Zuerst veröffentlicht am
11/06/2026 – 14:26 MESZ

Die Europäische Zentralbank hat erstmals seit fast drei Jahren die Zinsen angehoben. Sie erhöhte den Einlagensatz nach der Ratssitzung am Donnerstag von zwei auf zwei Komma zwei fünf Prozent.


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Die EZB steuert die Geldpolitik im Euroraum über drei Leitzinsen. Der Einlagensatz gilt dabei als wichtigster Referenzwert.

Zuletzt hatte die Notenbank den Einlagensatz im September 2023 erhöht. Damals erreichte er in einem Zinserhöhungszyklus zur Eindämmung des Inflationsschubs nach der Pandemie seinen Höchststand von vier Prozent.

Nun hob die EZB auch den Hauptrefinanzierungssatz auf zwei Komma vier Prozent und den Spitzenrefinanzierungssatz auf zwei Komma sechs fünf Prozent an.

Die Anhebung der Leitzinsen markiert eine klare Kehrtwende. Zuvor hatte ein Zinssenkungszyklus weite Teile des Jahres 2025 geprägt. Gleichzeitig kletterte die Inflation im Euroraum im Mai auf drei Komma zwei Prozent, den höchsten Wert seit September 2023. Auslöser war vor allem ein Anstieg der Energiepreise um zehn Komma neun Prozent.

Im Kern kam der EZB-Rat zu dem Schluss, dass Nichtstun keine Option mehr ist.

Finanzmärkte hatten den Schritt schon vor der Sitzung am Donnerstag nahezu vollständig eingepreist. Ratsmitglieder aus dem eher straffen wie dem eher lockeren Lager hatten für Juni eine Zinserhöhung signalisiert.

Eurozonen-Wirtschaft unter Druck

Die Zinserhöhung trifft die Wirtschaft des Euroraums in einer heiklen Phase.

Die Wirtschaftsleistung des Währungsraums schrumpfte im ersten Quartal 2026 um null Komma zwei Prozent. Ökonominnen und Ökonomen warnen daher vor einer Phase der Stagflation: schwaches Wachstum, höhere Inflation und schwindendes Vertrauen.

In ihrer Umfrage unter professionellen Prognostikern veranschlagt die EZB für das Gesamtjahr 2026 nur noch ein BIP-Plus von null Komma neun Prozent. Diese Abwärtskorrektur führen die Fachleute direkt auf die Belastung durch höhere Energiepreise infolge des Iran-Kriegs zurück.

Die Inflation stieg auf drei Komma zwei Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 2023. Auch die Kerninflation, die schwankungsanfällige Preise für Energie und Lebensmittel ausblendet, zog an: von zwei Komma zwei Prozent im April auf zwei Komma fünf Prozent im Mai. Das widerlegt die These, der Preisdruck beschränke sich auf Energie.

Für private Haushalte und Unternehmen in den 21 Staaten des Euroraums bedeuten die höheren Leitzinsen steigende Kosten für Hypotheken und Firmenkredite. Das trifft sie in einer Phase, in der hohe Benzin- und Gaspreise die Kaufkraft ohnehin schmälern.

An den Märkten liegt die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Anhebung im September bei rund 50 Prozent. Viele Anlegerinnen und Anleger werten den Schritt daher als Beginn einer neuen Straffungsphase und nicht als einmalige Maßnahme.

Ökonominnen und Ökonomen schlagen Alarm

Die Argumente für die Zinserhöhung hatten Fachleute im Vorfeld bereits geliefert. Am deutlichsten positionierte sich EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die im Vorstand für Marktoperationen zuständig ist.

Schnabel plädierte dafür, die Zinsen im Juni anzuheben – unabhängig davon, ob die laufenden Friedensgespräche zum Iran-Krieg zu einem Abkommen führen. Der Konflikt dauere zu lange, und die hohen Energiepreise griffen zunehmend auf die übrige Wirtschaft über, argumentierte sie.

Bei einer Konferenz in Seoul warnte Schnabel, „das Risiko einer Entankerung der Inflationserwartungen nimmt zu“, und die Notenbank könne diesen Schock nicht länger ignorieren.

Chefökonom Philip Lane erklärte ebenfalls, die Lage habe sich seit den Projektionen vom März verschlechtert. Auf der Juni-Sitzung werde die EZB ihre Inflationsprognose nach oben korrigieren. Schnabel ging noch weiter und sagte voraus, die Teuerung könne bis Jahresende auf vier Prozent steigen.

Dies ist eine laufende Meldung und wird aktualisiert, sobald weitere Informationen vorliegen.