Trotz Feuerpause greift die Hisbollah-Miliz immer wieder Ziele in Nordisrael an. Im Gegenzug attackiert Israel Ziele im Libanon und rückt im Süden vor. Die Schwäche des Staats macht eine Friedenslösung illusorisch.

Seit mehr als zwei Jahren steht die vom Iran unterstützte Hisbollah im Libanon wieder in einem offenen Konflikt mit Israel. Waffenruhen brachten keinen Frieden. Seit April führen die israelische und die libanesische Regierung – die nicht Konfliktpartei ist – Gespräche unter Vermittlung der USA. Das erklärte Ziel Israels: Die Hisbollah soll entwaffnet werden. Bis heute konnte jedoch keine Entwaffnung durchgesetzt werden: weder mit israelischen Luftangriffen, Bodeneinsätzen, gezielten Tötungen der Führungsregie noch durch Bemühungen des libanesischen Staats.

Weit mehr als eine Miliz

Denn die Hisbollah ist im Libanon weit mehr als eine Miliz. Wer sie verstehen will, muss das konfessionelle Geflecht der libanesischen Gesellschaft verstehen. Die Macht ist traditionell nach religiösen Gruppen aufgeteilt – ein Überbleibsel des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990. Dieses System war ursprünglich nur als Übergang gedacht, besteht aber bis heute fort und hält die Spaltungen aufrecht. Die Hisbollah sieht sich als Schutzmacht der schiitischen Muslime, einer der größten Bevölkerungsgruppen des Landes.

Die Organisation entstand als Reaktion auf Israels Invasion 1982. Mit iranischer Unterstützung wurde sie immer mächtiger. Anders als andere Bürgerkriegsmilizen gab die Hisbollah ihre Waffen nach Kriegsende nie ab, sondern baute ihr Arsenal stetig aus. Für viele im Land war das akzeptabel. Denn schließlich war es die Hisbollah, die im Jahr 2000 den Abzug der Israelis nach jahrelanger Besatzung im Süden als eigenen Erfolg verbuchte.

Staat im Staat

In den vergangenen Jahrzehnten konnte sie sich mit Unterstützung der schiitischen Bevölkerung einen Staat im Staat aufbauen. Sie betreibt Spitäler, Schulen, Müllabfuhren und zahlt Pensionen. In ihren Gebieten ersetzt sie den dysfunktionalen libanesischen Staat und hält dessen Schwäche damit aufrecht. Nur knapp ein Fünftel der Gesellschaft unterstützt die Hisbollah, die auch Partei ist, politisch. Fast 45 Prozent lehnen jedoch ihre Entwaffnung ab.

Auch viele israelische Experten sehen das strategische Ziel einer kompletten Entwaffnung der Miliz mittlerweile als unrealistisch an. „Die Hisbollah wird nur dann entwaffnet werden, wenn sich die libanesische Gesellschaft gegen sie erhebt – was derzeit unwahrscheinlich erscheint – oder wenn die israelische Armee den gesamten Libanon erobert, was unmöglich ist“, schrieb ein Kommentator der israelischen Zeitung Jediot Achronot.

Rückhalt in der Bevölkerung

Gründe für die Zustimmung zur Bewaffnung der Hisbollah liegen auch in der Schwäche der regulären libanesischen Armee und dem Misstrauen in den Staat. Solange die Menschen den Staat als schwach und Israel als Bedrohung wahrnehmen, bleibt die Legitimation der Waffen in Händen der Hisbollah in weiten Teilen der Bevölkerung bestehen.

So argumentiert auch die Hisbollah: Solange eine existenzielle Bedrohung durch Israel wahrgenommen werde, würden die Waffen der Hisbollah weiten Teilen der Bevölkerung als einzige verlässliche Abschreckung gelten, sagte Hisbollah-Vertreter Bilal al-Lakis der Deutschen Presse-Agentur.

Die andauernden Angriffe Israels schadeten am Ende womöglich mehr dem Ziel Israels als der Hisbollah, schrieb der israelische Militärexperte Danny Citrinowicz kürzlich auf X. Mit diesen würde der libanesische Staat geschwächt, obwohl dieser eigentlich gestärkt werden müsste.

Zudem ist die Hisbollah eines der wichtigsten Instrumente des Irans. Sie dient Teheran als direkte Abschreckungswaffe an der Grenze zum gemeinsamen Erzfeind Israel. Solange der Iran ein Interesse an der Existenz der Miliz hat, wird sie am Leben erhalten. (TT, dpa)

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