Verehrung der Literatur und radikale Zensur – das ist nur scheinbar ein Widerspruch: Warum zwei große Tyrannen einen für seine „Humanität“ gerühmten Dichter verehrten, und warum Putin einer anderen Welt entstammt.

Ein Pfeife rauchender Intellektueller, der sich in den 1960ern und -70ern in den säkularen literarischen Zirkeln von Maschhad zeitweise wohler zu fühlen schien als unter Theologen: Auch das war Ali Khamenei, früher einmal. Man weiß von seiner leidenschaftlichen Liebe zur persischen Lyrik, die er auch selbst produzierte, von seiner Begeisterung für große europäische Romanepen des 19. Jahrhunderts, von Leo Tolstoi etwa oder Victor Hugo.

Besonders nahe gingen Ali Khamenei aber Romane, in denen es um das Leid des Volkes und das Aufbegehren gegen Unterdrückung ging: zum Beispiel ein Romanklassiker des sozialistischen Realismus, „Der stille Don“, der im Ersten Weltkrieg, während der Oktoberrevolution und dem Bürgerkrieg spielt. Khamenei teilte damit die Begeisterung vieler Literaturkenner im Westen: Michail Solochows erhielt dafür 1965 den Nobelpreis (erst später stellte sich heraus, dass er wohl große Teile von anderen Autoren plagiiert hat) Über allem aber stand für den jüngeren Kleriker aber Victor Hugos „Les Misérables“, das mit großer Sympathie für den Pariser Juniaufstand 1832 geschrieben ist. Khamenei las es als Aufschrei gegen soziale Ungerechtigkeit und nannte es das „beste Buch, das je geschrieben wurde“, eine „Bibel der Menschlichkeit“.

Es wirkt nur auf den ersten Blick als Paradoxon oder Zeichen einer großen Wandlung: dass dieser Mann später ein System der „Gedankenzensur“ anführte, die ein Jahr vor seiner Machtübernahme von seinem Vorgänger ausgesprochene Fatwa gegen Salman Rushdie bekräftigte und Autoren verfolgen ließ; dass er sich als Oberster Führer in Poesie-Nächten stundenlang Lyrik vorlesen ließ, um als literarischer Richter ihre Metrik und ihre Themen zu bewerten. Dass er, der zum Schlächter am iranischen Volk wurde, besonders Werke liebte, die unterdrückten, leidenden „einfachen“ Menschen eine Stimme gibt.

Seine Liebe zur Literatur, besonders zum sozialkritischen Realismus, passte so gut zu seiner politischen Tyrannei wie bei Stalin, diesem ebenfalls großen Verehrer der Dichtung und begeistertem jungen Leser von Victor Hugo. Als Student bekam Stalin sogar Probleme an der Uni, weil er heimlich Victor Hugos „Die Arbeiter des Meeres“ und „1793“ gelesen hatte.

Für beide war klar, dass die Kunst nicht Ausdruck individueller Freiheit sein soll, sondern politisches Werkzeug. Beide sahen sich als Hohepriester der Revolution und der aus ihr hervorgegangenen Macht, zum Wohl des Volkes, das strenge Lenkung durch jene braucht, die wissen, was wahr, gut und gerecht ist. Und beide nahmen die Macht der Worte sehr ernst. Sie glaubten (noch) an die politische Macht der Literatur.

Letzteres verbindet auch einen Khamenei mit jenen, die im 20. Jahrhunderts an die Macht des Wortes glaubten, um politische Freiheit zu erkämpfen, Václav Havel zum Beispiel. Khamenei konnte beobachten, wie Intellektuelle etwa in Osteuropa durch Essays und, ja, auch Poesie dazu beitrugen, den Kommunismus zu Fall zu bringen. Zu dieser Zeit wurde er Oberster Führer. Hätte er die Macht der Kunst gering geschätzt, er hätte sie wohl weniger verfolgt.

Ein autoritärer Führer wie Putin entstammt einer anderen Welt. Auch er rühmt die „große“ russische Kultur, besonders Literatur, auch er instrumentalisiert sie politisch. Aber er konnte den Autoren bis zum Ukrainekrieg sehr viele Freiheiten lassen. Weil er wusste, im postsowjetischen Russland haben Worte keine Macht. Zumindest nicht literarische.

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