
Sechs Jahre nach dem Tod von Sängerin Fredriksson sind Roxette wieder auf Tour und spielen auf dem Hessentag. Die Musik des schwedischen Pop-Duos begleitet unseren Autor seit seiner Kindheit. Das Wiedersehen nach fast 40 Jahren war für ihn wie eine Zeitreise.
Mein erstes Lied von Roxette habe ich mir noch aus dem Radio auf Kassette aufgenommen, das war „The Look“ im Jahr 1989, ich war noch keine zehn Jahre alt. Der Song lief in Dauerschleife auf meinem tragbaren Kassettengerät und war der Auftakt in eine langjährige Musik-Liebe.
Eine Liebe, die ehrlich gesagt bis heute anhält, auch wenn man sich zwischenzeitlich etwas aus den Augen verloren hat. Irgendwann war es mir auch ein bisschen peinlich, Punk und Grunge waren Mitte der Neunziger das große Ding.
Sechs Jahre nach Maries Tod wieder auf Tour
Am Mittwochabend – rund 37 Jahre nach meinem Erstkontakt – sind Roxette aber wieder in mein Leben getreten. Mehr als sechs Jahre nach dem tragischen Tod der ikonischen Sängerin Marie Fredriksson ist das schwedische Pop-Duo wieder auf Tour und zu Gast beim Hessentag in Fulda.
Aber sind Roxette ohne Marie überhaupt noch Roxette? Und darf man sich das als Fan überhaupt anschauen? Schließlich hat Frontmann Per Gessle seine jahrzehntelange Partnerin Marie Fredriksson ersetzt und hat jetzt eine Neue. „Schäm dich!“, würde mein Teenie-Ich sagen, das damals schon ein bisschen in Marie verliebt war – Bravoposter über dem Bett inklusive.
Roxette ohne Marie: Darf das?
Jetzt hier zu stehen und Per mit der Neuen zuzuschauen, wie sie Maries Lieder singt, fühlt sich fast wie Fremdgehen an. Aber nur ganz kurz, denn eines vorweg: Ich habe mich zwar nicht neu verliebt, aber die Neue ist okay. Sie heißt Lena Philipsson, ist 60 Jahre alt und macht an der Seite von Per Gessle eine verdammt gute Figur.
Die Neue: Lena Philipsson
Das sehen viele der rund 8.000 Zuschauerinnen und Zuschauer auf dem Domplatz offenbar ähnlich, denn die Stimmung ist gelöst. Der Innenraum ist gut gefüllt mit tanzenden und singenden Menschen, hinten sitzen die Leute auf den warmen Steinstufen, trinken Wein oder Bier und genießen die Musik, das Wetter und die Kulisse.
Traumkulisse für Zeitreise von Mama und Papa
Die Bühne schmiegt sich zwischen den zu Beginn von der Abendsonne in gelbes Licht getauchten Dom und das barocke Stadtschloss. Ein idyllischer Rahmen für eine kleine Reise in die Vergangenheit.
Im Publikum sind viele graue Haare zu sehen, fast alle dürften Roxette schon auf ihrem Höhepunkt im vergangenen Jahrhundert erlebt haben. Hier und da mischen sich ein paar jüngere Gesichter unter die Menge, wahrscheinlich begleiten sie Mama oder Papa auf ihrer Zeitreise.
Roxette in Fulda: Sängerin Lena Philipsson und Per Gessle
Alles (fast) so wie früher
Auch auf der Bühne scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Klamotten, die Gesten, der Sound – alles exakt wie vor 35 Jahren. Und wenn man die Augen ein bisschen zusammenkneift, sieht man auch die Falten der Bandmitglieder nicht mehr. Eine fast perfekte Illusion.
Obwohl gerade die Zeichen des Alters meinem 47-jährigen Ich einen gewissen Frieden geben: Auch mit 66 Jahren – so alt ist Per Gessle mittlerweile – kann man auf der Bühne noch verdammt gut aussehen.
Dem äußerst agilen Gessle ist der Spaß an der Bühne von Anfang bis Ende anzumerken, mit ihrer starken Bühnenpräsenz und ihrem extravaganten Glitzer-Dress ist Sängerin Philipsson zudem eine würdige Nachfolgerin für die an Krebs gestorbene Fredriksson.
Es ist auch gar nicht so wichtig, wer die Lieder singt. Wichtig ist, dass sie überhaupt wieder gesungen werden. Das sagt mein gesetztes Gegenwarts-Ich, losgelöst von Teenie-Schwärmereien oder Fanboy-Verpflichtungen.
Songs, die Generationen prägen
Songs wie „Listen to your heart“, „It must have been Love“ oder „Joyride“ haben sich in die Gehörgänge einer, vielleicht sogar mehrerer Generationen gebrannt. Sie gehören auch heute noch auf die Bühne. Das zeigt die Reaktion der Menschen, alle Lieder werden lautstark mitgesungen, die Texte sitzen. Roxette ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht.
Eines der Highlights des Abends ist die Akustik-Version von „Spending my Time“, nur mit Gitarre und Gesang. Die Ballade „Queen of Rain“, die von einer verflossenen Liebe handelt, setzt nach rund 100 Minuten den würdigen Schlusspunkt.
Tatsächlich haben die Songs auch teils knapp 40 Jahre später und mit neuer Sängerin nichts an ihrer Leichtigkeit und Magie eingebüßt. Die Melodien nehmen dich an der Hand und reisen mit dir zurück in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der vermeintlich alles gut war.
Verklärung, die einfach gut tut
Das ist pure nostalgische Verklärung, aber das Gefühl, wenn die Endorphine durch den Körper strömen, ist real und tut gut. Zumindest mir. Eine Streicheleinheit für die Seele.
Liebt die Bühne: Lena Philipsson
Und machen wir uns nichts vor, genau dafür sind die meisten Menschen auch gekommen. Für die Dauer des Konzerts durften sie sich noch einmal wie 15, 20 oder 30 fühlen – oder wie alt sie eben waren, als Hits wie „Dangerous“, „Sleeping in my Car“ oder „Fading like a flower“ in den 80ern und 90ern die Charts stürmten.
Wer Innovation erwartet hat, ist an diesem Abend falsch. Alle anderen haben eine wunderbare Zeit. Die Frage, ob Roxette auch ohne Fredriksson funktioniert, kann getrost mit „Ja“ beantwortet werden. Da sind sich mein altes und mein junges Ich einig.
Setlist: Roxette, 17.06.2026, Fulda
The Big L.Sleeping in My CarDressed for SuccessCrash! Boom! Bang!Opportunity NoxFading Like a Flower (Every Time You Leave)Church of Your Heart (Acoustic)StarsShe’s Got Nothing On (But the Radio)It Must Have Been Love (Dedicated to Marie Fredriksson)How Do You Do!DangerousJoyride
Zugaben:Spending My Time (Per & Lena acoustic)Listen to Your HeartThe LookQueen of Rain