Inhalt
Auf einer Seite lesen
Inhalt
Seite 1Raumstation mit Europa? Hauptsache, ein Amerikaner landet auf dem Mond
Seite 2Europa dürften die Pläne nicht gefallen
Egal, ob Kugelstoßen oder Klavierspielen: Wer schwierige
Bewegungsabläufe fehlerfrei ausführen will, braucht ein muskuläres Gedächtnis.
Gemeint ist, dass der Körper Dinge so oft wiederholt hat, dass er sie ohne
Nachdenken abrufen kann – die Voraussetzungen für Höchstleistungen in Sport und
Musik.
Gibt es so etwas auch in der Raumfahrt? Jedenfalls sieht es
der frisch berufene Nasa-Chef Jared Isaacman so. „Wenn man nur alle drei Jahre
ins All startet“, sagte er vor wenigen Tagen auf einer Pressekonferenz in
Washington, D. C., „büßt man muscle memory ein.“
Isaacman nutzte die überraschende Metapher, um eine
tiefgreifende Änderung der Mondmissionen der Nasa zu begründen. Das Artemis-Programm
soll erstmals seit 1972 wieder US-Amerikaner auf dem Mond landen lassen. Und
zwar schon 2028, wie Präsident Donald Trump per Dekret angeordnet hat. Zeitlich
ist das jedoch kaum einzulösen, und wenn doch, dann nur unter erheblichen
Risiken.
Neue Testflüge – und ein Mentalitätswandel
Isaacman hat Artemis deshalb nun ein bis zwei neue Testflüge
ins Manifest geschrieben. Die ursprünglich für die Mission Artemis III
angekündigte Mondlandung soll damit erst im Rahmen der Missionen IV oder V
stattfinden.
Das klingt auf den ersten Blick wie ein harmloses Detail. Es könnte aber weitreichende Folgen haben, erst recht für Europa, das über die
Europäische Weltraumorganisation Esa am Programm beteiligt ist. Zudem deutet es
einen Wandel an, den viele vom Unternehmer, Amateurastronauten
und Milliardär Isaacman bereits erwartet haben: Weg von der institutionellen
Raumfahrt, in der Traditionskonzerne wie Boeing und tausende übers Land
verteilte Zulieferer, die Raketen für die Nasa bauen, hin zu einer Welt, in der
das mehr und mehr die Raumfahrtfirmen von Elon Musk und Jeff Bezos übernehmen.
Die Nasa und ihr Mondprogramm
Nasa-Krise:
Wie geht es weiter mit der Nasa?
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Artemis 1:
Die mächtigste Rakete, die je in den Orbit aufgebrochen ist
Nasa:
So einen Machtkampf hat die Nasa noch nicht gesehen
Um das zu verstehen, muss man sich mit der riesigen orangefarbenen
Rakete beschäftigen, die in den kommenden Jahren die Raumkapsel mit Menschen
zum Mond katapultieren soll. Drei Jahre sind seit dem ersten unbemannten
Testflug dieses Space Launch System (SLS) der Firmen Boeing, United Launch
Alliance und Northrop Grumman vergangen. Nun steht der zweite Flug bevor,
diesmal mit vier Menschen an Bord, die den Mond in einer 10-tägigen Mission
umrunden sollen. Doch die Rakete plagt dieselben technischen Probleme wie vor
drei Jahren – weshalb der Start der Mission Artemis II nun schon mehrfach
verschoben werden musste, aktuell auf Anfang April.
Isaacman macht hierfür nicht nur die betagte Technik
verantwortlich – das SLS besteht aus Teilen der längst eingemotteten Space
Shuttles, da man so Fabriken in wichtigen US-Bundesstaaten erhalten konnte. Es
liegt laut dem neuen Nasa-Chef eben auch am fehlenden Muskelgedächtnis der
Belegschaft. „Eine so wichtige und komplizierte Rakete wie das SLS nur alle
paar Jahre zu fliegen, ist kein Weg zum Erfolg“, sagte er. Schließlich ginge in
solch einem langen Zeitraum viel Know-how verloren. Zudem stellt sich keine
Routine bei den tausenden technischen Kniffen ein, die so ein Raketenstart
erfordert.
Rendezvous im Erdorbit
Daher sollen jetzt neue Testflüge für reibungslosere Abläufe
sorgen. Statt mit der Mission Artemis III 2028 auf dem Mond zu landen, soll das
SLS bereits 2027 erneut abheben – dabei aber nicht mal die Erdumlaufbahn
verlassen. Stattdessen soll die Crew an eine der beiden separat von der Erde
gestarteten Mondlandefähre andocken, die derzeit von Elon Musks Firma SpaceX
und Jeff Bezos‘ Blue Origin entwickelt werden. Nach dem Test von
Lebenserhaltung, Steuerung und möglicherweise auch der Raumanzüge für den
Mondbesuch geht es dann aber direkt wieder in die Raumkapsel und damit zurück
zur Erde.
Erst mit Artemis IV oder V soll dann die Mondlandung
erfolgen, oder besser gesagt: Ein Landeversuch, wie Isaacman betonte. Für
diesen reisen die Raumfahrer an Bord ihrer Raumkapsel bis in eine
Mondumlaufbahn – und steigen dort in eine der Landefähren um, die den Transport
zur Oberfläche und zurück übernimmt. Beide Missionen sollen nach dem neuen Plan
2028 stattfinden, Artemis IV im Frühjahr, Artemis V zum Jahresende.
© Lea Dohle
Newsletter
Nur eine Frage
Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.
Prüfen Sie Ihr Postfach und bestätigen Sie das Newsletter-Abonnement.
So will Isaacman offenkundig auch das Risiko für Fehlschläge
senken, das ihm und seinen Beratern beim ursprünglichen Programmplan von
Artemis als nicht mehr tragbar galt. Womöglich eine Folge interner
Untersuchungen bei der Nasa, die eine zu laxe Sicherheitskultur anprangerten,
unter anderem bei einem missglückten Testflug einer Boeing-Raumkapsel. Durch ihn mussten zwei Astronauten unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit neun Monate statt nur acht Tage auf der
Internationalen Raumstation verbringen.
Auch die Erfahrungen aus den Sechzigerjahren sprechen wohl
dafür, eher zu viel als zu wenig zu testen. Die mächtige Saturn-V-Rakete
absolvierte damals zwei unbemannte und drei bemannte Testflüge, ehe Neil
Armstrong und Buzz Aldrin 1969 auf dem Mond landeten. Testflüge, bei denen
durchaus Probleme auftauchten. Dass die Planer fünf Jahrzehnte später trotz
ganz anderer Hardware mit nur zwei Testflügen insgesamt auskommen wollten,
konnte man schon immer mutig finden.