In Europa sind die Gaspreise am Dienstag weiter rasant gestiegen. US- und israelische Angriffe auf den Iran haben die globalen Energiemärkte erschüttert und die Sorge vor einem länger anhaltenden Schock neu entfacht.
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„Das hat sofort die Sorge geschürt, dass Europa weniger Flüssigerdgas zur Verfügung steht. An den Spotmärkten setzte eine Kaufwelle ein, die Risikoaufschläge zogen an“, sagte Yousef M. Alshammari, Präsident des London College of Energy Economics, gegenüber Euronews Business.
Der europäische Referenzkontrakt, der niederländische TTF, stieg am Dienstag gegen 12.30 Uhr MEZ auf mehr als 60 € je Megawattstunde (MWh). Ende vergangener Woche lag der Preis noch bei gut 30 €.
Die Lage bleibe äußerst volatil, die Märkte bepreisten große Unsicherheit, so Alshammari weiter. Vor allem LNG-Lieferungen aus Katar über die Straße von Hormus und diplomatische Initiativen könnten die Preise stark bewegen.
Aussichten für Europa
Für Europa stellt sich die Frage, wie ein neuer Energieschock die ohnehin fragile Konjunkturerholung und das Versorgungssystem treffen würde. Beides ist störanfälliger als vor dem Jahr 2022.
Der Kontinent hat sich Schritt für Schritt aus der Krise nach Russlands Großangriff auf die Ukraine herausgearbeitet. Europa hat seine Abhängigkeit von russischem Pipelinegas stark reduziert und setzt dafür stärker auf per Schiff geliefertes LNG.
Dieser Umbau hat die Versorgung stabilisiert. Gleichzeitig macht er Europa jedoch abhängiger von globalen Schifffahrtsrouten, Spotlieferungen und Importterminals. Gerät die Geopolitik in Brand, kann es dort sehr schnell eng werden.
Katar spielt dabei eine Schlüsselrolle und deckt Schätzungen zufolge rund zwölf bis vierzehn Prozent der europäischen LNG-Importe. Händler blicken deshalb aufmerksam auf den Golf und seine Engpässe, ob die Lieferströme unter Druck geraten.
„Europa ist weit weniger abhängig von Öl und LNG aus dem Golf als China, Indien, Japan oder Südkorea, aber es ist nicht abgeschirmt“, heißt es in einer Analyse des in Brüssel ansässigen Thinktanks Bruegel.
Eine Blockade der Straße von Hormus könnte die Preise auf den weltweiten Öl- und LNG-Märkten sofort in die Höhe treiben. Das träfe Europa trotz seiner relativ begrenzten direkten Importe aus der Region, da die EU auf dem Spotmarkt mit asiatischen Käufern um flexible Ladungen konkurriert.
Der Thinktank warnte, die höheren Preise träfen Europa zu einem Zeitpunkt, an dem der Kontinent das Jahr 2026 mit geringeren Gasreserven begonnen hat als in den vergangenen Jahren.
Die Gasspeicher der EU sind zu rund 30 Prozent gefüllt und liegen damit unter dem Vorjahresniveau. In Deutschland betrugen die Vorräte Ende Februar etwa 21,6 Prozent, Frankreich liegt ebenfalls nur bei gut 20 Prozent.
Alshammari schließt einen deutlichen Anstieg der Endkundenpreise nicht aus. Entscheidend sei, wie lange und wie stark die Lieferengpässe ausfallen.
„Sollten die aktuellen Störungen über Wochen oder gar Monate anhalten, könnten sich die höheren Kosten spürbar auf die Energierechnungen der Verbraucher durchschlagen“, sagte er.
Viele Haushalte und kleine Unternehmen haben jedoch feste oder regulierte Tarife, die erst mit Verzögerung angepasst werden. Ein Preisschock würde sich daher eher in den kommenden Monaten als sofort bemerkbar machen.
Er warnte, ein länger anhaltender Preis von mehr als 50 bis 60 € je Megawattstunde könnte die Strom- und Heizkosten deutlich in die Höhe treiben – vor allem, wenn es spät noch einmal kalt wird oder der Druck steigt, die Speicher vor dem nächsten Winter rasch wieder zu füllen.
Wer ist am stärksten betroffen?
Eine längere Phase hoher Preise würde besonders auf energieintensiven Branchen lasten. Dazu gehören die Chemie- und Düngemittelindustrie sowie die Stahl-, Glas- und Papierherstellung.
Nach Einschätzung Alshammaris könnten Länder wie Deutschland, Italien und die Niederlande weiter an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Im Extremfall drohten Produktionskürzungen oder sogar Werksschließungen.
Auch Haushalte mit geringem Einkommen sind gefährdet, vor allem in Mittel- und Osteuropa, etwa in Polen, Tschechien und Ungarn, aber auch in südlichen Ländern wie Italien und Spanien. Sie sind oft stärker auf Gas zum Heizen und Kochen angewiesen und leben häufiger in wenig energieeffizienten Gebäuden.
Kleine und mittlere Unternehmen in ganz Europa könnten ebenfalls unter Druck geraten, da sie im Gegensatz zu Großkonzernen kaum Möglichkeiten zur Absicherung haben und eine schwächere Verhandlungsmacht besitzen.
Regierungen müssten deshalb womöglich erneut gezielte Hilfsprogramme auflegen, um besonders verletzliche Verbraucherinnen und Verbraucher zu entlasten, so Alshammaris Fazit.