Seit Donald Trump vor rund anderthalb Jahren ins Weiße Haus eingezogen ist, bröckelt das Vertrauen der Europäer in die USA. Die Gewissheit der Nachkriegszeit, Amerika sei ein verlässlicher Partner, verschwand. Trump drohte damit, Grönland zu annektieren. Er kündigte an, US-Soldaten aus Europa abzuziehen. Er setzte Zölle ein, um Verbündete zu erpressen. Er drohte immer wieder damit, die Nato zu verlassen.
Welche Schlüsse ziehen die Europäer daraus? Der Thinktank European Council on Foreign Relations hat dazu im Mai 2026 insgesamt 19.400 Menschen in 15 Ländern befragt. Ihre Antworten lassen erkennen, wie rapide sich der Ruf der USA verändert. Wie die Europäer sich schützen wollen, wenn die USA sich zurückziehen. Und worüber sie streiten.
Die transatlantische Partnerschaft war ein Projekt, an dem beide Seiten über viele Jahrzehnte bauten: Seit 1949, als die Nato gegründet wurde, stellten die USA Europas militärischen Schutzschirm. Der US-Marshallplan finanzierte den Wiederaufbau in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Kalten Krieg schweißte die Bedrohung durch die Sowjetunion beide Kontinente noch weiter zusammen. Wenn es ernst wird, das war die Annahme, stehen die USA an Europas Seite.
Davon ist heute wenig geblieben. Nur elf Prozent der befragten Europäer sehen die USA als »Verbündeten«; 2024 waren es noch doppelt so viele. Die Hälfte betrachtet Trumps Amerika nur noch als »notwendigen Partner«, ein Viertel sogar als »Rivalen« oder »Gegner«. Die aggressive Rhetorik des US-Präsidenten und seine öffentlichen Zweifel an den Nato-Verpflichtungen der USA haben das Unbehagen verstetigt.
Aus den Antworten in den Umfragen spricht vor allem Ernüchterung. Eine Mehrheit der befragten Europäer glaubt, die USA würden ihrem Land im Angriffsfall nicht beistehen. Donald Trump hat diese Zweifel fleißig befeuert: Immer wieder stellte er die Nato-Beistandsverpflichtung infrage. Er sagte: Mit Nato-Ländern, die zu wenig für Verteidigung ausgäben, könne »Russland tun, was es wolle«. Und als Trump einen Krieg gegen den Iran begann, ohne sich vorher mit Europas Regierungschefs abzustimmen, festigte sich der Eindruck: Die USA folgen nur noch ihren eigenen Interessen.
Der berühmte Artikel 5 des Nato-Vertrages enthält gar keine automatische Beistandsgarantie. Demnach soll jeder Mitgliedsstaat im sogenannten Bündnisfall die Maßnahmen ergreifen, die er für erforderlich hält; das kann militärische Hilfe sein, muss es aber nicht. Entscheidend für die Abschreckung war deshalb, dass feindliche Staaten auch glauben mussten, die USA kämpften im Ernstfall mit – oder dass Europa selbstständig imstande wäre, Gegner abzuwehren.
© Lea Dohle
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Genau diese Glaubwürdigkeit der Nato ist unter Trump sichtbar erodiert: Direkt von Russland bedrohte Staaten, wie Polen oder Estland, stecken deshalb viel Geld in Verteidigung. Zumindest scheint noch Glauben an die Solidarität innerhalb Europas zu herrschen: In fast allen Ländern sind die Befragten überzeugt, dass ihnen im Ernstfall einige europäische Nachbarn beistehen würden. Besonders ausgeprägt ist dieses Vertrauen in Dänemark, den Niederlanden und Schweden.
Der Rückzug der Vereinigten Staaten hat Debatten über Verteidigung entfacht: Europa denkt lauter über eine eigene nukleare Abschreckung nach. Besonders in Italien und Dänemark ist die Zustimmung gewachsen, einen europäischen Atomschutzschirm einzurichten. Auch in Deutschland gewinnt die Idee an Anhängern. Der ukrainische Harvard-Historiker Serhii Plokhy sagt der ZEIT: »Wenn selbst ein so wirtschaftlich schlecht entwickeltes Land wie Nordkorea eine Atombombe bauen konnte, könnte Deutschland das auch.« Bis zu 40 Länder weltweit hätten die technischen Fähigkeiten, in bis zu drei Jahren eine Atombombe zu bauen.
Eine Mehrheit der befragten Europäer will weniger Rüstungsgüter aus den USA kaufen. Stattdessen sind sie dafür, diese bei europäischen Partnern zu bestellen. Am meisten stimmen dem die befragten Dänen, Niederländer und Schweden zu, dort jeweils mehr als 70 Prozent. Polen ist das einzige Land, in dem eine Mehrheit befürwortet, mehr US-Waffen zu kaufen, vermutlich durch die proamerikanische Stimmung der PiS-Partei getrieben. Auch für höhere Verteidigungsbudgets spricht sich eine Mehrheit der Befragten aus. Nur in Italien lehnten die meisten dies ab. Mehr Militärausgaben werden dort schnell als Kürzungen im Sozialbereich, bei Gesundheit oder Renten wahrgenommen; sie werden zur Verteilungsfrage.
Viele Europäer wollen höhere Verteidigungsausgaben, aber nicht um den Preis von Kürzungen im eigenen Land. Geht es um Sozialleistungen, Bildung oder andere öffentliche Ausgaben, endet die Bereitschaft schnell. Dahinter stehen wirtschaftliche Sorgen und die Angst vor einer neuen Krise. Statt im Inland zu sparen, plädieren im Schnitt 47 Prozent dafür, gemeinsame europäische Schulden aufzunehmen und darüber europäische Verteidigung zu finanzieren.
Weil die USA unter Trump ihre Unterstützung zurückfahren, wird die Ukraine zum Testfall für Europas Sicherheitsordnung: Ob Europa genug Willen, Geld und Ausrüstung mobilisieren kann, um selbst gegenüber Russland zu bestehen. In den Umfragen sieht eine Mehrheit der Europäer die Ukraine als »Verbündeten« oder als »notwendigen Partner«. Auffällig ist eine Bruchlinie bei Anhängern rechtspopulistischer Parteien wie AfD, FPÖ oder Fidesz. Sie stufen die Ukraine deutlich häufiger als »Rivalen« oder »Gegner« ein.
Verteidigung in Europa
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Serhii Plokhy:
»Die Lehre heißt: Wer seine Atomwaffen abgibt, wird angegriffen«
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Münchner Sicherheitskonferenz 2026:
Europa wacht geopolitisch langsam auf
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Außenpolitik von Trump:
»Europa müsste dem Mobber Trump endlich die Stirn bieten«
Sobald es um konkrete Schritte geht, die Ukraine zu unterstützen, wird Europa uneins. Für europäische Bodentruppen zur Friedenssicherung nach einem möglichen Kriegsende gibt es keine klare Mehrheit. Auch ein möglicher EU-Beitritt der Ukraine spaltet: In Portugal, Spanien und Schweden ist die Zustimmung zur Erweiterung besonders hoch, in Ungarn, Bulgarien und Österreich überwiegt die Ablehnung. In Deutschland lehnen 37 Prozent einen EU-Beitritt der Ukraine ab, 27 Prozent halten ihn für eine gute Idee.
Unter den Befragten, so scheint es, herrscht auch Zweckoptimismus: Eine knappe Mehrheit geht laut der Befragung davon aus, wenn Donald Trump erst einmal Geschichte sei, könne sich auch das Verhältnis zur Schutzmacht Amerika wieder stabilisieren.