Vom 29. Mai bis 31. August öffnen die Grazer Gemeinschaftsgärten ihre Tore und zeigen, wie aus Gartenarbeit Nachbarschaft, Bildung und Klimaarbeit entsteht. Wer einen der Gärten selbst besucht, merkt schnell: Hier wächst mehr als nur Gemüse!

Autorin: Johanna Volk

Mitten im hektischen Alltagsleben der Stadt stehen am Straßenrand ein paar Beete. Die ersten Pflanzen wachsen grün aus der Erde, dazwischen stehen kleine Tafeln mit Beschriftungen, bunte Bänder wehen als Dekorationen, auf einem Tisch liegen Flyer und Mehlspeisen. Es ist sofort zu erkennen, dass hier etwas los ist. Eine Dame bleibt mit ihrem Hund stehen und wirft einen neugierigen Blick auf das Geschehen. Sie kommt mit den Menschen vor Ort ins Gespräch. Es ist einer dieser zufälligen Momente, die zeigen, worum es bei den Projekten wirklich geht.

Die Aktionstage machen sichtbar, was sonst oft nebenbei passiert. Besucher:innen können selbst Hand anlegen, Fragen stellen oder einfach nur die Atmosphäre genießen. In manchen Gärten wird über die Zukunft diskutiert, in anderen wird gemeinsam gebaut, wie beispielsweise bei einem Workshop zum Bau einer Behausung für Insekten und Reptilien.

Der Generationengarten „Am Freigarten“ lud während den Gemeinschaftsgarten-Tagen beispielsweise zum Plaudern und Diskutieren auf der Zukunftsbank ein. Dort konnte man auch die ständige Entwicklung der Gemeinschaftsgärten sehen, denn neben den Beeten entsteht gerade eine neue Blühwiese.

Auf einem Grünstreifen zwischen Gehweg und Straße ist ein Bereich mit einer Wimpelkette abgezäunt. Die Erde ist umgegraben, in der Mitte steht eine Scheibtruhe.Hier entsteht die neue Blühwiese des Generationengarten, Am Freigarten. – Foto: Johanna Volk
Organisation und Vernetzung

Organisiert wurden die Gemeinschaftsgarten-Tage erstmals gemeinsam vom „Forum Urbanen Gärtnern” und den lokalen Gartengruppen, unterstützt durch die Stadt Graz. Rund ein Drittel der ca. 40 Grazer Gemeinschaftsgärten waren mit dabei.

Was die Gärten verbindet, ist weniger eine einheitliche Struktur, sondern vielmehr einen gemeinsame Idee: Flächen in der Stadt selbst gestalten zu können und soziale Vernetzung schaffen. Andreas Motschiunig vom „Forum Urbanes Gärtnern“ beschreibt ihre Arbeit mit den Gemeinschaftsgärten der Stadt als vermittelndes Organ. Der Verein vernetzt Gruppen, unterstützt bei der Gründung neuer Projekte und hilft, wenn es um Flächenfindung oder Abstimmungen mit der Stadt geht.

Vor Ort wird deutlich, wie unterschiedlich die Gruppen selbst sind. Manche Gruppen sind eher studentisch geprägt, andere bestehen schon lange. Wieder andere bringen Menschen mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten zusammen. Doch gerade diese Mischung wird von Andreas Motschiunig als Stärke beschrieben, die für eine starke Verankerung in der Nachbarschaft sorgt.

Offene Treffpunkte in der Stadt

Viele der Orte sind bewusst offen gedacht. Sitzgelegenheiten laden auch jene ein, die nicht mitgärtnern. Gespräche entstehen nebenbei beim Gießen oder Ernten. So etablieren sich aus kleinen Flächen nach und nach Treffpunkte in der Stadt.

Doch nicht nur die soziale Komponente spielt dabei eine wichtige Rolle: Themen wie Selbstversorgung, Biodiversität oder der Umgang mit Hitze und dem Mikroklima der Stadt sind fixer Bestandteil im Gartenalltag der Gruppen. In den Beeten wird ausprobiert, weitergegeben und gelernt, wie man beispielsweise mit Trockenheit umgeht oder wie das Kompostieren funktioniert.

