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Seite 1Trump klebt ein Preisschild auf den Widerstand
Seite 2Unterstützung für Anthropics Linie
Das Unternehmen hinter dem Chatbot Claude hat sich geweigert, dem Pentagon freie Hand bei der Verwendung seines KI-Modells „für alle rechtmäßigen Zwecke“ zuzugestehen, widersprach dem Einsatz seiner KI-Systeme für die Massenüberwachung von US-Amerikanern und für autonome Waffensysteme, die ohne menschliches Zutun töten.
Die Trump-Regierung reagierte prompt und heftig, und US-Präsident Donald Trump ordnete am Freitag an, dass alle Bundesbehörden aufhören müssen, die KI-Technologie von Anthropic zu nutzen. Sein Kriegsminister Pete Hegseth kündigte an, Anthropic als Lieferkettenrisiko einzustufen. Damit dürften auch alle Vertragspartner des Pentagon nicht länger mit Anthropic zusammenarbeiten. Das ist eine Maßnahme, die üblicherweise Firmen im Ausland vorbehalten ist, etwa dem chinesischen Unternehmen Huawei, aufgrund nationaler Sicherheitsinteressen – Anthropic würde das stark treffen. Das Unternehmen hat am Freitag bereits rechtliche Schritte dagegen angekündigt.
Anthropic betreibt das bislang einzige KI-Modell, das beim US-Militär in classified systems, also in Informationsumgebungen mit hoher Geheimhaltungsstufe, im Einsatz ist. Die Anthropic-Technologie galt bislang dort als fast unverzichtbar. Ein Umstieg wäre mindestens aufwendig – lange gefackelt wurde aber offenbar dennoch nicht: Ebenfalls am Freitagabend verkündete Anthropic-Konkurrent und ChatGPT-Macher OpenAI an, ein neues Abkommen mit dem Pentagon geschlossen zu haben, das ermöglichen soll, dass das Pentagon dessen Technologie ebenfalls in ebendiesen classified systems nutzen können soll. Jenseits der Erklärung von Sam Altman ist über den Deal bislang noch nicht viel bekannt. Offiziell bestätigt hat das Pentagon ihn gegenüber US-Medien bislang noch nicht. Darin soll aber laut Altman eine Lösung gefunden worden sein, wie man eine Nutzung von OpenAI-Technologie für heimische Überwachung und autonome Waffen unterbinden könne.
Die US-Regierung entscheidet damit die Frage, wer über den Einsatz von KI-Modellen bei US-Militärs bestimmt, mit aller Schärfe erst einmal für sich. Anthropic bleibt eine stabile Haltungsnote – für die Verteidigung ihres Markenkerns, hohe Ansprüche an Sicherheit und Verantwortung zu haben –, ein potenziell gigantischer Schaden und eben: rechtliche Schritte.
Des Widerspenstigen Zähmung
Das heftige Vorgehen des Pentagon gegen Anthropic, aber auch die schrille Begleitrhetorik von Regierungsvertretern demonstriert, wie sehr man sich dort über Anthropic und seinen Chef, Dario Amodei, ärgert – und wie sehr man sich deren Widerworte in Fragen von KI-Sicherheit dort verbittet.
© ZEIT ONLINE
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Dass Anthropic sich Medienberichten zufolge in den Verhandlungen durchaus kompromissbereit gezeigt hatte und lediglich auf seinen zwei roten Linien für die Massenüberwachung von US-Amerikanern und für vollautonome Waffen bestand, änderte nichts daran: Mit weniger als einer Carte blanche, dem ungehinderten Zugriff auf Anthropics KI-Modell für das US-Militär für alle gesetzeskonformen Zwecke, wollte sich das Verteidigungsministerium nicht zufriedengeben.
