bild ist ein russisches Oreschnik-Raketensystem während eines Trainings an einem ungenannten Ort in Belarus zu sehen. Die Rakete Oreschnik gilt als eine der neuesten Entwicklungen der russischen Waffentechnik. Sie ist prinzipiell fähig, Atomsprengköpfe zu tragen. (zu dpa: «Selenskyj warnt vor Schlag mit russischer Oreschnik-Rakete») Foto: -/Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ Ein russisches Oreschnik-Raketensystem ist während eines Trainings an einem ungenannten Ort in Belarus zu sehen.

© dpa/AP/Russian Defense Ministry Press Service

Nach Angaben von Kreml-Chef Wladimir Putin handelt es sich bei der Oreschnik um eine ballistische Mittelstreckenrakete, die Ziele in 3000 bis 5000 Kilometern Entfernung treffen kann. Sie gehört demnach nicht zu den Interkontinentalraketen, die eine Reichweite von mehr als 5500 Kilometern haben.

Bei einem Abschuss aus Russlands äußerstem Osten könnte sie theoretisch allerdings die US-Westküste erreichen. Und die Rakete könne „fast ganz Europa bedrohen“, sagt Pavel Podvig vom UN-Institut für Abrüstungsforschung (Unidir). Auch Militärexperte Nico Lange sieht in dem Einsatz der Waffe ein Signal an die Europäer, nach dem Motto: „Wir haben hier etwas, damit können wir überall hinschießen in Europa, und das kann man nicht abwehren“, sagte Lange der ARD.

Putin wolle Europa einschüchtern. Dies solle Europa aber nicht zulassen, betont Lange. „Ich glaube, die Europäer sollten schleunigst neue Raketen bauen, diese testen und Putin damit klarmachen: Wir lassen uns nicht einschüchtern und lassen uns nicht erpressen.“

Bis 2019 durften Russland und die USA derartige Raketen wegen des damals noch geltenden INF-Vertrags zu atomar bestückbaren Mittelstreckenraketen nicht in den Dienst stellen. Während seiner ersten Amtszeit als US-Präsident kündigte Donald Trump das Abkommen 2019 allerdings auf und begründete dies mit russischen Verstößen gegen die Vereinbarung.

Geschwindigkeit der Oreschnik-Rakete

Ende 2024 versicherte Putin bei einem im Fernsehen übertragenen Treffen mit Militärs, Russland verfüge über einen einsatzbereiten Vorrat an Oreschnik-Raketen. Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums beruht die Oreschnik auf der RS-26 Rubesch, einer russischen ballistischen Interkontinentalrakete. Diese wiederum ging demnach aus dem Raketentyp RS-24 Iars hervor.

Die RS-26 Rubesch war 2012 erstmals erfolgreich getestet worden. Laut der russischen Nachrichtenagentur Tass wurde das Raketenprogramm 2018 allerdings eingestellt. Damals fehlte es Russland an den Mitteln, gleichzeitig die ballistische Mittelstreckenrakete und Hyperschall-Systeme der neuen Generation weiterzuentwickeln.

Die Oreschnik-Raketeballistische Mittelstreckenrakete für Ziele in 3000 bis 5000 Kilometern Entfernungdurch Geschwindigkeit von etwa 12.350 Kilometern pro Stunde kaum abzufangenkann mit mehreren Gefechtsköpfen bestückt werden – und ist atomwaffenfähig

Putin zufolge kann die Oreschnik-Rakete 2,5 bis drei Kilometer pro Sekunde zurücklegen, also etwa 12.350 Kilometer pro Stunde. Nach seinen Angaben ist es selbst für moderne Luftabwehrsysteme „unmöglich“, die Rakete abzufangen. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes erreichte die im November 2024 auf ihr Gebiet abgeschossene Rakete am Ende ihrer Flugbahn sogar eine Geschwindigkeit von mehr als 13.500 Kilometern pro Stunde.

Gefechtsköpfe der Hyperschallrakete

Putin zufolge kann die Oreschnik mit mehreren Gefechtsköpfen bestückt werden, die sich nach ihrem Eintritt in die Atmosphäre unabhängig voneinander bewegen können. Dies mache es noch schwieriger, sie abzufangen.

Dem polnischen Militärexperten Marcin Andrzej Piotrowski zufolge treffen die Oreschnik-Sprengköpfe „ihre Ziele mit Hyperschallgeschwindigkeiten“. Ein Video des Oreschnik-Angriffs vom 21. November 2024, das in Online-Netzwerken veröffentlicht wurde, zeigte zum Zeitpunkt des Angriffs sechs starke Blitze hintereinander. Laut dem ukrainischen Militärgeheimdienst bedeutet dies, dass die Rakete mit sechs Sprengköpfen versehen gewesen sei.

Ein Team der Nachrichtenagentur AFP, das nach dem Oreschnik-Angriff in Dnipro im Einsatz war, stellte dort nur begrenzten Sachschaden fest. Anwohner, die den Angriff damals miterlebten, berichteten allerdings von einem „höllischen Lärm“ und hellen Lichtern.

Militärexperten zufolge war die Oreschnik-Rakete bei diesem ersten Einsatz in der Ukraine womöglich nicht mit echten Sprengköpfen bestückt. Ihr Einsatz sei vielmehr eine politische Machtdemonstration gewesen.

Ich glaube, die Europäer sollten schleunigst neue Raketen bauen.

Nico Lange, Militärexperte

Militärexperte Lange sagte zum aktuellen Angriff, Europa solle sich nicht einschüchtern lassen. „Ich glaube, die Europäer sollten schleunigst neue Raketen bauen, diese testen und Putin damit klarmachen: Wir lassen uns nicht einschüchtern und lassen uns nicht erpressen.“

Zu den massiven Angriffen, bei denen auch andere Raketen vom Typ Iskander, Hyperschallraketen vom Typ Kinschal und Marschflugkörper vom Typ Zirkon eingesetzt wurden, sagte er: „35 ballistische Raketen auf eine schlafende Großstadt“ abzufeuern, sei ein klares Kriegsverbrechen.

Es solle deshalb Konsequenzen seitens der Europäer geben. Man könne etwa Schengen-Visa für alle Russen stornieren und der Ukraine die deutschen „Taurus“-Marschflugkörper liefern. „Auf jeden Fall muss es Folgen haben, wenn Putin so etwas tut, sonst fühlt er sich ermutigt, das weiterhin zu machen.“

Auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas verurteilte den Angriff Russlands. Moskau setze die Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik als politische Einschüchterungstaktik ein. „Russland ist auf dem Schlachtfeld in einer Sackgasse gelandet, weshalb es die Ukraine mit gezielten Angriffen auf Stadtzentren terrorisiert“, schrieb sie auf der Plattform X.

Lesen Sie zu Russland und dem Ukraine-Krieg bei T+„Ein Erschöpfungsfrieden ist am wahrscheinlichsten“ Fehlt es im Ukraine-Krieg an Diplomatie? Die vielen Krisen des Wladimir Putin Läuft Moskau im Ukraine-Krieg die Zeit davon? „Die russischen Truppen haben keine entscheidenden Erfolge“ Steht die Ukraine gerade besser da als Russland?

„Diese abscheulichen Terrorakte sind darauf ausgelegt, so viele Zivilisten wie möglich zu töten.“ Bei ihrem Treffen in der kommenden Woche würden die EU-Außenminister besprechen, wie der internationale Druck auf Russland weiter erhöht werden könne, so die EU-Außenbeauftragte. (mit AFP)