Schon lange hatte Britta Bollinger ein Auge auf die Strickerei Zeh in Bitz geworfen. Im September 2024 ging ihr Traum letztlich in Erfüllung. Die Architektin kaufte das Gebäude, das 1968 als Strickerei in der Truchtelfinger Straße erbaut wurde.

Es war schon immer ein Traum von mir, einen Ort zu schaffen, wo sich Menschen begegnen und weiterentwickeln können.

Britta Bollinger, Architektin

Warum? „Weil es schon immer ein Traum von mir war, einen Ort zu schaffen, wo sich Menschen begegnen und weiterentwickeln können“, erklärt Bollinger. Nachdem der bürokratische Teil erledigt war, begannen im September vergangenen Jahres die Sanierungsarbeiten – mit einem straffen Zeitplan. Bereits kommenden Sonntag, 14. Juni, ist Tag der offenen Tür.

Vom Eventraum bis Atelier: Nutzung auf drei Ebenen

Noch herrscht vereinzelt Baustelle. Doch das Konzept, das die Architektin verfolgt, ist schon deutlich zu sehen: Im Obergeschoss gibt es einen Eventraum, der für kleine Feiern, aber auch Yoga-Stunden, Seminare oder Lesungen gebucht werden kann. Im Erdgeschoss befinden sich das Architekturbüro und eine Praxis für Physiotherapie, und im Untergeschoss ist das Atelier – das persönliche Herzstück der Bauherrin.

Die großen Fenster und die Holzverkleidung verleihen dem Eventraum in der ehemaligen Fabrik eine besondere Atmosphäre. Bild vergrößern

Die großen Fenster und die Holzverkleidung verleihen dem Eventraum in der ehemaligen Fabrik eine besondere Atmosphäre. (Foto: Olga Haug)

Daneben soll es auch einen Laden geben, in dem hiesige Handwerkskünstler ihre Werke verkaufen können. „Ich will diesen Menschen einen Raum bieten, in dem sie sich präsentieren können. Das geht sonst unter“, meint Bollinger.

Gemeinsam kreativ: analoger Gegenpol zum Digitalen

Zusammensein und Kreativität stehen klar im Fokus: „Es gibt hier die Möglichkeit, gemeinsam kreativ zu sein, Sport zu machen oder zu kochen“, sagt Britta Bollinger, der es vor allem darum geht, das echte Leben zu spüren und einen Gegenpol zum digitalen Dasein zu schaffen. Und jeder, der will, darf teilhaben.

Schmunzelnd gibt die 58-Jährige zu, dass sie das Gebäude in erster Linie für sich selbst saniert: „Ich brauche ein Büro und ein Atelier.“ Denn neben ihrem Hauptberuf ist die Architektin privat leidenschaftliche Künstlerin. Vor allem alte Möbel haben es der Bitzerin angetan. „Ich kann an keinem Sperrmüll einfach vorbeilaufen. Die schönen alten Möbel müssen doch gerettet werden.“ So ist ihr 120 Quadratmeter großes Lager bereits voll.

Dass Bollinger ein Händchen für Upcycling hat, zeigt sich auch im Interieur der ehemaligen Strickerei. Im Eventraum stehen alte Kneipentische und kultige „Tübinger Stühle“, die dem Raum einen ganz besonderen Charme verleihen. Im Atelier finden ein alter Waschtisch und eine alte Werkbank wieder neuen Gebrauch. Und Elemente der ehemaligen Strickerei werden selbstverständlich wiederverwendet – auch wenn auf den ersten Blick alles wie neu aussieht.

Nachhaltigkeit als roter Faden im Gebäude und Außenraum

Dabei geht es Bollinger nicht allein um den künstlerischen Aspekt, sondern vielmehr um Nachhaltigkeit. Konsequent zieht sich der Nachhaltigkeitsgedanke durch das gesamte Gebäude sowie dessen Außenanlage.

Das Areal, erklärt Bollinger, wurde komplett entsiegelt. Statt Beton gibt es hier jetzt Schotterrasen, Habitate für verschiedene Tiere, ein Sandarium, und ein von der Architektin handgeknüpfter Weidezaun säumt das Gelände. Bei Letzterem hielt es Bollinger mit Pipi Langstrumpf: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“ Sie hatte recht.

Führungen zeigen Sanierung und Besonderheiten der Anlage

Zwei Führungen wird es am Sonntag beim Tag der offenen Tür zwischen 11 und 17 Uhr geben. Dort wollen Bollinger und ihr Team erklären, was die Besonderheiten der Außenanlage sind und wie die alte Fabrik saniert wurde. Auch wenn die ursprüngliche Bausubstanz größtenteils erhalten wurde – das war Bollinger besonders wichtig – erinnert das Gebäude kaum noch an früher.

Die Fassade der ehemaligen Fabrik besteht aus Cortenstahl, der besonders langlebig und nachhaltig sein soll. Bild vergrößern

Die Fassade der ehemaligen Fabrik besteht aus Cortenstahl, der besonders langlebig und nachhaltig sein soll. (Foto: Olga Haug)

Und das liegt insbesondere an der Fassade. Hier wurde Cortenstahl verwendet. Dieser verleiht der ehemaligen Fabrik nicht nur eine völlig neue und moderne Optik. Die Architektin erklärt: „Der Stahl bildet eine Schutzschicht und rostet nicht durch.“ Das ist die sogenannte Rostpatina. Cortenstahl sei sehr langlebig und kann langfristig auch recycelt werden. Dem ökologischen Aspekt folgen auch der Kalk- und Lehmputz, Dach- und Fassadenbegrünung sowie eine insgesamt nachhaltige Bauweise im Innenraum.

Alte Fabrik wird erhalten und neu interpretiert

Viele Bitzer Bürger verfolgen gespannt, was hier entsteht, weiß Bollinger. Einige hätten auch schon auf der Baustelle vorbeigeschaut. Bollinger ist sicher, dass die meisten dem Projekt gegenüber positiv gestimmt sind. Deshalb freut sich die Bauherrin, am Sonntag möglichst viele Gäste begrüßen und ihnen zeigen zu können, wie eine alte Fabrik erhalten und doch völlig neu interpretiert werden kann.