Eine 14-Jährige tötet eine Frau – eine Folge der mangelhaften Versorgung? Kinderpsychiater Paul Plener über Stigmatisierung, Effekte von Social Media und die Grenzen der Prävention.
„Es ist eine Illusion zu glauben, dass man solche Einzelfälle zu 100 Prozent verhindern kann.“ Der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiater am Wiener AKH, Paul Plener ordnet nach einer tödlichen Gewalttat durch eine 14-Jährige die Debatte ein – und stellt klar, dass das langjährige Wegschließen von Betroffenen oft wenig bringt: „Wieder zurück ins Leben finden kann man vor allem in Kontakt mit der Außenwelt.“ Zugleich berichtet er, dass der Fall am Friedhof auch in seiner Klinik spürbar war: In den Tagen danach habe es mehr Akutfälle gegeben.
Am Montag hat eine 14-Jährige eine Frau auf einem Friedhof erstochen. Das Mädchen, offenbar schwer psychisch krank, ist davor nur mit selbstgefährdendem Verhalten aufgefallen. Wie kann das so schnell umschlagen in so eine Gewalttat?
Paul Plener: Es ist extrem ungewöhnlich für Leute, die sich selbst verletzen, dass es zu fremdaggressivem Verhalten kommt. Selbstverletzung ist ja eine sehr verdeckte Verhaltensweise. Wir wissen, dass in Österreich etwa ein Viertel aller Jugendlichen sich schon zumindest einmal selbst verletzt hat.
Das ist eine beunruhigend hohe Zahl.
Wenn man das bei seinem Kind merkt, muss man näher hinschauen. Natürlich probieren Jugendliche verschiedentlich Dinge aus, die aus Erwachsenensicht schwierig sind – Rauscherlebnisse, Probierkonsum von Substanzmitteln, auch Selbstverletzungen – und lassen es wieder. Jugendliche, die es mehrfach innerhalb eines Jahres machen, weisen häufig auch psychische Erkrankungen auf. Dennoch ist es unzulässig zu sagen, dass Leute, die sich selbst verletzen, automatisch auch ein höheres Risiko haben, fremdaggressiv zu werden.
Dennoch kommt das Bild, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen eher zu Gewalt neigen, wieder auf…
Ich sehe die mediale Debatte der letzten Tage und es ist mir ein großes Anliegen zu sagen, dass psychisch Kranke nicht per se gefährliche Menschen sind. Das erlebe ich gerade wieder. Jedes Mal, wenn es einen Einzelfall gibt, wird pauschalisiert auf die gesamte Gruppe. So, als wäre die ganze Antistigma-Arbeit der letzten 30 Jahre nicht passiert. Man muss auch sagen, dass das langjährige Wegschließen, das gerade in der Fantasie in vielen Köpfen existiert, auch nicht dazu führt, dass sich die Lage zwangsläufig verbessert. Wieder zurück ins Leben finden kann man tatsächlich vor allem in Kontakt mit der Außenwelt.
Das Mädchen war in einer sozialpsychiatrischen WG untergebracht. Wann ist so eine Unterbringung sinnvoll?
Das ist sicher das beste Betreuungssetting, das man sich wünschen kann, weil mit einem sehr hohen Personalschlüssel eine sehr kleine Gruppe von Jugendlichen betreut wird, die alle eine psychische Erkrankung haben und nicht mehr zu Hause leben können. Oft sind es Patienten, die von der Psychiatrie entlassen sind, die aber nicht oder noch nicht in die Familie können und auch in normalen Jugendhilfesettings aufgrund ihrer Erkrankung schwer zu halten sind. Wir kennen viele Jugendliche, bei denen wir uns gefragt haben, ob sie stabil genug sind, die sich dort sehr gut stabilisiert haben und dort wieder gut zurückgefunden haben in den normalen Alltag.
Sie haben immer wieder, vor allem seit der Pandemie, die mangelnde psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen kritisiert. Ist dieser Fall ein Ergebnis dieser Mangelversorgung?
So tragisch und dramatisch der Fall auch ist, ich denke nicht, dass wir dramatische Einzelfälle auch mit der optimalsten Versorgung der Welt werden eingrenzen können. Es bleibt immer eine Restunsicherheit bestehen. Je besser wir werden, umso mehr Leute können wir erreichen, umso früher können wir abfangen. Aber es ist eine Illusion zu glauben, dass irgendwann ein Punkt erreicht wird, wo man schwerwiegende und dramatische Einzelfälle zu 100 Prozent kontrollieren kann.
Hat sich die Versorgung seit der Pandemie verbessert?
