All das führt natürlich zu einem unglaublichen Riss im Bündnis, wenn der größte Alliierte schlicht abdriftet. Und das, was es fundamental beschädigt hat, ist das, was eigentlich die Nato ausmacht: nämlich das Vertrauen der Alliierten ineinander.
Denn man kann strategische Themen, sei es Russland, sei es die Ukraine, sei es die europäische strategische Verantwortung in einer solchen Nato schlicht nicht diskutieren. Und es wird nicht diskutiert. Bestes Beispiel: Als diese ganze Grönland-Krise eskalierte, war keine Debatte über das Thema im Nato-Rat in Brüssel. Sie fand nicht statt.
In unserer Befragung hat sich die Mehrheit der Befragten eine EU-Armee gewünscht. Ist das auch eine Option?
Das kommt immer darauf an, wie man so eine EU-Armee ausfüllt. Denn Armen sind typischerweise sehr national geführt und geprägt. Der Weg von diesen einzelnen nationalen Armeen zu einer gemeinsamen europäischen Truppe mit einer entsprechenden gemeinsamen Führung ist ein sehr, sehr weiter Weg. Aber wenn der notwendige politische Wille da ist, ist das machbar.
Rein quantitativ haben wir genug Soldaten. Wir haben um die zwei Millionen Soldaten, also mehr als die USA. Aber sie sind nicht daran gewöhnt, wirklich miteinander verzahnt zu agieren. Und auch da sollte man sich überlegen: Was brauchen wir eventuell auch an neuen Führungsstrukturen, um das hinzukriegen?
Dann schauen wir mal auf den Auslöser, wenn man so will: Zum vierten Mal jährt sich der Angriff Russlands auf die Ukraine. Immer wieder gibt es Versuche, über einen Frieden zu verhandeln. Aber der Optimismus hält sich in Grenzen. Das zeigt auch unser Stimmungsbild aus Mitteldeutschland: MDRfragt wollte wissen: Glauben Sie an ein Kriegsende im Jahr 2026? Das Ergebnis ist nicht überraschend. Was denken Sie als Optimistin, die sich Sorgen macht: Ist ein Verhandlungsfrieden realistisch in diesem Jahr?
Nein. Ich halte das für sehr, sehr unwahrscheinlich. Grundlage ist die Tatsache, dass Präsident Putin schlicht nicht an einem Frieden interessiert ist, weil die weitere Existenz seines Regimes auch von der Fortführung dieses Krieges abhängt. Außerdem spielt die Zeit für ihn, weil er hat in Trump jemanden, der ihm hilft. Trump ist nicht wirklich an einem gerechten Frieden interessiert.
Trump ist daran interessiert, dieses aus seiner Sicht Störende der russischen Aggression gegen die Ukraine aus dem Weg zu schaffen — relativ egal zu welchem Preis — weil er möchte gerne mit Russland wieder in großem Stile Geschäfte machen. Auch vor diesem Hintergrund sind die Chancen auf einen gerechten, nachhaltigen Frieden in der Ukraine sehr gering.
Ich würde trotzdem gerne mit Ihnen einen optimistischen Blick in die Zukunft werfen. Wie könnte es wieder weniger Krieg geben oder kurzfristig zu einer De-Eskalation kommen? Sehen Sie da irgendeine Chance?
Kurzfristig glaube ich gar nichts. Aber langfristig, wenn wir lernen, dass eine Politik des Mutes uns aus diesen Sackgassen rausbringt. Wir müssen uns vor Augen führen: Jedes Land in Europa ist wirklich zu klein. Wir haben nur eine Chance uns in dieser Auseinandersetzung der Gewaltmenschen — heißen sie nun Putin, Trump oder Xi —zu behaupten, wenn wir zusammenhalten.
Eine Politik des Mutes weist Perspektive auf und liefert Führung.
Gerlinde Niehus
Sicherheitsexpertin
Sonst sind wir weiter Opfer. Aber wir sind dann eben auch Opfer unserer eigenen Untätigkeit und unseres eigenen Mangels an Mut. Insofern wünschte ich mir, dass wir alle mutiger sind und auch unsere Politiker auffordern, eine Politik des Mutes zu verfolgen. Eine Politik des Mutes weist Perspektive auf und liefert Führung.
Auch das ist etwas, was wir wieder lernen müssen. Aber wir können das alles: Von den Ressourcen her, von unseren gesellschaftlichen Strukturen her ist das alles machbar. Wir müssen es nur tun.