
(Bild: DC Studio / Shutterstock.com)
Sportlich, schlank und plötzlich Darmkrebs im Endstadium. Mediziner schlagen Alarm und suchen fieberhaft nach den gefährlichen Auslösern.
Sportlich, schlank, keine familiäre Vorbelastung – und trotzdem Darmkrebs im Stadium IV. Was der US-Amerikanerin Katie Rich 2012 im Alter von 33 Jahren passierte, ist kein Einzelfall mehr.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weltweit registrieren Onkologen einen beunruhigenden Trend: Krebsarten, die lange als Alterskrankheiten galten, treffen zunehmend junge Erwachsene.
Auf den beiden größten Krebskongressen des Jahres – der Tagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Chicago und der Jahrestagung der American Association for Cancer Research (AACR) in San Diego – stand das Thema im Zentrum.
„Weltweit steigt die Häufigkeit verschiedener Krebsarten bei Menschen unter 50 Jahren“, sagte die Onkologin Kimmie Ng, Direktorin des Young-Onset Colorectal Cancer Center am Dana-Farber Cancer Institute, vor dem ASCO-Publikum. „Die überwiegende Mehrheit gilt als sporadisch, mit unbekannter Ursache.“
Besonders drastisch zeigt sich das beim Darmkrebs: In den USA stieg die Inzidenz bei 20- bis 49-Jährigen seit 2010 jährlich um rund drei Prozent. 2023 wurde Darmkrebs bei Männern zur häufigsten krebsbedingten Todesursache – bei Frauen liegt er auf Platz zwei hinter Brustkrebs.
Deutschland: Hautkrebszahlen fast verdoppelt
Auch hierzulande sind die Zahlen alarmierend. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wurden 2024 insgesamt 120.100 Menschen wegen Hautkrebs stationär behandelt – 94,5 Prozent mehr als 2004.
Besonders stark stiegen die Fälle von hellem Hautkrebs: ein Plus von 117 Prozent in zwei Jahrzehnten. Die Todesfälle kletterten um 65,1 Prozent auf rund 4600 im Jahr 2024.
Weiterlesen nach der Anzeige
Zum Vergleich: Die Gesamtzahl der Krebstodesfälle nahm im selben Zeitraum nur um 10,1 Prozent zu.
Adipositas allein erklärt den Anstieg nicht
Forscher durchleuchten die üblichen Verdächtigen: Übergewicht, Bewegungsmangel, Alkohol, Rauchen, rotes Fleisch. Adipositas und Darmkrebs hängen nachweislich zusammen.
Doch Ng betonte auf der ASCO-Konferenz: „Viele von uns […] haben junge Krebspatienten betreut, und viele von ihnen sind nicht adipös“.
Der Gastroenterologe Andrew Chan vom Massachusetts General Hospital fand laut JAMA Oncology heraus, dass hochverarbeitete Lebensmittel bei jungen Frauen das Risiko für Darmpolypen erhöhen – selbst nach Kontrolle für Übergewicht.
Wie stark industriell verarbeitete Nahrung den Körper belasten kann, zeigen auch Studien zu kognitiven Schäden durch Ultra-Processed Foods.
Daneben rücken Umweltfaktoren in den Fokus. Eine epigenetische Studie identifizierte mögliche Zusammenhänge zwischen frühem Darmkrebs und dem Herbizid Picloram, das auf Weiden eingesetzt wird.
Selbst bakterielle Toxine spielen offenbar eine Rolle: Das Gift Colibactin, das von verbreiteten Darmbakterien produziert wird, hinterlässt bei manchen Kindern unter fünf Jahren bereits Mutationsmuster wie bei Erwachsenen mittleren Alters.
Der Geburtskohorteneffekt als Warnsignal
Epidemiologin Hyuna Sung von der American Cancer Society warnte, der Trend signalisiere, „was in 20 oder 30 Jahren kommen wird, wenn [diese Menschen] mittleren Alters und älter sind“.
Tatsächlich zeigen die Daten einen sogenannten Geburtskohorteneffekt: Wer heute 41 Jahre alt ist, trägt ein um 47 Prozent höheres Darmkrebsrisiko als jemand, der 1991 im selben Alter war. Das deutet auf prägende Expositionen in Kindheit und Jugend hin – etwa durch Ernährung, Antibiotikaeinsatz oder das Mikrobiom.
Die Forschung zur epigenetischen Vererbung von Lebensstilfaktoren legt nahe, dass bereits das Verhalten der Eltern molekulare Spuren hinterlassen kann, die das Krebsrisiko der nächsten Generation beeinflussen.
Auch Schlaf spielt eine Rolle: Eine aktuelle Nature-Studie zeigt, dass sowohl zu wenig als auch zu viel Schlaf das biologische Altern von Organen beschleunigt. Hinzu kommen Belastungen, die oft unterschätzt werden – etwa durch Plastik und die darin enthaltenen Chemikalien.
„Ich glaube nicht, dass es einen einzigen eindeutigen Beweis gibt“, sagt Chan. „Wahrscheinlich kommt es im Laufe der Zeit zu einer Anhäufung von Risikofaktoren.“ Für die Forschung heißt das: Die Suche nach Antworten hat gerade erst begonnen.