Es fließt gerade viel Geld in KI-Unternehmen. Wird damit eine Blase größer, die mit der Dotcom-Krise von 2000 vergleichbar ist oder sie sogar übertreffen wird? Die nächsten paar Wochen werden jedenfalls etwas Klarheit bringen.
Die Zahlen sind schwindelerregend. Nvidia erreichte kürzlich eine Marktkapitalisierung von 5,4 Billionen Dollar – mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt Deutschlands und Japans zusammen. Die vier großen Hyperscaler Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft werden laut aktuellen Schätzungen im Jahr 2026 zusammen fast 700 Milliarden Dollar in den Aufbau ihrer KI-Infrastruktur investieren. Und Morgan Stanley erwartet, dass die fünf größten Technologiekonzerne ihre Ausgaben 2027 auf über eine Billion Dollar steigern.
Wer solche Summen liest, denkt unweigerlich an das Jahr 2000. Damals war das Internet die Technologie, die alles verändern würde – und tat es auch, nur eben nicht so schnell wie erhofft. Tausende Unternehmen versanken in der Dotcom-Krise. Ist der KI-Boom heute das gleiche Muster in neuem Gewand?
Der Börsengang als Stimmungsbarometer
Ein guter Gradmesser ist der Markt für Börsengänge. CoreWeave, ein auf KI-Rechenzentren spezialisierter Cloud-Anbieter, lieferte Anfang 2025 einen aufschlussreichen Test. Das Unternehmen hatte ursprünglich eine Bewertung von über 35 Milliarden Dollar angepeilt – musste kurz vor dem IPO aber deutlich zurückrudern. Statt der angestrebten 2,7 Milliarden Dollar nahm CoreWeave beim Börsengang nur 1,5 Milliarden ein, der Ausgabepreis lag mit 40 Dollar deutlich unter den ursprünglich geplanten 55 Dollar.
Die Geschichte dahinter ist symptomatisch: CoreWeave hatte im Zuge seiner Expansion Schulden von rund 8 Milliarden Dollar angehäuft, was 2024 zu einem negativen Cashflow von 6 Milliarden Dollar führte – mehr als dem Dreifachen des Umsatzes. Ein Unternehmen, das mehr ausgibt als es einnimmt, und trotzdem mit Milliardenbewertungen gehandelt wird: Das klingt nach Blase. Oder nach Wachstum – je nach Perspektive.
Übertreibung mit Substanz?
Der entscheidende Unterschied zur Dotcom-Ära liegt tatsächlich in den Fundamentaldaten. Die großen börsennotierten KI-Unternehmen finanzieren ihre Investitionen überwiegend aus laufenden Gewinnen und weisen im Vergleich zum breiten Markt niedrige Verschuldungsquoten auf. Das war 2000 anders: Damals wurden Verluste durch Kapitalerhöhungen finanziert, Gewinne gab es kaum.
Nvidia etwa ist mit rund 5,34 Billionen Dollar das wertvollste Unternehmen der Welt – aber diese Bewertung reflektiert bereits ein enormes zukünftiges Wachstum. Und dieses Wachstum ist real: Nvidia dürfte im Kalenderjahr 2026 mehr als 190 Milliarden Dollar verdienen – das wäre laut Dow Jones Market Data der höchste Jahresgewinn, den je ein Unternehmen erzielt hat.
Trotzdem mahnen Beobachter zur Vorsicht. Eine MIT-Studie ergab, dass 95 Prozent der KI-Projekte trotz Investitionen von rund 400 Milliarden Dollar noch keinen wirtschaftlichen Ertrag erzielen. Das Geld fließt in Infrastruktur, in Rechenzentren, in Chips – aber die Erträge aus konkreten Anwendungen lassen in vielen Bereichen noch auf sich warten.
Die Erwartungsfalle
Das eigentliche Risiko liegt vielleicht gar nicht in einer klassischen Blase mit Kreditexzessen und wertlosen Unternehmen. Es liegt in dem, was Marktbeobachter die „Erwartungsfalle” nennen: Die Anleger sind inzwischen daran gewöhnt, dass alle Erwartungen stark übertroffen werden – und der Markt fordert permanent neue Superlative.
Historisch hat sich gezeigt, dass Anleger trotz des Wissens um Übertreibungen so lange investiert bleiben, wie die Renditen überdurchschnittlich hoch sind. Erst wenn die Dynamik abebbt, kippt die Stimmung abrupt.
Hinzu kommt ein strukturelles Risiko: Wenn Amazon 200 Milliarden in die KI-Infrastruktur investiert, kann der Konzern diesen Betrag über mehrere Jahre abschreiben – der Gewinn wird also erst in der Zukunft geschmälert. Der Cashflow aber fällt unmittelbar, und bei Amazon oder Oracle ist er wegen der enormen Belastungen bereits negativ geworden.
Blase oder Strukturwandel?
Die ehrliche Antwort lautet: beides, je nachdem wo man hinschaut. Bei den großen Hyperscalern spricht vieles für einen realen, durch Gewinne gedeckten Technologiesprung. Bei Dutzenden kleineren KI-Start-ups, die auf astronomischen Bewertungen sitzen ohne nennenswerte Einnahmen, spricht einiges für klassische Überhitzung.
Dabei sind Spekulationsblasen nicht zwingend nur schädlich – sie können zu erheblichen Produktivitätssteigerungen führen, wie das Beispiel der Internetrevolution gezeigt hat. Auch damals war das Platzen der Blase schmerzhaft. Die Infrastruktur aber, die in diesen Jahren verlegt wurde – Glasfaserkabel, Server, Plattformen – legte das Fundament für alles, was danach kam: Google, Amazon, das iPhone.
Vielleicht ist das die nüchternste Einordnung: Der KI-Boom enthält eine Blase. Aber er enthält auch eine Revolution. Die Kunst – für Anleger wie für Unternehmen – besteht darin, beides auseinanderzuhalten.