Autokraten und solche Politiker, die es werden wollen, beobachten die Entwicklungen genau.

Das macht die Sache so brisant. Wie sich größere Staaten innenpolitisch organisieren, hat immer Ausstrahlung nach außen. Es ist ja nicht so, dass Donald Trump das Modell von Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei oder Viktor Orbán in Ungarn kopiert. Es ist eher so, dass gewählte Politiker mit autokratischen Tendenzen sich anschauen, was an autoritären Veränderungen in den USA durchkommt, und sich das dann zum Vorbild nehmen.

Trump hat wiederholt Drohungen gegen Kanada ausgestoßen, er äußert auch immer wieder Anspruch auf Grönland. Will er die Insel wirklich für die USA in Besitz nehmen?

Er will die Insel wirklich, aber man bekommt im Leben nicht immer, was man möchte. Wenn sich aber die Gelegenheit bietet, greift er sicher zu. An Panama, Venezuela, Kanada, Grönland zeigt sich zudem, wie unverhohlen Trump Macht demonstriert ohne Rücksicht auf die UN-Charta oder das Völkerrecht.

Während die Macht der USA zumindest geschrumpft ist, steigt China auf. Droht ein zukünftiger Konflikt zwischen diesen beiden Staaten? Etwa um Taiwan?

Es sind allerlei Szenarien möglich; Analysten tun gut daran, sich nicht für Propheten zu halten. Niemand kann eine glaubwürdige Voraussage machen, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird. Ja, es gibt diese Tendenz absteigender Mächte, beim Versuch, den eigenen relativen Machtverlust aufzuhalten, irrational und überstürzt zu handeln. Nur sieht es gerade gar nicht so aus, als seien die USA eine absteigende Macht. Auch Kollegen aus China sind schweigsamer geworden, wenn es um die Frage geht, wann China die USA überholen wird. Wahrscheinlicher scheint mir, dass China und die USA auf verschiedenen Gebieten jeweils abwechselnd die Plätze eins und zwei belegen werden.

Wladimir Putin verfolgt zwei Ziele, beide könnten sich als unerreichbar erweisen. Und beide zeigen sich in seinem verheerenden Krieg gegen die Ukraine, der eben auch eine für Russland verheerende Politik darstellt. Zum einen will Putin die verlorene Weltmachtposition Russlands wiederherstellen, zum anderen will er den imperialen Raum zurückgewinnen, über den das Zarenreich und die Sowjetunion verfügt haben.

Saporischschja in der Ukraine: Vor mehr als vier Jahren startete Russland die Vollinvasion der Ukraine.Vergrößern des BildesSaporischschja in der Ukraine: Vor mehr als vier Jahren startete Russland die Vollinvasion der Ukraine. (Quelle: Stringer/reuters)

Das führt zu entsprechender Furcht in unseren östlichen Nachbarstaaten.

Russlands Propaganda richtet sich zunehmend gegen Europa, weil dieses die Ukraine stark unterstützt. Ohne die EU und die Koalition der Willigen hätte die Trump-Regierung schon lange versucht, ein bilaterales Abkommen mit Russland über die Ukraine zu schließen. Putin hat sich aber zu viel vorgenommen, wie der bisherige Verlauf des Krieges zeigt. Statt russischen Einfluss in der Ukraine zu wahren, hat er mit seinem Krieg nahezu alle Ukrainerinnen und Ukrainer zu Feinden Russlands gemacht. Statt die Nato auf Abstand zu halten, hat er durch seine aggressive Politik Schweden und Finnen zum Beitritt in die Nato bewegt. Das sind wahrlich keine Erfolge für Putin.

Also hat Putin sich verrechnet?

Die meisten politischen und militärischen Führer, die Kriege beginnen, überschätzen ihre eigene Kraft und Erfolgschancen. Zugleich unterschätzen sie den Zusammenhalt der Gesellschaften in den von ihnen angegriffenen Ländern. Russland und die Ukraine sind dafür deutliche Beispiele.

Sie wiesen darauf hin, dass Europa neue Partner in der Welt gewinnen muss. Was ist mit den Staaten Afrikas? Dort sind auch Russland und China aktiv.

Afrika ist ein Faktor, mit dem wir rechnen müssen. In Kürze wird der Kontinent über etwa ein Drittel der jungen arbeitsfähigen Bevölkerung in der Welt verfügen, Afrika hat heute bereits mehr Einwohner als China. Wie Sie ganz richtig sagen, ist Afrika kein Land, sondern besteht aus zahlreichen Staaten, es herrscht ein großer Pluralismus. Ähnlich wie bei der europäischen Einigung wäre es gut, wenn die Staaten Afrikas zusammenarbeiten würden. Aber das ist – wie Europa auch zeigt – ein langer und komplizierter Prozess. Ideal wäre es, wenn Afrika vom vornehmlichen Rohstoffexporteur den Weg hin zu industrieller und gewerblicher Weiterverarbeitung findet. Dann könnte Afrika einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung erleben.

Angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks wird Afrika in Europa eher als Quelle irregulärer Migration gefürchtet.

Irreguläre Migration entsteht dadurch, dass vor allem junge Leute keine oder sehr begrenzte Chancen in ihren eigenen Ländern sehen und reguläre Mobilitätsmöglichkeiten fehlen. Diesem Problem ließe sich einerseits durch einen wirtschaftlichen Aufschwung in den afrikanischen Staaten begegnen als andererseits auch durch verbesserte Formen der regulären, verhandelten Mobilität zwischen europäischen und afrikanischen Staaten. Wir dürfen dabei unser demografisches Problem nicht vergessen: Wir brauchen Einwanderung, aber in weitestgehend regulierter Form.

Zurzeit findet eher das Abstecken von Claims in Afrika zur Sicherung von Ressourcen statt.

Kurzfristig scheint es häufig so, also ob diejenigen diesen Wettbewerb gewinnen würden, die am robustesten zugreifen. Langfristig werden aber diejenigen erfolgreich sein, die partnerschaftlich mit afrikanischen Staaten zusammenarbeiten.

Eine letzte Frage: Blicken Sie eher optimistisch oder pessimistisch in Richtung Zukunft?

Weltordnungen entstehen und vergehen, das ist überhaupt nicht neu. Wir entscheiden selbst über unsere Zukunft. Ja, zurzeit sind die Dinge im Umbruch, aber das bietet auch die Chance, die Zukunft positiv zu gestalten.

Herr Perthes, vielen Dank für das Gespräch.