Wir haben in Wien gerade eine Ausbildungsoffensive laufen, um so viele Kinder- und Jugendpsychiater wie möglich für die Zukunft auszubilden. Es gibt regionale Initiativen, die in die richtige Richtung gehen, aber eine wirklich suffiziente Verbesserung im Vergleich zu der Corona-Pandemie haben wir nicht. Es gibt weiterhin Regionen in Österreich, die sehr stark unterversorgt sind. Für eine wirklich gute Versorgung brauchen wir ein gutes, mehrstufiges Versorgungssystem: Ambulante Versorgung, stationsersetzende Maßnahmen wie das Home-Treatment und gleichzeitig der weitere stationäre Ausbau.
Im Bereich der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie haben wir auch seit Beginn der Corona-Pandemie keine Zuwächse. Wenn jemand ein Bett braucht, weil wir eine akute Gefährdungslage sehen, dann wird er es immer bekommen. Ich habe gerade die letzten Tage wieder herumgestoppelt und geschoben, weil solche Dinge, die draußen passieren, immer auch Auswirkungen auf uns haben.
Meinen Sie den aktuellen Fall?
Ja, Kinder und Jugendliche lesen das auch, kommunizieren miteinander, hören Dinge, nicht immer nur die Wahrheit. Solche Geschehnisse beschäftigen natürlich auch Jugendliche.
Und das haben Sie ganz akut auf Ihrer Station gespürt mit mehr Fällen?
Ja, das spüren wir immer noch. Und es führt dazu, dass Leute, die sozusagen weniger akut sind, länger warten müssen auf einen Platz. Es gibt weiterhin Wartezeiten auf elektive Behandlungen, in unserer Klinik sind es bis zu zwei Monate.
Ist es wirklich so, dass Kinder und Jugendliche heute öfter von psychischen Problemen betroffen sind?
Wir können das nur in einer globalen Sicht beantworten, weil aus Österreich tatsächlich repräsentative Daten fehlen. Und hier gibt es leider relativ deutlich einen Trend nach oben.
Was sind denn die Krankheitsbilder, die Sie am häufigsten sehen?
Global treiben Depressions- und Angsterkrankungen den Trend nach oben. Bei uns im stationären Bereich sind die Zuwachsraten sehr stark bedingt durch vermehrtes Auftreten von Suizidversuchen, mehr Essstörungen. Außerdem sehen wir viele Jugendliche mit dem Thema Substanzkonsum.
Hat der Drogenkonsum unter Kindern und Jugendlichen zugenommen?
Wir sehen immer nur unseren Ausschnitt, aber was wir sehen, sind sehr viele verschiedene gemischte Substanzen. Das ist etwas beunruhigend, denn das gemischte Konsumieren von Substanzen kann leicht gefährlich werden. Außerdem gibt es zunehmend jüngere Konsumenten. 13-, 14-Jährige, die jetzt schon Dinge konsumieren, Heroin etwa, die man früher eher nur bei Älteren gesehen hat.
Derzeit wird wieder mehr über den negativen Einfluss von Social Media gesprochen. Was weiß man denn: Gibt es Zusammenhänge zwischen Social Media und psychischen Erkrankungen?
Nach aktuellem Forschungsstand scheint Social Media einen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen zu haben. Neuere Arbeiten zeigen, dass es vor allem auch der Faktor Zeit ist, der wirkt: Weil ich in der Zeit auf Social Media eben nichts mache, was potenziell gesundheitsförderlich ist. Sozialkontakte, körperliche Bewegung, andere anregende Dinge. Neben dem Inhalt trägt das auch dazu bei, dass wir diese Effekte sehen.
Kinder und Jugendliche sehen auf Social Media viel, auch Gewalttaten. Was macht so etwas mit Kindern?
Das ist tatsächlich sehr abhängig vom Kontext und vor allem auch in welcher eigenen Stimmungslage die angesehenen Inhalte konsumiert werden. Der Kinderschutz wird von Social-Media-Konzernen letztendlich nicht gewährleistet. Deswegen befürworten wir als Fachgesellschaft (für Kinder- und Jugendpsychiatrie, ÖGKJP, Anm.) das Social-Media-Verbot bis 14. Hier werden sehr stark negative Inhalte gepusht. Und es ist ganz klar erwiesen, dass negative Emotionen über Social Media „ansteckend“ wirken können auf die eigene emotionale Lage.
Was bedeutet ansteckend? Dass man eher zu Gewalttaten neigt, wenn man sie anschaut?
Wenn ich negative emotionale Inhalte sehe, reagiere ich selbst darauf. Das Ansehen von gewalthaltigen Inhalten macht nicht per se gewalttätiger. Es gab in den 90er Jahren eine ähnliche, riesige Diskussion um gewalthaltige Videospiele. Hier hat sich auch gezeigt, dass diese Theorie nicht ganz richtig ist.
Zur Person
Paul Plener ist seit 2018 Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH und hat die Professur für Kinder- und Jugendpsychiatrie inne.
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