Kaum eine Figur kann auf so viele Filme und Serien zurückblicken wie der vor über 600 Jahren erstmals schriftlich erwähnte englische Gesetzlose Robin Hood, der von den Reichen nahm und den Armen gab. Von Errol Flynns schlagfertigem Helden über Disneys füchsischen Zeichentrickklassiker Robin Hood bis zu Russell Crowes Kreuzritter bei Ridley Scott und Taron Egertons Action-Flop vor ein paar Jahren: Die Versionen seiner Abenteuer lassen sich kaum noch zählen.

Lässt sich seiner Legende da überhaupt noch etwas Neues abgewinnen? Michael Sarnoski (A Quiet Place: Tag Eins) beantwortet das in The Death of Robin Hood zum Glück mit einem klaren „Ja“. Erfahrt hier spoilerfrei, warum sich der Kinobesuch lohnt.

Hugh Jackman

zerrt Robin Hood aus der Heldenecke

Was wäre, wenn Robin Hood (Hugh Jackman) nicht die Lichtgestalt wäre, zu der man den Räuber in unzähligen Erzählungen aufgebauscht hat? Diese Frage stellt Pig-Regisseur Michael Sarnoski schon in den ersten Minuten seines etwas anderen Abenteuerfilms. Robin mag einst selbst zur Legendenbildung um seine Person beigetragen haben, doch wir treffen ihn 1247 als alten Mann mit grauer Haarmähne, der sich vor der Welt zurückgezogen hat. Nur von einem alten Freund (Bill Skarsgård) lässt er sich noch einmal zum blutigen Auszug überreden.

Seine „letzte Schlacht“ hat für Robin Hood allerdings Konsequenzen: Schwer verletzt kommt er erst im Kloster von Schwester Brigid (Jodie Comer) wieder zu sich. Auf deren friedlicher Insel verbirgt er seine wahre Identität, blickt in der ungewohnten Ruhe aber mit neuen Augen auf sein gewaltsames Leben zurück.

Schaut hier den Trailer zu The Death of Robin Hood:

The Death of Robin Hood – Trailer (Deutsch) HD

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Die Trailer und Videos zum Film zeichneten früh den „berühmten Halsabschneider“ als Mörder statt als Helden. Sehen wir in The Death of Robin Hood also nur einen Mann, der auf Grundlage einer ähnlich betitelten 300 Jahre alten englischen Ballade („Robin Hood’s Death“) seiner verdienten Bestimmung zugeführt wird?

So einfach ist es dann doch nicht. Denn Robin Hoods potenziell nahenden Tod nimmt der Film zum Anlass, Legendenbildung zu hinterfragen und im Dreck poetische Antworten zu finden. Zwischen eindrucksvollen Bildern im cineastischen Dunstkreis von David Lowerys The Green Knight, Justin Kurzels Macbeth und Robert Eggers The Northman findet das Abenteuer für seine Hauptfigur eine starke neue Identität.

The Death of Robin Hood umgarnt Kinofans

mit Gewalt und Schönheit

Von den ersten Nebelschwaden an, die über die Hochebenen (des atemberaubenden nordirischen Drehorts) ziehen, wohnt The Death of Robin Hood eine unverhohlene Schönheit der Bilder inne. Auch wenn Sarnoski das 13. Jahrhundert mit geflickten Gewändern und einem schmutzigen Alltag bewusst bodenständig zeigt, lädt Pat Scolas von natürlichem Licht durchflutete Kameraarbeit wiederholt zum Staunen und Schwelgen ein. Wer denkt noch an große Computer-Effekte, wenn vor brennenden Hütten gekämpft wird oder echte Klostermauern an windumtosten Küsten in die Höhe ragen?

Spannenderweise klafft dabei eine tiefe erzählerische Kerbe zwischen dem ersten und den letzten zwei Dritteln des Films. In den ersten 30 bis 40 Minuten tötet Hugh Jackmans Robin Hood eine Frau, einen Hund und ein Kind und stößt die Hauptfigur auf erschütterndste Weise von ihrem Heldensockel. Als düsteres Action-Abenteuer kratzt die Erzählung hier an der Obergrenze seiner FSK-16-Freigabe Insbesondere, wenn Hugh Jackman mit Axt und Bogen an anderen Körpern verheerende Dinge anstellt, die selbst seine Wolverine-Krallen nicht effizienter hinbekommen hätten.

Durch die Kinderaugen der kleinen Margaret (Faith Delaney) begreifen wir den Schrecken in all seinen blutigen Ausmaßen, während die Rachegedanken schon im Blick der nächsten Generation (Noah Jupe) lodern. Umso überraschender kommt dann die abrupte, aber clevere Kehrtwende hin zur Ruhe. In der Stille der Klosterinsel hallt die gerade gesehene Gewalt nur umso lauter nach, wenn Robin Hood auf dem Krankenlager sein altes Leben schwer loslassen kann.

Aber erst hier dringt The Death of Robin Hood zum eigentlichen Kern seiner Geschichte vor. Er mag ein anderer Außenseiter sein als der hier ebenfalls ansässige vermummte Lepra-Aussätzige (Murray Bartlett aus The White Lotus). Aber so tiefsinnig und mutig „alt“ haben wir Hugh Jackman seit seinem Auftritt in Logan – The Wolverine (ebenfalls mit gerettetem Mädchen) nicht mehr gesehen. Auch dank ihm entfaltet sich im erzwungenen Stillstand die wahre Wirkung des Films: der lyrische Epilog einer Legende.

Indem The Death of Robin Hood sich von der Legende lossagt, wird der Film selbst legendär

In der Abgeschiedenheit des Eilands und zu sanften Klängen folkloristischer Musik offenbaren alle Figuren langsam ihre inneren und äußeren Wundmale. Mit Robins Bogenschusskünsten und Begleitern aus seinem Sagenschatz verliert er nie seinen berühmten Unterbau aus den Augen. Zugleich reflektiert der zwischen Epos und Nüchternheit geerdete Film aber auch, wie solche Legenden geformt werden. Zum Beispiel, wenn Robin einen Freund auffordert, die Haarfarbe einer Frau nicht als „blutrot“, sondern „rot wie die untergehende Sonne“ zu beschreiben. Nur überzeugende Lügen erschaffen Idole.

„Ich würde mich erinnern, wenn das [nur] eine Geschichte wäre“, sagt Robin an einer Stelle, als wieder einmal jemand ein allzu abenteuerliches Lebenskapitel des Gesetzlosen zum Besten gibt. Aber dass man sich im unzuverlässigen Netz seiner eigenen Erinnerung verfangen kann, behandelt der Film ebenso wie den Umstand, dass Geschichten manchmal das Einzige sind, was einen aus der trostlosen Wirklichkeit retten kann. Unter der rauen Fassade schlummert hier die Seele eines Poeten.

In The Death of Robin Hood streift Robin seine Hood ab. Doch was an Falten und Narben unter der Heldenkapuze zum Vorschein kommt, ist nicht weniger sehenswert als die vorigen Variationen des Meisterschützen, sondern mehr.

The Death of Robin Hood startet am 18. Juni 2026 in den deutschen Kinos.