28. Mai 2026

Quantencomputing gilt in der EU längst nicht mehr als Laborangelegenheit. Mit 11 Milliarden Euro Investitionen, einer neuen Kommissionsstrategie und aufstrebenden Industrieunternehmen formt Europa sein erstes echtes Fundament für technologische Eigenständigkeit im digitalen Zeitalter.

Über zwei Jahrzehnte lang brachte Europa erstklassige Forschung und hochqualifizierte Ingenieure hervor, ohne daraus dominierende Technologieplattformen zu formen. Cloud-Revolution und industrielle Skalierung überließ der Kontinent anderen – und beschränkte sich häufig darauf, technologische Entwicklungen zu regulieren, statt sie anzuführen. Quantencomputing könnte der erste größere Technologiezyklus werden, in dem sich dieses Muster verschiebt.

Vom Forschungsfeld zur Infrastrukturpolitik

In den europäischen Hauptstädten werden Quantentechnologien zunehmend als Werkzeuge wirtschaftlicher Resilienz, industrieller Wettbewerbsfähigkeit und geopolitischer Unabhängigkeit eingestuft. Die politische Sprache hat sich entsprechend verändert: Begriffe wie „Quantensouveränität“, „sichere Kommunikationsinfrastruktur“ und „strategische Autonomie“ haben die rein akademische Rhetorik abgelöst.

Der Grund: Quantencomputing berührt gleichzeitig mehrere Bereiche, die seit der Covid-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine auf der europäischen Sicherheitsagenda stehen – von der Abhängigkeit bei Cloud-Infrastrukturen über Schwachstellen in Halbleiter-Lieferketten bis hin zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit.

Die EU-Quantenstrategie 2025

Die im Jahr 2025 vorgestellte „Quantum Europe Strategy“ der Europäischen Kommission bündelt diese Prioritäten in einem formalen Rahmen. Ziel ist es, Europa bis 2030 nicht nur forschungsseitig, sondern auch industriell und infrastrukturell als globalen Akteur im Quantenbereich zu etablieren. Die Strategie gliedert sich in fünf Handlungsfelder:

Forschung und Innovation im Quantenbereich
Aufbau einer europäischen Quanteninfrastruktur
Industrialisierung des Quantenökosystems
Dual-Use-Anwendungen für Verteidigung und Sicherheit
Fachkräfteentwicklung und Ausbildungskapazitäten

Konkret plant die Kommission die Ausweitung der EuroHPC-Quantenkapazitäten, ein Pilotprojekt für ein europäisches Quanteninternet, den Aufbau sicherer Quanten-Lieferketten sowie die Integration von Quantenkommunikation in Programme wie Galileo und IRIS².

Strukturelle Stärken als Ausgangslage

Anders als bei früheren digitalen Umbrüchen startet Europa diesmal mit substanziellen Grundlagen. Das Ökosystem umfasst unter anderem:

Die Fraunhofer-Institute in Deutschland mit ihrer Ausrichtung auf angewandte Industrieforschung
Das niederländische QuTech-Ökosystem als europäisches Kompetenzzentrum
Finnische Forschung im Bereich supraleitender Quantentechnologie
Staatlich geförderte Quanteninitiativen in Frankreich
Das European Quantum Industry Consortium (QuIC) als Vernetzungsplattform für Start-ups, Konzerne, Investoren und Forschungseinrichtungen

„Das Haupthindernis ist heute weniger wissenschaftliche Glaubwürdigkeit – sondern kommerzielle Skalierung und industrielle Umsetzung.“ Einschätzung der europäischen Quantenindustrie (QuIC)

Unternehmen auf dem Weg zur Börsenreife

Dass die Industrialisierungsphase konkret beginnt, zeigen aktuelle Unternehmensschritte. Zwei Beispiele verdeutlichen die Richtung:

Deutschland als Testfeld industrieller Anwendung

Deutschland hat sich als deutlichster Ausdruck europäischer Quantenambitionen positioniert. Bereits 2021 wurde in Kooperation zwischen IBM und einem Fraunhofer-Konsortium der erste kommerzielle Quantencomputer Europas hierzulande installiert. Die Zielsetzung damals: Datensouveränität nach europäischem Recht, ohne Abhängigkeit von Technologiekonzernen außerhalb Europas.

Industrieanwendungen folgten früh: Volkswagen nutzte Quantenannealer für Verkehrsfluss-Simulationen, BMW untersuchte Optimierungsaufgaben in der Fertigungsrobotik. Der Reiz liegt in einem spezifischen Vorteil der Technologie – Quantensysteme sind bei bestimmten Klassen hochkomplexer Optimierungsprobleme klassischen sequenziellen Systemen überlegen.

„Wir arbeiten an stochastischen partiellen Differentialgleichungen wie den Fokker-Planck-Gleichungen – zur Entwicklung von Batterien, Windturbinen oder für quantitatives Finanzwesen. Diese Gleichungen lassen sich in quantenmechanische Formen umwandeln, die Quantencomputer wesentlich schneller lösen könnten.“ Prof. Anita Schöbel, Direktorin Fraunhofer ITWM Kaiserslautern

Cybersicherheit: Das kurzfristig drängendste Thema

Neben Rechenleistung und Industrieanwendungen steht ein anderes Thema zunehmend im Mittelpunkt: der Schutz bestehender digitaler Infrastruktur vor zukünftigen Quantenangriffen.

