
AUDIO: Sarah Kanes „4.48 Psychose“ als Oratorium mit Sandra Hüller (4 Min)
Stand: 31.05.2026 09:23 Uhr
Kurz vor ihrem Tod 1999, während eines depressiven Schubs, hat die Britin Sarah Kane „4.48 Psychose“ geschrieben. Der Schauspieler Daniel Nerlich hat es in Hannover als Oratorium inszeniert – mit einer überragenden Sandra Hüller.
Ein Tisch, links und rechts ein Stuhl, eine brennende Kerze, dahinter ein Chor aus 15 Stimmen. Sandra Hüller ist nur von der Seite zu sehen, ernst, gefasst, kontrolliert. Sie trägt einen braunen, geschlossenen Anzug. Ihr Blick wechselt gerade einmal zwischen den Seiten des Theatertextes vor sich und Chorleiter Johanthan Hiese am anderen Ende des Tisches. Kein Lachen, keine Bewegung zum Publikum, keine Lebensfreude.
Sandra Hüller: Sie haben mich von der übelsten Seite kennengelernt.
Chor: Ja.
Sandra Hüller: Ich weiß nichts von Ihnen.
Chor: Nein.
Sandra Hüller: Aber ich mag Sie.
Chor: Ich Sie auch.
Sandra Hüller: Sie sind meine letzte Hoffnung.
Dialog aus „4.48 Psychose“
Wenn die Klarheit vorbeischaut
Sachlich reflektiert Sarah Kane in ihrem Stück „4.48 Psychose“ über ihre Situation, die Verzweiflung spürbar und doch kontrolliert – wie auch Sandra Hüller sie in der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover vorträgt: „Um 4.48 Uhr, wenn die Klarheit vorbeischaut. Für eine Stunde und zwölf Minuten bin ich ganz bei Vernunft. Kaum ist das vorbei, werd‘ ich wieder verloren sein. Eine zerstückelte Puppe, ein absurder Trottel.“
4.48 Uhr, es war die Zeit zwischen zwei Medikamentengaben in der psychiatrischen Klinik, in der Sarah Kane sich befand, als sie das Stück schrieb – kurz vor ihrem Tod 1999, mit nur 28 Jahren. Sie ringt mit inneren Stimmen, analysiert schonungslos ihre Aussichtslosigkeit, weiterzuleben, spricht verstörend von ihrem Ende.

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Text entzieht sich direkter Interpretation
Es ist ein Fluss an Text. Protagonisten, Szenen, Regieanweisungen: Fehlanzeige. Für ihn sei es ein persönliches Manifest, sagt Projektleiter Daniel Nerlich, das ihn demütig gemacht habe und fasziniere: „Der Text entzieht sich für mich jeder direkten Interpretation. Das ist ja ein Lautgedicht in verschiedenen Kapiteln, wenn man so will.“
Und doch habe er das Gefühl, die Zeilen verschöben sich heimlich über Nacht. „Wir haben es also hier wirklich zu tun mit einem Stream of Consciousness, einem Gedankenstrom ohne jede Ironie, ohne jede Brechung, der jede Wendung nicht ankündigt zum Thema Suizid und Depression, Selbstverletzungen.“

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Der Chor summt, spricht und singt
Da passt Bachs Choral „Wer hat dich so geschlagen“ aus der Johannes-Passion, den der Chor Favoriti San Giovanni anstimmt. 15 Sängerinnen und Sänger, mit und ohne Gesangsausbildung, jung und alt, hat der Kantor der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover, Jonathan Hiese, für die Aufführungen zusammengebracht. Mal sprechen sie durcheinander, dann summen sie, singen.
Für Jonathan Hiese verschmilzt in diesem Stück die Musik des Oratoriums mit den Worten Sarah Kanes: „Es geht ganz viel um den Klang der Worte, also nicht nur um den Inhalt, der transportiert wird, sondern auch, wie die Worte im Raum klingen und wie sie unterschiedlich klingen, wenn es eine einzelne Stimme oder wenn es eine ganze Gruppe von Menschen spricht.“
Eine Zahlenreihe als Gebet
Am Ende spricht das Publikum eine Zahlenreihe aus einem psychologischen Test gemeinsam, der im Text vorkommt. Das hat etwas von gemeinsamem Beten. Es spendet wie das sphärische Orgelvorspiel am Anfang Trost angesichts des schweren Themas. Depression im Kirchenraum zu verhandeln, in einem Text fürs Theater, ist ein geglücktes Setting. Sandra Hüller in einer starken Version einer psychisch Kranken zu sehen, ist es ebenso.

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