Small Talk ist so eine Sache, vor allem in Gruppen. Es gilt, dranzubleiben, um vielleicht selbst eine passende Anekdote beisteuern zu können. Dabei zu sein und nicht außen vor. Wenn aber mehrere Menschen auf einmal reden, wird das schwierig.
Schwerhörige Menschen sind in solchen Situationen schnell außen vor. Ihr Sprachverständnis leidet, wenn es im Gespräch schnell und durcheinander geht und sich Gesprochenes überlagert. Zwar können Hörgeräte manche Störgeräusche unterdrücken, aber Redebeiträge verstärken die meisten gleichermaßen, auch Stimmengewirr. Neue Technologien sollen helfen.
Anstrengende Gespräche
Das Gehirn kann zu einem gewissen Grad dagegenhalten und aus dem Gesprächsstrom herausfiltern, was eine Person sagt. Das wird bisweilen als „Cocktail-Party-Effekt“ bezeichnet. Jetzt haben Forschende an der Columbia University in New York eine Technologie entwickelt und mit Menschen getestet, die den Effekt für Schwerhörige nutzbar machen soll.
Was das beste Hörgerät ist, ist komplett individuell.
Kriemhild Egermann, Gesundheits- und sozialpolitische Referentin, Deutscher Schwerhörigenbund e.V.
„Wir haben ein System entwickelt, das wie eine neuronale Erweiterung funktioniert“, sagt der leitende Autor Nima Mesgarani. In Zukunft könnte die Technologie dazu beitragen, das selektive Hörvermögen von hörbeeinträchtigten Menschen wiederherzustellen, berichtete Mesgaranis Team kürzlich in der Fachzeitschrift „Nature Neuroscience“.
Doch um für hörbeeinträchtigte Menschen gut zu funktionieren, müssen Hörgeräte viele Aufgaben erfüllen können, sagt Kriemhild Egermann vom Deutschen Schwerhörigenbund, selbst beidseitig Hörgerätträgerin. Wer sich Hörgeräte zulegen wolle, solle zuerst verschiedene Modelle testen, um das Beste für sich zu finden. „Das ist komplett individuell“, sagt Egermann.
Hörbeeinträchtigte in Deutschland
Nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbunds ist in Deutschland etwa jeder fünfte Mensch über 14 Jahre hörbeeinträchtigt. Das sind über 13 Millionen Menschen.
Mehr als die Hälfte davon sind leichtgradig schwerhörig. Sie verstehen normale Gespräche, hören jedoch leise Geräusche wie Flüstern, Blätterrauschen oder Uhrenticken nicht mehr. Sie haben auch Schwierigkeiten, bei Hintergrundgeräuschen Gesprächen zu folgen.
Etwa ein Drittel ist mittelgradig und etwa sieben Prozent sind hochgradig schwerhörig. Sie können Türklingeln überhören und ohne Hilfsmittel keine Telefongespräche mehr führen. Bei knapp zwei Prozent der Betroffenen grenzt die Schwerhörigkeit an Taubheit.
Wie gut die Geräte Hörverluste ausgleichen können, ist auch situationsabhängig. Im Gruppengespräch könnte man Hörgeräte lauter stellen, sagt Egermann, und neue – meist auch teure – Geräte könnten in eine Richtung ausgerichtet werden und Geräusche aus anderen unterdrücken. „Aber es ist extrem anstrengend, sich auf die eine Person zu konzentrieren“, sagt Egermann.
Co-Autor der Studie Vishal Choudhari nennt zwei Probleme mit dieser Herangehensweise: Die Ausrichtung basiere auf der Annahme, dass man der Person, der man zuhören möchte, das Gesicht zuwendet. „In echten Situationen blickt man sich aber öfter um oder in eine andere Richtung, obwohl man sich weiter mit einer Person unterhält.“ Zudem kämen die Geräte an Grenzen, wenn mehrere Stimmen aus der gleichen Richtung kommen, etwa von der anderen Tischseite bei einem gemeinsamen Essen.