⚑ Sicherheitshinweis: Harvest Now, Decrypt Later

Gegnerische Akteure könnten bereits heute verschlüsselte Daten abgreifen, um sie erst mit künftigen Quantencomputern zu entschlüsseln. Betroffen wären Verteidigungssysteme, Finanzdaten, Gesundheitsinformationen und industrielles Know-how – auch wenn die Daten heute noch sicher erscheinen.

Für Europa ist dieses Szenario aus mehreren Gründen relevant: Die europäische Wirtschaft beruht stark auf vernetzter Infrastruktur, regulierten Sektoren und grenzüberschreitenden Digitalsystemen. Ein zukünftiger Vertrauensverlust in kryptografische Grundlagen würde über IT-Probleme hinausgehen und Schwachstellen in Finanzwesen, Energieversorgung, Verkehr und öffentlicher Verwaltung freilegen.

Die Migration zu sogenannter Post-Quantum-Kryptografie (PQC) gewinnt deshalb in europäischen wie amerikanischen Sicherheitsstrategien an Priorität. Entsprechende Standardisierungsverfahren laufen bereits.

Neue Akteure: Orchestrierung statt Hardware

Parallel zu Hardwareherstellern entsteht eine neue Schicht von Unternehmen, die sich auf die Integration und Steuerung hybrider Rechensysteme spezialisieren. Das kanadische Unternehmen SuperQ Quantum Computing (ISIN: CA86848C1086) ist eines davon. Seine Plattform „Super“ und die ChatQLM-Architektur sollen Rechenlasten dynamisch zwischen klassischen Hochleistungsrechnern, Quantenannealern und gatebasierten Quantenplattformen verteilen – über dialogbasierte Schnittstellen statt spezialisierter Programmiersprachen.

Die Positionierung folgt einer Branchenlogik: Die meisten Unternehmen benötigen nicht direkt Quantenhardware, sondern Systeme, die entscheiden, wann Quantentechnologien sinnvoll einzusetzen sind und wie sich Ergebnisse in bestehende Prozesse integrieren lassen. Hinzu kommt eine Initiative zu quantensicherer Verschlüsselung (SuperPQC), die auf die beschriebenen PQC-Sicherheitsanforderungen abzielt.

Für die europäische Perspektive ist vor allem die Partnerschaft mit dem Fraunhofer ITWM relevant. Im Rahmen der Zusammenarbeit sollen SuperQs Orchestrierungstechnologien in industriellen Simulationsumgebungen erprobt werden – mit Fokus auf Logistik, Fertigung, Energie und Finanzwesen. Der Ansatz: Quantencomputing nicht als eigenständige Technologiekategorie, sondern als weitere Optimierungsschicht innerhalb bestehender Industrieprozesse.

Einschränkungen und offene Fragen

Trotz positiver Signale bleibt Nüchternheit angebracht. Der Sektor ist mit Bewertungen konfrontiert, die häufig der kommerziellen Realität vorauslaufen. Die Umsätze bleiben gemessen am Investoreninteresse vergleichsweise gering, und viele Unternehmensanwendungen befinden sich in Pilotphasen ohne breiten Produktiveinsatz.

Europas stärkste Quantenunternehmen stehen vor dem Übergang von Forschungsexzellenz zu nachhaltiger Kommerzialisierung
Die Orchestrierungsebene, auf die SuperQ und Wettbewerber abzielen, ist stark umkämpft – durch Cloud-Hyperscaler, Technologiekonzerne und spezialisierte Start-ups gleichzeitig
Ob Industrieunternehmen breit skalieren oder zunächst in Pilotprojekten verharren, ist noch offen

Fazit: Europas möglicher Standortvorteil

Das Rennen um Quantencomputing entscheidet sich nicht allein nach der Anzahl funktionierender Qubits. Es geht darum, wer Infrastrukturstandards, Sicherheitsarchitektur und die Softwarebasis der nächsten Rechnergeneration definiert.

Europas Stärken in industriellen Systemen, regulierter Infrastruktur, angewandter Mathematik und Cybersicherheit könnten in diesem Kontext wertvoller sein als die Plattformdominanz, die früheren digitalen Wellen zugrunde lag. Die Region verfügt über langjährige Erfahrung darin, Technologien in kritische Infrastruktur, Industrieprozesse und souveräne Systeme zu integrieren.

Ob dieses Potenzial tatsächlich in Marktpositionen übersetzt wird, hängt von konkreter Umsetzung ab – nicht von Strategiepapieren. Mit einem verdichtenden Unternehmensökosystem, substanzieller öffentlicher Finanzierung und dem Beginn industrieller Skalierung sind die Voraussetzungen zumindest günstiger als bei früheren Technologiezyklen.

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