Der Goldschakal (Canis aureus) erobert Europa im Eiltempo. Ursprünglich war der mittelgroße Wildhund, der in festen Familienverbänden lebt, nur an den südöstlichen Rändern des Kontinents heimisch. Doch seit den 1980er Jahren breiten sich die Tiere rasant aus und erreichen auf ihren Wanderungen mittlerweile sogar Westeuropa und den Norden Norwegens. Auch in Deutschland werden immer wieder Einzeltiere nachgewiesen, da unser Land geografisch mitten in der Ausbreitungslinie liegt.

Wissenschaftler wollten nun genauer untersuchen, warum dieser Siegeszug des Schakals so reibungslos verläuft. Ein internationales Team um den Forscher Nathan Ranc untersuchte anhand von fast 9.000 sogenannten Rufstationen in 13 Ländern, welche Faktoren die Präsenz des Schakals begünstigen. Bei den Rufstationen handelt es sich um festgelegte Standorte im Gelände, an denen Forscher nachts die aufgezeichneten Rufe von Schakalgruppen über Megafone abspielen, um durch die darauffolgenden akustischen Antworten der Tiere deren Präsenz nachzuweisen. Dabei stießen die Forscher auf ein überraschendes Dreiecksverhältnis zwischen dem Schakal, dem nach Europa zurückkehrenden Wolf und dem Menschen.

Das Rätsel der Raubtier-Rangordnung

In der Ökologie gilt der Grauwolf als sogenannter Spitzenpredator – also als das oberste Glied der Nahrungskette, das kleinere Jäger dominiert. Da Wölfe den kleineren Goldschakal als Konkurrenten ansehen, attackieren und töten sie ihn oft. Wenn aber das große Raubtier durch menschliche Verfolgung wegfällt und sich die mittleren Raubtiere explosionsartig vermehren, sprechen Biologen vom Phänomen der „Mesoprädatoren-Entlastung“. Das ist hier der Fall und erklärt auch, warum das historische Verschwinden der Wölfe im vergangenen Jahrhundert den Schakalen überhaupt erst den Weg nach Europa ebnete.

Heute jedoch erholen sich die Wolfsbestände in Europa und auch in Deutschland rasant. Eigentlich müsste dies die Ausbreitung des Goldschakals massiv ausbremsen. Tatsächlich zeigt das statistische Modell der Forschungsgruppe, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Schakalvorkommen dort am geringsten ist, wo stabile Wolfsrudel ihre Kernreviere haben. Doch der Schakal hat eine Ausweichstrategie entwickelt, bei der ausgerechnet wir Menschen die Hauptrolle spielen.

Ein Schutzwall aus Häusern und Asphalt

Die Forscher wiesen nach, dass die Nähe zu menschlichen Siedlungen die biologische Unterdrückung des Schakals durch den Wolf fast vollständig aufhebt. Sie nennen das in der Studie einen menschlichen Schutzschild („human shield“). Da Wölfe den Menschen und seine Infrastruktur strikt meiden, flüchten Schakale in Wolfsgebieten ganz bewusst in die Nähe von Dörfern und Städten. In einem Radius von weniger als 500 Metern um menschliche Bebauungen verliert der Wolf seine abschreckende Wirkung vollständig.

Ohne die Bedrohung durch den Wolf verhält sich der Goldschakal übrigens genau umgekehrt: Wo keine Wölfe leben, meidet er den Menschen und hält großen Sicherheitsabstand zu Siedlungen. Auf diese Weise minimiert er das Risiko, von Jägern geschossen oder auf Straßen überfahren zu werden. Der Schakal wägt Gefahren also präzise ab: Ist der Wolf da, wird der Mensch zum unfreiwilligen Bodyguard. Ist der Wolf weg, bleibt der Mensch die größte Gefahr.

Bereit für die Ankunft in Deutschland

Für Deutschland und Mitteleuropa liefert die Studie eine bemerkenswerte Prognose: Das Modell bescheinigt unseren Landschaften eine hervorragende Eignung als Schakal-Lebensraum. Insgesamt könnten Goldschkale langfristig bis zu 75 Prozent der europäischen Landfläche besiedeln. Neben dem menschlichen Schutzschild spielt ihnen dabei auch der Klimawandel in die Karten. Mildere Winter mit kürzeren Schneeperioden erleichtern den Tieren die Fortbewegung und die Nahrungssuche im Winter enorm, was ihre Wanderung nach Westen weiter beschleunigt.

Die Ankunft des neuen Mitbewohners bringt für das heimische Ökosystem sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich. Auf der einen Seite fungiert der Goldschakal als hocheffiziente „Gesundheitspolizei“, da er als Allesfresser große Mengen an Aas und Schlachtabfällen beseitigt. Zudem erbeutet er massenhaft Nagetiere und hilft so der Landwirtschaft bei der Schädlingsbekämpfung. Auf der anderen Seite warnt die Forschungsgruppe vor „wirtschaftlichen Verlusten durch den Raub von ungeschütztem Nutzvieh“. Schafe, vor allem Lämmer, sind also wie beim Wolf gefährdet. Ein vorausschauendes Wildtiermanagement und effektiver Herdenschutz werden daher unverzichtbar sein, um ein konfliktfreies Nebeneinander auch mit dem Goldschakal zu ermöglichen.