Im Laufe der Woche hatte das Pentagon Anthropic teils heftig gedroht: Dort schwang man nicht nur die Lieferkettenkeule gegen das Unternehmen, sondern spekulierte auch darüber, Anthropic über den Defense Production Act zu zwingen, eine Version seines KI-Modells für das US-Militär freizugeben
– ein aus dem Koreakrieg stammendes Gesetz, das dem US-Präsidenten
erlaubt, private Industrie im Namen der nationalen Sicherheit zu steuern.
Trump bezeichnete Anthropic zudem am Freitag auf der Plattform Truth Social als „linke Spinner“ und schrieb, die USA würden sich niemals von „einem radikal linken, woken Unternehmen“ vorschreiben lassen, wie das US-Militär Kriege führe. Verteidigungsminister Pete Hegseth warf Anthropic auf X „Arroganz und Betrug“ vor.
All das legt nahe, dass es Pentagon und US-Regierung nicht nur um mehr Flexibilität beim militärischen Einsatz von Anthropics KI-Modellen ging. Sondern um die Unterwerfung eines widerspenstigen Konzerns – als Signal auch an andere Technologie- und KI-Unternehmen des Landes. Nicht, dass diese sich seit Beginn der zweiten Trump-Legislatur groß gesträubt hätten. Man muss schon ein wenig im
Gedächtnis kramen, um sich an einen Fall zu erinnern, in dem jemand aus
den Chefetagen von KI- und Techkonzernen der Trump-Regierung derart offen Kontra gegeben hat wie Amodei und Anthropic.
Hintergrund dessen ist ein Stimmungswandel in der US-Technologiebranche der USA, der sich in den USA in den vergangenen Jahren vollzogen hat. Es ist nicht allzu lange her, da mochten viele Unternehmen und Tech-Arbeiter im Silicon Valley keine Hard- und Software für den Kriegseinsatz bauen. Anhaltende
Mitarbeiterproteste brachten 2018 bei Google Project Maven zu Fall,
ein Projekt, bei dem die künstliche Intelligenz des Unternehmens
US-Militärs beim Auswerten von Drohnenaufnahmen unterstützte.
Von solchen Grundsatzbedenken haben sich viele im Technologie- und KI-Sektor weit entfernt. KI-Entwickler wie Google und OpenAI entschärften ihre Hausregeln für den KI-Einsatz, damit sie auch für Militärkunden arbeiten konnten. Palantir, Meta,
OpenAI und viele andere Firmen schlossen Verträge in Millionen- und
Milliardenhöhe ab für die Entwicklung von Hard- und Software für
US-Militärs, während führende Mitarbeiter mit großen Worten die Notwendigkeit des digitalen Aufrüstens in den USA beschworen. Topmanager von Meta, OpenAI und Palantir ließen sich in Flecktarn als Armeereservisten vereidigen – um dort zu beraten, wie man neue Technologien schneller integrieren kann.
Es
ist eine Entwicklung, die Hand in Hand ging mit einer Sorge, die den
US-Militärsektor schon länger umtrieb. Dort fürchtete man, dass die Streitkräfte nicht mehr ausreichend modern ausgestattet seien, gerade im Vergleich zu Chinas KI-Aufrüstung.
Auch das erklärt den Druck, die Dringlichkeit, das Rekordbudget, mit
dem die Trump-Regierung die immer engere Verzahnung ihrer
Streitkräfte mit Privatunternehmen aus dem Silicon Valley vorantreibt.
Insbesondere Verteidigungsminister Pete Hegseth drängt massiv auf den Einsatz von KI
beim US-Militär. Dabei ist ihm vor allem eine hohe Geschwindigkeit ein
Anliegen. Man müsse „Trade-offs bei Risiken“ und „andere
subjektive Fragen so angehen, als befänden wir uns im Krieg“, schrieb
er im Januar in einem Papier über KI beim Militär.
Vor
diesem Hintergrund erklärt sich etwas besser, warum die Positionierung
von Amodei und Anthropic beim Pentagon auf derart heftigen Widerstand
stieß.