Österreichs Fußball hat viele Problemzonen, weiß Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer. Er spricht über den Derby-Eklat, die Produktion eigener TV-Bilder, die endlich gesicherte Zukunft des VAR – und den Absturz in der Fünfjahreswertung der Uefa.

Christian Ebenbauer war selbst Fußballer und versteht die Begehrlichkeiten aller Vereine. Seit 2018 ist er Vorstand der Bundesliga.

Christian Ebenbauer war selbst Fußballer und versteht die Begehrlichkeiten aller Vereine. Seit 2018 ist er Vorstand der Bundesliga. GEPA pictures / Alexander Solc

Christian Ebenbauer: Ich habe als erstes an Derbys wie Ajax gegen Feyenoord oder in Griechenland gedacht, wo seit Jahren keine Gästefans erlaubt sind. Und sofort gewusst, dass gleich der erste Versuch, wieder Auswärtsfans bei einem Wiener Derby zu haben, leider gescheitert ist.

Es ist beklemmend. Diese Dummheit, dazu der Imageschaden, die Folgen.

Ja. Was alles betrieben worden ist seit September 2024 mit Liga, Klubs, Fanlagern und Behörden, das wurde alles sofort wieder zunichte gemacht. Es ist sehr bedauerlich.

Österreich sieht Fußball ambivalent, auch die Strafen der Juristen polarisieren. Ist Rapids Urteil mit 100.000 Euro Geldstrafe und drei Spielen ohne »Block West« zu milde?

Was ich immer wieder betonen muss: Die Strafe ist die Folge auf etwas, das schon passiert ist. Ich bin der Meinung, dass Prävention das Allerwichtigste ist, auch wenn es jetzt wieder nicht funktioniert hat. Die Sicherheit aller Stadionbesucher hat absolute Priorität. Das muss gewährleistet sein! Das muss man als Dienstleister auch schaffen. Die Strafe dahinter wird von unabhängigen Gremien bemessen, das obliegt Richtern und Juristen. Wir haben ja auch Fanbeauftragte, die vorneweg präventiv arbeiten. Aber die Strafe zu beurteilen, nein, das mache ich nicht.

Christian Ebenbauer ist seit 2018 Liga-Vorstand.

Christian Ebenbauer ist seit 2018 Liga-Vorstand. GEPA pictures / Edgar Eisner

Braucht Österreichs Fußball Fingerprint-Kontrollen am Eingang, personalisierte Tickets, noch mehr Kameras? Wie wird man Krawallmacher endgültig los?

Es ist alle schon mehrfach geprüft worden und Rapid will jetzt auch wieder personalisierte Tickets bei Auswärtsspielen einführen. Das ist ein erster Schritt. Aber alle Maßnahmen, etwa wie in Dänemark mit Gesichtsscan, haben auch datenrechtliche Aspekte mit Stichwort Datenschutzgrundverordnung. Wir werden wieder an die Politik herantreten, um Zugänge dazu zu erleichtern. Denn es geht nur um eines: Die Täter müssen ausgeforscht werden. Diese Personen, die ein solches Verhalten zeigen, sollen in kein Fußballstadion in Österreich mehr hineinkommen. Nur der Fußball, seine Klubs alleine, werden das nicht schaffen. Es braucht Politik und Exekutive, die mitwirken.

Stichwort Ermittlungen, Wien ist da gerade ein Pulverfass. Bei Austria Wien läuft eine »forensische Ermittlung« von Wirtschaftsprüfern. Manch einer muss den Begriff »googeln«.

Gestritten wird eigentlich immer im Wohnzimmer und nicht auf dem Balkon, das habe ich immer gedacht. Dass es bei der Austria so eskaliert, finde ich schade. Ich hoffe, man findet einen Weg, um diesen Streit beizulegen.

Gestritten wird auch über den VAR. Will die Bundesliga diese technische Errungenschaft wirklich streichen, aus Kostengründen? Das klingt absurd.

Dass die Klubs und die Liga prüfen, welche Möglichkeiten es in finanziell herausfordernden Zeiten gibt, ist nicht absurd – sondern völlig legitim. Es gibt weniger Geld, nicht nur des TV-Vertrages wegen, sondern wegen der Rezession, Sparmaßnahmen der Regierung etc. Dass der VAR den Fußball gerechter macht, ist unstrittig. Deshalb haben sich die Klubs schlussendlich für die Fortführung des VAR entschieden. Wir haben es geschafft, das hochwertige System der deutschen Bundesliga von Sportec Solutions zu bekommen und dennoch die Gesamtkosten zu senken. Und wenn die Fifa das bei der U17-WM getestete Challenge System freigibt, hätten wir die Möglichkeit, darauf umzusteigen. Da finde ich es einfach spannend, wie effizient und schnell dieses neue VAR-System agieren kann.

