„Die Frage ist also nicht, ob wir Extremisten sein werden, sondern welche Art von Extremisten wir sein werden.“ Kennen Sie dieses berühmte Zitat? Manche werden sofort an Martin Luther King Jr. denken, andere dürften sich zunächst fragen, was genau damit gemeint ist. King schrieb diese Worte 1963 in seinem berühmten „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham“. Darin erklärte er, dass nicht jeder Extremismus zwangsläufig zerstörerisch sein müsse. Entscheidend sei vielmehr, ob man sich aus Hass oder aus Liebe, für Ungerechtigkeit oder für Gerechtigkeit radikal einsetzt.

Doch was hat dieses Zitat mit Vince Staples zu tun? Nun ja …scheinbar eine ganze Menge. Die Worte erscheinen am Ende des Musikvideos zu „Blackberry Marmalade“, der ersten Single seines neuen Albums „Cry Baby“. In dem drastischen Clip versucht Staples, einen bewaffneten Angreifer zu stoppen – und scheitert. Das Zitat wirkt dabei wie ein Schlüssel zum Verständnis des Videos und letztlich auch der gesamten Platte. Es geht um Gewalt, gesellschaftliche Radikalisierung und die Frage, wie lange Menschen Ungerechtigkeit ertragen können, bevor ihre Verzweiflung in Widerstand umschlägt.
Am 5. Juni veröffentlichte der US-amerikanische Rapper und Schauspieler mit „Cry Baby“ sein mittlerweile siebtes Studioalbum. Der 32-Jährige aus Long Beach ist seit Jahren für seine präzisen, oft schonungslos ehrlichen Texte bekannt. Persönliche Erfahrungen verbindet er darin mit Beobachtungen über Rassismus, Polizeigewalt, Armut und das Leben in einem Land, das seinen Bürgern zwar Freiheit verspricht, diese jedoch nicht allen gleichermaßen gewährt.
Dass Staples solche Themen nicht nur in seiner Musik behandelt, zeigt auch seine Netflix-Serie „The Vince Staples Show“. Darin spielt er eine fiktionalisierte Version seiner selbst: einen halbwegs berühmten und vermeintlich wohlhabenden Musiker, dessen Alltag immer wieder in absurde oder gefährliche Situationen abgleitet. Die Serie bewegt sich zwischen schwarzem Humor, surrealer Komödie und Gesellschaftssatire. Hinter den teilweise überzeichneten Erlebnissen stecken aber reale Vorurteile und Ängste. Der Künstler zeigt, wie schnell ein junger Schwarzer Mann verdächtigt, kontrolliert oder mit Kriminalität in Verbindung gebracht wird – unabhängig davon, wie bekannt oder erfolgreich er ist. Dabei versucht sich Vince meist irgendwie durch das Chaos zu manövrieren. Er beobachtet mehr, als dass er erklärt, und reagiert mit einer fast irritierenden Gelassenheit auf die Absurditäten um ihn herum. Gerade diese Ruhe macht die Serie so wirkungsvoll. Denn so lustig manche Szenen zunächst erscheinen, so bitter ist häufig das, was hinter ihnen steckt. Ähnlich funktioniert auch „Cry Baby“: Staples erhebt nicht ständig die Stimme, doch seine Botschaft ist deshalb nicht weniger radikal.