In Deutschland ist am späten Dienstagabend über mehrere Stunden der Zugverkehr ausgefallen. Die Deutsche Bahn setzte ein Notfallsystem in Betrieb, sodass die Züge in der Nacht wieder fahren konnten. Was genau ist passiert? Gibt es Angaben zur Ursache der Störung?
Übersicht:
Was ist passiert?
Die Deutsche Bahn hat am Dienstagabend gegen 22.30 Uhr wegen einer Funkstörung den Zugverkehr bundesweit eingestellt. Neben dem Fernverkehr standen S-Bahnen und private Bahnen still, ebenso der Güterverkehr. Kurz nach Mitternacht fuhren die ersten Züge wieder. Die Deutsche Bahn setzte ein Notfallsystem ein, sagte deren Vorstandsvorsitzende, Evelyn Palla, der Bild-Zeitung. Wie viele Züge und Reisende von dem Vorfall betroffen waren, ist noch unbekannt. Ebenso wenig ist klar, wie sich die Störung auf Auslandsverbindungen auswirkte.
Wie kam es zu der Störung?
Die Deutsche Bahn nennt als Ursache eine Störung im digitalen
Mobilfunk GSM-R. Zwar hieß es, das Problem sei mit dem Einsatz eines
Notfallsystems gelöst. Unklar ist aber, ob die eigentliche Funkstörung behoben
ist. Was sie auslöste, ist ebenfalls unbekannt. Die Ursache für das Problem
»müssen wir jetzt klären«, sagte Bahnchefin Palla der Bild-Zeitung. Nähere Angaben
dazu machte die Bahn bislang nicht. Daher lässt sich auch noch nicht klären, ob es
sich um einen technischen Fehler gehandelt hat oder ob vorsätzliches Handeln zu der Störung im
Bahnverkehr geführt haben könnte. Auch mögliche Folgeschäden lassen sich
derzeit nicht abschätzen.
Was ist GSM-R?
Der digitale Mobilfunk GSM-R (Global System for Mobile
Communications for Railways) ist eine Art exklusives Mobilfunknetz für den
deutschen Zugverkehr. Darüber kommunizieren die Lokführer mit den Mitarbeitern
in den Stellwerken. Jeder Streckenabschnitt in Deutschland wird von einem
Stellwerk überwacht.
Es ist zwar theoretisch möglich, ohne GSM-R zu fahren,
praktisch ist es jedoch nicht erlaubt. Denn nur über den Mobilfunk kann der
Fahrdienstleiter im Stellwerk dem Lokführer Bescheid geben, falls ein Signal
fälschlicherweise Grün anzeigt, obwohl die Strecke blockiert ist. Andersherum
kann ein Lokführer über GSM-R einen sogenannten Nothaltauftrag an alle Züge in
der Nähe absetzen, wenn er Personen im Gleis sieht. Für Notfälle gibt es auch
ein GSM-D-Netz. Das war nach ZEIT-Informationen allerdings offenbar ebenfalls
ausgefallen.
Welche Art von Zügen war von der Funkstörung betroffen?
Neben dem Reiseverkehr der Deutschen Bahn hat die Störung
unter anderem den Güterverkehr gestoppt, der vor allem abends und nachts
unterwegs ist. Betroffen waren in einigen Städten auch Privatbahnen im Reise-
und Güterverkehr sowie S-Bahnen, die von der Deutschen Bahn betrieben werden.
In Berlin war beispielsweise der Verkehr im gesamten S-Bahn-Netz eingestellt.
Welche Unterstützung bekamen Bahnreisende?
Viele Reisende saßen über längere Zeit in Zügen fest oder warteten vergeblich an Bahnhöfen. In mehreren Bahnhöfen stellte die Deutsche Bahn Aufenthaltszüge für
gestrandete Reisende bereit. Zuvor hatte Bahnchefin Palla der Bild-Zeitung gesagt, es werde nun versucht, die Züge in die Bahnhöfe zu
bekommen. Zum Teil konnten Bahnreisende auf Kosten der Deutschen Bahn auf Taxis
oder Hotels ausweichen. In Frankfurt am Main informierte die Bahn, wer mit dem
Deutschlandticket unterwegs sei, solle sich ein Taxi oder ein Hotel nehmen und die
Kosten über die Fahrgastrechte einreichen. Erstattet werden demnach bis 120
Euro. Ein Bahnsprecher sagte, es würden Taxi- und Hotelgutscheine ausgegeben.
Wann läuft der Bahnverkehr wieder normal?
Ein genauer Zeitpunkt ist noch offen. Zwar fahren wieder
Züge, aber die Deutsche Bahn rechnet mit »mit hohen Folgeverspätungen und
kurzfristigen Fahrtausfällen« über mehrere Stunden – mindestens bis in den frühen Morgen hinein. Auf der Regionalseite der DB für Nordrhein-Westfalen hieß es nach dem Ende der Störung: »Bis sich der Bahnverkehr wieder normalisiert hat, wird es jedoch noch einige Zeit dauern.«
Wie reagiert die Politik auf den Vorfall?
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder teilte mit, dass er eine umfassende Aufklärung des Vorfalls erwarte. Zusätzlich forderte er die Bahn dazu auf, ihre Systeme so aufstellen, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederhole. Auch der stellvertretende SPD-Fraktionschef im Bundestag, Armand Zorn, forderte rasche Maßnahmen. »Wenn eine technische Störung den Bahnverkehr in großen Teilen Deutschlands beeinträchtigen kann, dann muss schnell und umfassend gehandelt werden.« Ihm zufolge zeigt der bundesweite Ausfall des Zugfunks, wie verwundbar Teile der kritischen Infrastruktur sind.
Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Tarek Al-Wazir (Grüne). Er verwies unter anderem auf die veralteten Systeme der Bahn und forderte einen Zeitplan zur Modernisierung. »Die Störung von gestern Nacht zeigt, dass die Bahnsysteme durchaus veraltet sind und störungsanfällig«, sagte er vor einer Sitzung des Ausschusses, bei der auch Bahnchefin Evelyn Palla erschien. Der Verkehrsminister von Nordrhein-Westfalen, Oliver Krischer (Grüne), hat die Bahn hingegen vor allem für ihr Notfallmanagement kritisiert. Es brauche Notfallmechanismen, die ein »solches Desaster in Zukunft vermeiden«, sagte Krischer. Er bezeichnete den Vorfall als einen »neuen Tiefpunkt bei einer ohnehin schwachen Betriebsqualität« und forderte ebenfalls eine lückenlose Aufklärung.
Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, Reuters und AFP