Nikki in ObsessionFoto: © 2026 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Generation Z mischt die Branche auf: Nach „Backrooms“ kommt nun auch „Obsession“ in die Kinos. Der Horrorfilm wurde international zu einem Hit mit Ansage. Was dahintersteckt und was den Film so stark macht.

Das Liebesleben steht unter keinem guten Stern. „Obsession“ beginnt mit einem jungen Mann, Bear heißt er, in einem Diner. Er übt das Flirten und ein Liebesgeständnis mit seinem rüpelhaften Freund und einer Kellnerin. Ein Schnitt später folgt das Unglück: Bears Katze liegt zu Hause tot auf dem Boden. Der Kadaver wird beseitigt. Dielen werden geschrubbt. Nun sitzt der junge Mann betrübt auf dem Bett, an dessen Seite sich in bedrohlich roten Lettern der Titel des Films abzeichnet, als sei er mit blutgetränkten Fäden in den Stoff gestickt.

Nikki und Bear im Bett in Obsession© 2026 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

„Obsession“: Frisches, junges Horrorkino von Curry Barker

Der Autor und Regisseur Curry Barker ist erst 26 Jahre alt. Genau wie sein noch jüngerer Kollege Kane Parsons wurde er hauptsächlich im Internet bekannt. Nun haben die beiden Filmemacher mit ihren Horror-Erfolgen „Obsession“ und Backrooms für eine echte Sensation in der Filmbranche gesorgt. Da sind junge, unverbrauchte Künstler und Handschriften, die Erfahrungen, Wahrnehmungen und Ästhetiken der Gen Z aufgreifen und kommerziell höchst erfolgreich an die Öffentlichkeit tragen.

Beide Filme haben damit das Vielfache ihres Budgets eingespielt. Die Produktionskosten von „Obsession“ sollen unter einer Million US-Dollar liegen. Inzwischen hat der Horrorfilm weltweit schon über 300 Millionen eingespielt. Und ein Ende des Erfolgs zeichnet sich noch längst nicht ab. Auch in Deutschland scheint eine Neugier vorhanden zu sein. Nachdem der Kinostart um rund einen Monat auf den 25. Juni verschoben wurde, konnte man den Film in den letzten Tagen vielerorts schon in zahlreichen Previews sehen. Und es leuchtet (genau wie bei Backrooms) völlig ein, warum „Obsession“ gerade so einschlägt und viral geht!

Das One Wish WIllow in Obsession© 2026 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Darum geht es in „Obsession“

Während „Backrooms“ ein eher abstrakt gedachter räumlicher Horror war, in dem sich soziale und ökonomische Abstiegsängste, Traumata und ein technologisches Unbehagen spiegelten, sucht „Obsession“ einen sehr unmittelbaren zwischenmenschlichen Horror. Gen Z fürchtet sich hier vor der Liebe. Oder zumindest vor dem zerstörerischen Potential, das entstehen kann, wenn zwei Menschen eine Partnerschaft eingehen, die schnell toxische Züge annimmt.

Curry Barkers Hauptfigur nähert sich seiner angehimmelten Nikki. Nach einem Kneipenabend kommt es zu einer angespannten Situation zwischen beiden. Bear traut sich nicht, ihr seine Gefühle zu gestehen. Abhilfe soll nun ein sogenanntes „One Wish Willow“ verschaffen. Ein kleines Stück Holz, das der junge Mann in einem Geschäft für Räucherstäbchen, Heilsteine und anderen Krimskrams erworben hat. Zerbricht man den Stab, soll ein Wunsch in Erfüllung gehen. Bear wünscht sich also Nikkis bedingungslose Liebe. Gesagt, getan! Bald muss er allerdings die schaurigen Konsequenzen erfahren, was es heißt, wenn jemand regelrecht fanatisch in einen verliebt ist.

Bear bei einem Partyabend© 2026 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Beeindruckend gespielt

Michael Johnston und Inde Navarrette liefern sich ein faszinierendes psychologisches Duell in den Hauptrollen. Gerade Navarrette muss in „Obsession“ eine Tour-de-Force an Stimmungsschwankungen, Grimassen und gespaltenen Persönlichkeiten spielen. Himmelhochjauchzend, schwärmend, enttäuscht, dann wieder übergriffig und aggressiv. Eifersucht, Verlustangst und Einsamkeit entladen sich in erbarmungslos brutalen Gewaltausbrüchen. Auch gegenüber der eigenen Person.

