
Griechische Leopard-Panzer bei einer Übung
(Bild: Giannis Papanikos/Shutterstock.com)
Europas Militärpotenzial übersteigt Russlands bei weitem – das belegt eine neue Greenpeace-Studie. Doch die eigentliche Schwäche liegt woanders. Eine Analyse.
Tunlichst vermeiden deutsche Politiker zahlenbasierte Aussagen zum Rüstungspotential Deutschlands: Ob auf Nachfrage durch Thilo Jung oder durch engagierte Journalisten wie Florian Warweg in der Bundespressekonferenz, selten spricht die politische Klasse noch realitätsbezogenen Klartext. Grund genug für Greenpeace, den Finger in die Wunde zu legen.
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Mit einer neuen 25-seitigen Studie unter dem Titel Europa allein zu Haus: „Europa bleibt abwehrbereit“ will die Organisation am Mythos einer für die deutsche Sicherheit notwendigen Aufrüstung faktenbasiert kratzen.
Die Studie setzt die bereits 2024 erschienene Untersuchung „Wann ist genug genug?“ fort, die militärische Potenziale der Nato-Anrainerstaaten mit jenen Russlands verglich. Die damaligen Erkenntnisse wurden nunmehr um die Ebene der finanziellen Folgekosten erweitert. Das Kernergebnis blieb: Die Nato-Staaten sind den russischen Streitkräften um ein Vielfaches überlegen, auch im finanziellen Segment. Militärische Erfolgsaussichten bestünden für Moskau nicht.
Ära der Aufrüstung
Dabei greift die aus der Anti-Atomwaffenbewegung kommende NGO Greenpeace in einem aktuellen Diskurs ein: Brüssel, Berlin und Warschau haben Milliarden investiert. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gab die Richtung vor: man befände sich in einer „Ära der Wiederaufrüstung.“ Allein aus Brüssel fließen 800 Milliarden Euro an zusätzlichen Verteidigungsausgaben, dazu kommen 150 Milliarden Euro an EU-Krediten, gelockerte Schuldenregeln sowie gemeinsame Investitionen in Luftabwehr, Raketen, Drohnen und Munitionsproduktion.
Neben dem Ukraine-Krieg von 2022 trat in den vergangenen zwölf Monaten ein weiteres Momentum hinzu: Wie auf der Münchner Sicherheitskonferenz propagiert, müsse Europa lernen, ohne den US-amerikanischen Schutzschirm zu denken. Der Faktor Trump wurde zum entscheidenden Vehikel in den sicherheitspolitischen Aufrüstungsfantasien, Unabhängigkeit zum Gebot der Stunde.
Die Studieveröffentlichung trifft dabei auf ein geopolitisches Moment: Erstmals spitzen sich Drohnenangriffe hunderte Kilometer hinter den ukrainisch-russischen Frontlinien massiv zu. Die Ukraine verzeichnet dabei – bestärkt durch freigegebene EU-Gelder aus Ungarn – Erfolge. Moskau setzte in kurzer Folge die Hyperschallrakete Oreschnik, ballistische Iskander-Raketen sowie Marschflugkörper vom Typ Zyklon ein.
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Gemeinsames Waffenhaus Europa?
Die Studie beginnt mit einem wunden Punkt: Wo sind die Milliarden eigentlich sichtbar erfolgreich gewesen? Die Studienautoren, Dr. Alexander Lurz, Referent für Frieden und Abrüstung bei Greenpeace, sowie Herbert Wulf, international anerkannter Friedens- und Konfliktforscher rekurrieren dabei auf anhaltende Probleme: das Fiasko um den FCAS-Kampfjet, die Konkurrenz nationaler Industrieinteressen sowie rivalisierend-eskalierende Panzerprogramme.
Die EU gebe immense Summen aus, um sich fit für einen Waffengang zu machen – von einem gemeinsamen Waffenhaus, das effizient arbeite, sei man jedoch Lichtjahre entfernt.
Enorme Überlegenheit
Die Studie argumentiert primär erneut mit Zahlen. Eingerechnet, dass Kanada enger an die EU herangerückt sei, kämen beide Machtblöcke auf ein dreifaches Militärbudget im Vergleich zu Russland: 626 zu 190 Milliarden Euro allein 2025. In allen drei Waffenkategorien – Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe, Artilleriesysteme – sei man den russischen Kräften um ein Vielfaches überlegen.