Stadt und Klima

Auch die Stadt Graz sieht in den Gemeinschaftsgärten mehr als „lustige Freizeitprojekte“. Maria Nievoll aus der Abteilung Grünraum und Gewässer der Stadt Graz verweist im Interview auf die Lebensmittel-Strategie der Stadt, in der eine „essbare Stadt“ als Ziel festgeschrieben ist. Die Stadt fördert Gemeinschaftsgärten und hilft bei organisatorischen Tätigkeiten oder begleitet die Flächen-Vermittlungs-Prozesse. 

Nievoll benennt auch stadtpolitische Gründe für die Unterstützung von Gemeinschaftsgärten. Im Volksgarten etwa sei der Gemeinschaftsgarten unter anderem deshalb mitgetragen worden, weil man hoffte, dass unterschiedliche Nutzer:innen-Gruppen den Raum beleben und Konflikte dadurch entschärfen. Diese können aus Sicht der Stadt Nachbarschaft stärken, Lebensqualitäten erhöhen und in manchen Fällen sogar eine positive Form von sozialer Kontrolle schaffen. Diese Erkenntnisse, sowie Erkenntnisse über klimatische Auswirkungen werden nicht systematisch gesammelt, sondern über die Kommunikation mit den Gruppen und dem Umfeld erhalten. 

In einer Parkanlage stehen mehrere bunte Beete. In den Beeten wachsen Kräuter, Obst und Gemüse. Im Hintergrund ist eine Sportanlage zu sehen.Der ANNENVIERTLER Gemeinschaftsgarten im Volksgarten. – Foto: Johanna Volk

Das zweite große Thema ist das Klima. Für die Stadt ist der Beitrag von Gemeinschaftsgärten zu Mikroklima, Biodiversität und Wissensvermittlung äußerst relevant, auch wenn Nievoll den direkten Effekt auf Hitzeinseln in der Stadt eher vorsichtig einschätzt. 

Das Forum Urbanes Gärtnern formuliert das deutlicher: Gärten in der Innenstadt müssen heute so gestaltet sein, dass sie Schatten bieten, Wasser speichern und auf Trockenheit reagieren können. In den Gärten selbst werde viel über Kompost, Sortenvielfalt, Saatgut, Insekten und klimaangepasste Bewirtschaftung gesprochen. Also über genau jene Fragen, die zukünftig auch die Stadtbewohner:innen stärker beschäftigen werden. 

Engagement und Herausforderungen

Getragen werden diese Projekte vor allem von den Menschen selbst. Organisation, Pflege und fast alles, was diese Orte zusammenhält, passiert ehrenamtlich. Das bringt allerdings auch Unsicherheiten mit sich: Finanzierung, unterschiedliche Pachtbedingungen oder bürokratische Hürden gehören für viele Gruppen zum Alltag. 

Und trotzdem hinterlässt der Besuch in den Gärten vor allem einen anderen Eindruck: Die Grazer Gemeinschaftsgärten sind und werden auch zukünftig Orte sein, an denen soziale, ökologische und stadtpolitische Fragen zusammentreffen und gelöst werden können.

 

Titelbild: Kräuterbeet mit Programm für die Gemeinschaftsgartentage. – Foto: Johanna Volk

 

Infobox

Infos rund um das Thema Gemeinschaftsgärten in Graz finden sich auf der Website des Forum Urbanes Gärtner. In ihrem Bildungskalender werden Workshops, Vorträge, Exkursionen und Vernetzungstreffen zu nachhaltigem Gärtnern, Biodiversität, Ernährung und gemeinschaftlicher Gartenpraxis zusammengefasst.

Gemeinschaftsgärten im Annenviertel, die bei den Gemeinschaftsgarten-Tagen dabei waren:

Generationengarten: Am Freigarten, 8020 Graz
Garten des Wertschöpfungszentrums Lend: Leuzenhofgasse 2, 8020 Graz
Teehaus: Am Murradweg auf Höhe Radgasse/Lendkai 157, 8020 Graz
ANNENVIERTLER Gemeinschaftsgarten: Im Volksgarten auf der Höhe Mühlgasse 24, 8020 
GAIA Gartenberg: gegenüber der Bergstraße 50, 8020 Graz
Gemeinschaftsgarten Haus Rafael: Hauseggerstraße 72, 8020 Graz