
Schutzkleidung in einem Ebola-Behandlungszentrum in Munigi in der VR Kongo wird nach dem Reinigen getrocknet.
Foto: AFP/ Jospin Mwisha
Ein Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo und im Nachbarstaat Uganda zeigt gerade wieder, wie gefährlich das Virus nach etlichen Epidemien immer noch ist. Dabei ist das Ebola-Fieber in der Geschichte der Infektionskrankheiten ein Neuling: 1976 arbeitete der 34-jährige Arzt Jean-Jacques Muyembe in Yambuku, im Norden der damaligen Republik Zaire. Das abgelegene Dorf war von den meisten seiner Bewohner schon verlassen worden, aus Angst vor einer rätselhaften Krankheit. Einige der zurückgebliebenen Menschen konnte Muyembe untersuchen. Er wollte die Ursache für Fieber, Kopfschmerz und Durchfall finden. Bei einer Blutabnahme war dem promovierten Biologen bereits klar, dass er es hier mit etwas bisher Unbekanntem zu tun hatte, nicht mit einer der in diesen Regionen bekannten Infektionen.
Infektionskrankheiten können nicht unabhängig von der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umgebung, in der sie sich ausbreiten, verstanden und kontrolliert werden.
Mangels eigener geeigneter Forschungslabore schickte Muyembe die Proben nach Belgien, wo er an der Universität Leuven promoviert hatte. Im September 1976 erreichte das Paket mit den Blutröhrchen, teils beschädigt, das Institut für Tropenmedizin in Antwerpen. Der junge Mikrobiologe Peter Piot untersuchte die Proben aus Yambuku und fand dort ein für ein Virus großes, schlangenartiges Partikel, mit Ähnlichkeit zum Marburg-Virus. Nach einem Fluss in der Nähe von Yambuku erhielt das neue Virus den Namen Ebola. Für die Entdeckung wurden Piot und seine Kollegen gewürdigt, aber Jean-Jacques Muyembe blieb erst einmal unbekannt.
Jetzt werden beide Wissenschaftler mit dem Virchow-Preis 2026 geehrt, wie am Dienstag von der Virchow-Stiftung bekannt gegeben wurde. Der Preis wird seit 2022 vergeben und ist mit 500 000 Euro dotiert. Hinter der Stiftung stehen die Wissenschaftsakademien Leopoldina sowie die von Berlin-Brandenburg, außerdem Mitglieder des Bundestages sowie der Zivilgesellschaft, darunter die Verlegerin Friede Springer oder Detlev Ganten, langjährig an der Charité und für ihren Stiftungsrat tätig. Gegründet wurde die Stiftung 2021 anlässlich des 200. Geburtstages von Friedrich Virchow. Die Verleihung des Preises erfolgt im Oktober im Roten Rathaus Berlin.
Die jetzige Ehrung der beiden Wissenschaftler erfolgt jedoch nicht nur für ihre initialen Leistungen bei der Entdeckung des Ebola-Virus. Muyembe widmete sein Leben der Erforschung und Bekämpfung des Virus. Er leitete zudem die Notfallmaßnahmen bei neun der bisherigen Ebola-Epidemien in seiner Heimat. Besonders hervorzuheben ist, dass es dem Mediziner gelang, das Vertrauen der betroffenen Gemeinschaften zu gewinnen und sie auch von Schutzmaßnahmen zu überzeugen. Seine Strategien zur Kontaktverfolgung und Isolierung machten ihn zu einem Pionier der Seuchenkontrolle, an der sich auch westliche Staaten während der Corona-Pandemie orientierten. Neben vielen anderen Aktivitäten entwickelte Muyembe ein wirksames Medikament gegen den Zaire-Typ des Ebola-Virus, das er 2020 patentieren ließ. Heute engagiert er sich für die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Europa, den USA und Afrika in der globalen Forschung.
Der belgisch-britische Arzt Peter Piot war unter anderem in den USA und als Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen sowie leitend bei UN-Aids tätig. Bis Anfang der Neunzigerjahre hatte er Professuren in Nairobi und Brüssel inne. In der Corona-Pandemie war er Berater der Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen. Er erkrankte selbst an Covid-19 und überlebte. Laut der Würdigung der Virchow-Stiftung betonte Piot unermüdlich, dass Infektionskrankheiten nicht unabhängig von der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umgebung, in der sie sich ausbreiten, verstanden und kontrolliert werden können.
An diesem Punkt ist er sowohl bei dem Erbe des Hygienikers Friedrich Virchow als auch bei den Werten von Muyembe. Der Mediziner Virchow hatte unter anderem Mitte des 19. Jahrhunderts den Zusammenhang von chronischen Hungerzuständen im Spessart mit dem Auftreten epidemischer Krankheiten in dieser Region untersucht. Um 1870 war er maßgeblich daran beteiligt, dass Berlin sowohl eine Kanalisation als auch eine zentrale Trinkwasserversorgung erhielt. 1848 hatte er der Politik die Verantwortung für die Leiden der verarmten und hungernden Bevölkerung in Oberschlesien zugewiesen, wo damals eine Flecktyphus-Epidemie grassierte.