Nikki wird zu einer Marionette, die von einer höheren Macht bewegt wird. Das ist hier natürlich auch die Macht einer Männerfantasie oder überhaupt die abgründige Fantasie eines Partners oder einer Partnerin, ein begehrendes, in gewisser Weise unterwürfiges Gegenüber zu besitzen. Wenn Nikki als treu liebende Freundin auf ihren Gatten zu Hause wartet, dann verkehrt dieser Film solche Stereotype und Rollenmodelle in ein schauriges Bild. Da steht ein grinsender, regungsloser Körper den ganzen Tag vor der Haustür. Ausscheidungen überall.

Was den Horror von „Obsession“ auszeichnet

Der Horror von Curry Barker ist ungemein effektiv darin, Atmosphären, Betonungen und Gefühlslagen von der einen auf die andere Sekunde umschlagen zu lassen. Kameraeinstellungen kostet der Film genüsslich aus, um Anspannung und Adrenalin in die Höhe zu treiben. Plötzliche Schnitte lassen die Tonspur krachen. Man zuckt zusammen.

„Obsession“ ist ein extrem nervöses Werk, in dem der Schock hinter jeder Biegung lauern kann. Es lässt das Unbehagen wirken, wenn Bear etwa nachts aufwacht und bemerkt, wie ihn seine ferngesteuerte, verzauberte Freundin aus einer dunklen Zimmerecke beobachtet. Er solle einfach weiterschlafen. Also legt er sich wieder ins Bett und der erlösende Schnitt kommt einfach nicht. Solche Szenen werden in ihren grotesken, gruseligen Ideen gestreckt, um dem Publikum das Fürchten zu lehren.

Der Horror von „Obsession“ ist einer der entgleisenden Gesichtszüge, die mal unangenehm lang einfrieren und dann wie auf Kommando in sich zusammenfallen. Es ist ein Horror der Dauer. Einer der das Publikum in Schrecken versetzt, was gerade abseits des Bildrahmens lauert. Und es ist dann auch ein dezidiert filmischer Horror, wenn Bewegungen auf einmal rückwärts abgespielt werden und ganz befremdliche Bilder hervorbringen.

Bear im Bett, Szenenbild aus Obsession© 2026 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Mehr als ein Geschlechterkampf

„Obsession“ ist ein Film über Menschen, die verzweifelt darum ringen, aus ihren Rollen und Fremdzuschreibungen auszubrechen. Da meldet sich das wahre Ich von Nikki zu Wort und sehnt sich nach Erlösung. Es erschreckt vor der eigenen Beziehung, dem eigenen Agieren. Das reicht über eine bloße Geschlechterkampf-Geschichte weit hinaus! Ja, das ist zunächst einmal ein Horrorfilm aus männlicher Perspektive über jemanden, der den Terror dessen erleben muss, seine Freundin nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Und das ist eine Hauptfigur, die völlig überfordert davon ist, was Männlichkeit überhaupt bedeutet. Sie steht zwischen Konzepten und Verhaltensweisen.

Aber der Grusel von „Obsession“ ist dann auch ganz grundsätzlicher Natur. Es geht darum, welche seltsamen und beschämenden Züge es annehmen kann, jemanden zu daten, jemandem seine Gefühle zu offenbaren. Welche Geschichten erzählt man sich gegenseitig, um sich in dieses oder jenes Licht zu rücken? Wo verläuft die Grenze zur Manipulation? Welche altbackenen Klischees und romantischen Ideale sind vielleicht in Köpfen verankert, die an der Realität scheitern? Welche Erwartungen sollen da erfüllt werden?

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Ein bitterböser Film

Es gab einmal kanonische Stoffe wie „Tristan und Isolde“, in denen Liebende die Befreiung und ultimative Vereinigung im Tod suchen. Fernab aller irdischen Zwänge und Verantwortungen. In der zynischen, kalten Welt von „Obsession“ sind solche Stoffe anscheinend selbst gestorben. Liebesopfer und Liebesangst, Erlösung und Entsetzen werden eins.

In dieser individualisierten, auf Vereinzelung getrimmten Gegenwart, steckt das Grauen im eigenen zerstörerischen, ignoranten Genussstreben. Bear muss das auch erleben, wenn er seinen Kumpel um Hilfe bittet. Kann der Liebhaber oder die Liebhaberin überhaupt jemals frei sein, solange die zwischenmenschliche Beziehung besteht? Solange jemand Fantasien auf einen selbst projiziert? Bei aller Situationskomik, die Curry Barker in seinen Film einbaut: Irgendwann meint es „Obsession“ völlig ernst in seiner Zuspitzung. Und das sind bitterböse, niederschlagende Minuten, die er dem Publikum zumutet.

„Obsession – Du sollst mich lieben“ läuft ab dem 25. Juni 2026 im Verleih von Universal in den deutschen Kinos.

„OBSESSION – DU SOLLST MICH LIEBEN | Offizieller Trailer deutsch/german HD“ von YouTube anzeigen