Die Schlussfolgerung: Europas verteidigungspolitische Ressourcen sind bereits jetzt enorm – und Europa wäre sogar dann ausreichend geschützt, wenn sich die USA vollständig aus der Nato zurückzögen.
Koordination statt Kapazität
Mangelnde Koorination – so die abschließende, zentrale These der Studie, sei das Kernproblem. Die Beispiele sind eindrücklich: Der Transporthubschrauber NH90 wurde in 17 Varianten für acht Länder entwickelt. Die EU-Staaten betreiben elf verschiedene Kampfpanzer-Typen, zuvor seien dies gar 17 gewesen. Wirtschaftliche Frontstellungen und industrielle Eigeninteressen hemmen einen effizienten Aufrüstungsprozess – statt europäische Großraumwirtschaft dominiert eine waffentechnische Kleinstaaterei. Statt der pauschalen Geldverteilung nach dem Gießkannenprinzip bräuchte es gezielte, gemeinsame europäische Investitionen – allein höhere Ausgaben lösen keine Probleme.
Hinzu kommt: In fünf Bereichen ist die EU noch maßgeblich von Washington abhängig. Aufklärung, Frühwarnsysteme, Raketenabwehr, strategischer Lufttransport sowie moderne Cyber- und Drohnenfähigkeiten sind keine europäischen Paradedisziplinen. Eine schlechte Nachricht, bedenkt man, dass moderne Kriegsszenarien – Iran und die Ukraine haben die Waffengänge grundlegend revolutioniert – künftig maßgeblich durch Drohnenperationen entschieden werden.
Debatte in die falsche Richtung?
Insgesamt plädiert die Studie – zumindest lässt sie sich so lesen – nicht grundsätzlich gegen Aufrüstung, sondern gegen deren Richtung. Es gehe primär um Geldverschwendung, sagt Co-Autor Lurz. Er spricht nüchtern von „fehlender Kooperation, teuren Doppelstrukturen und nationalem Egoismus“ – nicht von Kriegsgefahr, Russophobie. Bedrohungslüge. Das Ziel sei eine „gemeinsame Verteidigungspolitik mit Augenmaß“ und das Ende blinder Aufrüstung.
Wohlwollend mag man anerkennen, dass ausgerechnet Greenpeace einen wissenschaftlichen Bremsklotz in die Aufrüstungsmühle werfen will. Doch taugt die aufgeworfene Frage? Nein.
In der emotional festgefahrenen deutschen Debatte gilt als Ketzer, wer dem Kiewer Fass ohne Boden oder den bundesdeutschen Kasernen auch nur einen Cent wegdiskutieren mag. Dennoch drängt sich der Eindruck auf: ohne ein klares Nein zum aktuellen Kurs, ohne ein Wort zum Zusammenhang von Krieg und Verarmung, muss die Studie ein zahnloser Tiger mit falscher Stoßrichtung bleiben.
Ums Ganze
Lobenswert ist, dass innerhalb der deutschen akademischen Wissenschaft – die Friedensgutachten des PRIF-Leibniz-Instituts erlebten spätestens seit 2023 ihre Zeitenwende, fielen als Leitstern weitgehend aus – überhaupt noch deutliche Kritik vernehmbar ist. Doch geht diese Folgestudie, nach einer guten, fundierten ersten Auflage, nicht an die Wurzel.
Den Autoren geht es darum, dass Aufrüstung „effizienter“ wird – nicht um den konkreten Charakter. Politikberatung, statt ökologisch-angesporntem Systembruch. Greenpeace bleibt dennoch eine Orchidee – die Studie wurde, medial nahezu totgeschwiegen, ein fataler Beleg, wo der deutsche Diskursraum angekommen ist.
Entscheidend jedoch ist auch, dass die Studie ein Gegenbild – wie es etwa Ingar Solty zuletzt skizzierte – schuldig bleibt. Gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur, Vermittlung, Alternativen, Abrüstung, Diplomatie? Unerwähnt.
Dabei wäre genau dies nötig: Denn korrekt bleibt, dass die kreditfinanzierten Sondervermögen, der Abbau öffentlicher Daseinsvorsorge, die Bildungsmisere, die Eingriffe in die Arbeitssystematik der deutschen Lohnabhängigen sich in Zukunft rächen werden. Die Studie legt den Finger in die Wunde, bewegt diesen aber nicht. Eine dritte Studie zu echten Alternativen und Abrüstung täte Not – die Daten-Basis ist gelegt.