Ebenbauer ist für alle da, hier hält er eine Tagung mit allen Stadionsprechern des Landes.

Ebenbauer ist für alle da, hier hält er eine Tagung mit allen Stadionsprechern des Landes. GEPA pictures/ Alexander Solc

Wie ist es um die Selbstproduktion der TV-Bilder bestellt? Hier wollte man als Liga auch neue Wege beschreiten, dem Partner bessere, eigene Bilder liefern.

Die gesamte Entwicklung des Medienmarktes forciert einen Wandel. Dänemark, Polen, dort funktioniert es mit eigenen Produktionen. Wir haben mit der Firma „Uppercut“ einen Vertrag zur klassischen Auftragsproduktion, mit Sitz im Aufsichtsrat und die Option auf ein Joint Venture. Damit haben wir das Produkt in eigener Hand. Ab Juli 2026 läuft ein neuer TV-Vertrag bis 2030. Sky wird dann nicht mehr das Spielbild produzieren, sondern wir machen das selbst und stellen es Sky, dem ORF und Sportradar zu Verfügung. Das Signal kann durch die Partner aber auch noch mit weiterer Grafik oder Kameras angereichert werden. Der Wechsel ist der, dass wir dann als Bundesliga am Steuer und nicht mehr auf dem Beifahrersitz Platz nehmen.

Wenn wir von Bildern und Eindrücken sprechen: In der zweiten Liga ist soeben nach SV Stripfing auch Austria Klagenfurt insolvent und steigt ab. Ist diese 16er-Liga zu teuer?

Da liegt die Wahrheit wie immer in der Mitte. Entscheidend ist, dass der Übergang aus dem Amateursektor in das Profibusiness überall herausfordernd ist. Es gibt nicht die perfekte Lösung, wir werden auch in Zukunft nicht den „Heiligen Gral“ finden. Es gab 10er, 12er- oder 16er-Liga. Es gab einen, eineinhalb, zwei, drei Absteiger – es gab alles. Die zweite Liga war jetzt als Hybrid-Bewerb aus Profis und Amateuren seit acht Jahren so stabil wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr. Was nun passiert ist: Anfangs funktionierte es sehr gut, aber dann rüsteten zusehends alle auf Vollprofi-Betrieb auf. Der Personalaufwand stieg von durchschnittlich 1,8 auf 2,8 Millionen Euro pro Klub pro Saison. Die Liga brauchte immer schon Unterstützung, von der Bundesliga mit vier Millionen Euro, vom ÖFB mit Übernahme der Referee-Kosten. Mit Geldern aus EM oder Uefa-Beiträgen. Aber ab Sommer gehen diese Einnahmen runter. Wie viele Profiklubs haben Platz in Österreich? Vor der letzten Reform habe ich schon gesagt, dass Österreich wirtschaftlich gesehen keine 20 Profiklubs verträgt, und die wirtschaftliche Lage ist jetzt nicht besser als damals.

Kann man Amateure nicht vor Größenwahn beschützen?

Einerseits rüsten die Klubs auf und auf der einen Seite gilt der Kollektivvertrag sowie der seit 2017 gültige Wartungserlass. Wenn mehr als die Hälfte der eingesetzten Spieler 25.000 Euro pro Jahr verdient, bedarf es einer Ausgliederung in eine Spielbetriebs GmbH und damit muss der Klub zusätzlich Lohnnebenkosten zahlen, das verlangt das Finanzamt. Und eben genau deshalb liegt die finanzielle Wahrheit in der Mitte.

Noch ein unerfreuliches Thema ist der Absturz in der Uefa-Fünfjahreswertung. Die Bundesliga ist nur noch 17., und damit um einen Startplatz ärmer und leidige Qualifikationsrunden reicher.

Der Rückschritt tut massiv weh! Wenn man aus einem Hoch kommt, die Klubs haben über-performt, merkt man das Tief umso mehr. Die finanziellen Auswirkungen sind spürbar, ob mit Prämien für die Teilnehmer oder Non-Participants-Beiträge, also Solidaritätszahlungen für die restlichen Klubs. Von Startplätzen will ich gar nicht reden.

Ist dann die Fußball-WM das einzig positive Erlebnis in diesem Jahr? Welchen Stellenwert hat dieses Event für die Bundesliga?

Es ist großartig, dass sich Österreich erstmals nach 1998 wieder für die WM qualifiziert hat. Ich glaube, dass es ein Turbo für unseren Fußball sein wird. Finanziell wird aus Liga-Sicht nicht anders geplant als bei der Euro. Es kommt hoffentlich etwas Positives heraus für den österreichischen Fußball – aber das wissen wir ja jetzt noch nicht.

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