Die Coronapandemie war noch nicht ganz gegessen, als ich vor etwa fünf Jahren zum ersten Mal Andrzej Zulawskis unnachgiebiges Horror-Meisterwerk Possession ansah. Weshalb es so lange gedauert hat, bleibt mir ein Rätsel. Gleichgesinnte mit ähnlich groteskem Geschmack schwärmten schon immer von diesem Film, den Clip vom ikonischen Ausraster in der U-Bahn-Station hatte ich mir unzählige Male auf YouTube gegönnt und dann spielt das Ganze auch noch direkt in meiner Nähe in mehreren Ecken Berlins.

Die Scham, mir den Film erst so spät auf die Glubscher getan zu haben, wurde im Anschluss aber durch meine erblühte Besessenheit für diesen Rosenkrieg – beziehungsweise dieses Rosengemetzel – überschattet. Und jetzt seid ihr dran: Sam Neill, wie ihr den Jurassic Park-Star noch nie gesehen habt, und Isabelle Adjani, wie ihr noch nie irgendjemanden gesehen habt, könnt ihr aktuell (und noch bis zum 24. März) kostenlos in der Arte-Mediathek streamen.

Possession: Horror-Szenen einer Ehe

Als wir Anna (Adjani) und Mark (Neill) zu Beginn von Possession kennenlernen, steht der Beziehungskessel schon so unter Druck, dass es fast sofort knallt. Vergesst alles, was ihr über dramatische Szenen aus anderen Scheidungsfilmen kennt. Es wird zwar wie gewohnt geschrien, sich gewaltsam angepackt, Mobiliar durch die Gegend geworfen und so weiter, doch die alptraumhafte Intensität, mit der diese Ehe vor unseren Augen implodiert, hat wirklich etwas von einer teuflischen Heimsuchung. Hier tobt ein Firnis der Frustration, den man nur im Zusammenspiel mit jenen befeuern kann, deren Liebe sich in etwas unaussprechlich Hässliches verwandelt hat.

Hier der Trailer zum Re-Release von Possession im letzten Jahr:

Possession – Trailer zu Wiederaufführung (Deutsch) HD

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Mit jedem Zentimeter Filmrolle spürt man, dass Zulawski schon auf jeder Seite des Drehbuchs eigene Dämonen auszutreiben hatte. Insbesondere nach seiner schmerzhaften Scheidung von Schauspielerin Malgorzata Braunek. So scheint es mir nicht zu Hundert Prozent anständig, dieses persönliche Werk mit komparatistischen Kunststückchen zu verwässern, aber Possession fühlt sich schon so an, als hätten sich die Davids Cronenberg und Lynch zusammengetan, um ein apokalyptisches Remake von Der Rosenkrieg oder Marriage Story heraufzubeschwören. Dieser bemühte Vergleich bringt einen aber nur bis an einen gewissen Punkt, denn am Ende ist dieses Seherlebnis absolut einzigartig, um nicht zu sagen: single.

Das gilt schon für die erste Hälfte von Possession, noch bevor wir die schaurige Scheidungsgroteske mit noch ungeheuerlicheren Elementen anreichern. Etwa, wenn man Anna in der U-Bahn widerstandslos die phallischen Bananen mopst, oder ihr Liebhaber Heinrich (Heinz Bennent) Mark mit einer Art deutschem Tanz-Fu kämpferisch in die Schranken weist. Doch der Mann mit der attraktiven Altbauwohnung ist nicht die einzige Konkurrenz, wie wir bald feststellen. In der zweiten Filmhälfte geht es nämlich auf einmal um Love im Sinne von H.P. Lovecraft.

Mauern, Beziehungs-Monster und das Ende der Welt

Zu mehrdeutigen Mauern gesellen sich bald ebenso metaphorische Monster. Annas zweite Wohnung, in der sie Sex mit einer Tentakelkreatur aus der Trickkiste von Effektkünstler Carlo Rambaldi (Alien) hat, steht direkt an der Berliner Mauer in der Sebastianstraße 87 in Kreuzberg. Eine Adresse, zu der ich nach meinem ersten Possession-Durchlauf andächtig pilgerte. Wann hat man schließlich schon mal die Location eines neu entdeckten Lieblingsfilms in der Nachbarschaft? Leider fand ich dort weder Tentakelzärtlichkeiten noch die im Film benachbarte Pommesbude von vor 45 Jahren. Lediglich einen Kerl in pinken Socken, der mir bis auf die Augen seltsam ähnlich sah. Aber ich bin fast sicher, das hat nichts zu bedeuten.

Ganz zufällig kommen Doppelgänger auch irgendwann in Possession vor. Entweder als Abbild idealisierter Partner:innen, oder als Symbol des Alter-Egos, in das man sich innerhalb einer Beziehung unweigerlich verwandelt. Ganz sicher können wir nicht sein. Zwei Sachen stehen aber absolut fest. Zum einen: Sobald Helen und Mark 2.0 auf der Bildfläche erscheinen, bekommt der Film einen fast apokalyptischen Anstrich, als wären sie Botschafter des jüngsten Gerichts via dem Kalten Krieg. Und zum anderen: Sollte es wirklich zum angedachten Possession-Remake vom Smile-Regisseur kommen (via Deadline ), gehe ich freiwillig wie Sohnemann Bob baden.

Die gemeinsame Wohnung des zerrütteten Paares steht ebenfalls nahe der bedeutungsschwangeren Ost-West-Trennung, unweit der heutigen Gedenkstätte Berliner Mauer. Wer aber den ikonischsten Possession-Pilgerort besuchen will, muss sich zur U-Bahn-Haltestelle Platz der Luftbrücke begeben, wo Anna wie von einem ganzen Teufels-Team besessen sämtliche Lebensmitteleinkäufe und sich selbst manisch im Tunnel verteilt, während sie eine schleimige Abtreibung ihres Glaubens erlebt (or something).

Lasst euch nur nicht beim Nachahmen erwischen. Soweit ich weiß, verstoßen Glaubensabtreibungen gegen die BVG-Beförderungsbedingungen.