Mit der Kraft der Gedanken
„Wir wollen von richtungsbasierten zu absichtsbasierten Hörhilfen gelangen“, sagt Choudhari. Per Computer zu automatisieren, dass ein Hörgerät das in Gedanken gewünschte Signal verstärkt, während es andere unterdrückt, könnte gleichzeitig das Sprachverständnis verbessern und die Anstrengung mindern.
Für ihre Experimente haben Mesgarani und Choudhari mit Chirurgen und Epilepsiepatienten und -patientinnen zusammengearbeitet. Diese trugen bereits Elektroden im Kopf, die ihnen implantiert worden waren, um Anfälle aufzuzeichnen.
Die Probanden steuerten im Experiment mit ihren Gedanken, ob das Gespräch aus dem linken oder das aus dem rechten Lautsprecher lauter gestellt wurde.
© Vishal Choudhari / Mesgarani lab / Columbia’s Zuckerman Institute
Die Forschenden nutzten die Elektroden, um die Gehirnaktivitäten der Probanden zu messen, während diese versuchten, einem von zwei gleichzeitig abgespielten Gesprächen zu folgen: eines aus einem Lautsprecher links, das andere aus einem Lautsprecher rechts – munter durcheinander, wie im echten Leben.
Das von den Forschenden entwickelte, auf einem Computer laufende System erkannte anhand der Hirnwellen in den meisten Fällen richtig, welchem Gespräch der Proband folgen wollte. Es hob dann dessen Lautstärke an, während es das andere leiser machte. Für eine Freiwillige war die Erfahrung unglaublich. Sie ging fest davon aus, dass die Forschenden die Lautstärken heimlich anpassten, berichtet Choudhari.
Rechtzeitig testen
„Es ist bemerkenswert, wie das System die Signale in Echtzeit deutete und damit die Anlage steuerte“, sagt Tim Jürgens von der Technischen Hochschule Lübeck, der nicht an der Studie beteiligt war. In seinem Forschungsprojekt „alltagsnahe Hörgeräte-Evaluation mittels virtueller Akustik“ (AHEVA) geht seine Arbeitsgruppe der Frage nach, wie Hörgeräte unter Bedingungen getestet werden können, die dem Alltag wirklich nahekommen.
Mit sphärisch angeordneten Lautsprechern können im AHEVA-Labor alltägliche Geräuschsituationen wie etwa vorbeifahrende Autos realistisch nachgestellt werden.
© TH Lübeck
Mit den Elektroden sei es in dem Experiment möglich gewesen, abzuleiten, wie man eine Richtungsfilterung einstellt, sodass nur das den Nutzer interessierende Signal verstärkt wird. Aber als operativer Eingriff kommen Elektrodenverpflanzungen für die meisten Schwerhörigen nicht infrage. Mesgeranis Team hält Elektroden außerhalb der Schädeldecke für einen weiterführenden Ansatz. Aber von einem tragbaren Gerät ist die Technik noch weit entfernt.
Jürgens sieht eine Erweiterungsmöglichkeit, die bereits in Hörgeräten genutzt wird: Gyrosensoren, die Informationen darüber liefern, wie Hörgerätetragende ihren Kopf halten. „Wenn man solche Signale mit Richtungsfilterungen kombiniert, könnten Hörgeräte auf das Verhalten der Trägerinnen und Träger reagieren und selektiv Signale verstärken.“
Hörgeräteträgerin Egermann freut sich über die Ideen und technischen Neuerungen. „Aber letztlich werden es die Abnehmer sein, die darüber entscheiden, was sich durchsetzt.“
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Ihr wäre wichtig, dass mehr Menschen ab dem Alter von 50 Jahren Hörtests machen, auch um den Folgen von Schwerhörigkeit vorzubeugen. Schwerhörigkeit sei für viele schambehaftet, sie könne Betroffene aber auch in die Einsamkeit führen, Depressionen verursachen und ohne geeignete Behandlung zu Demenz beitragen.
Egermann selbst merkte, dass sie etwas tun musste, als sie sogar Personen, die direkt neben ihr saßen, nicht mehr verstand. Vor allem, wenn nebenher der Fernseher lief. „Da hätten mir gute Hörgeräte bestimmt schon zwei Jahre zuvor helfen können“, sagt sie.