Dichte, dunkle Wälder galten lange als die ursprüngliche Landschaft Europas. Viele Naturschutzprojekte haben bis heute zum Ziel, diesen scheinbar natürlichen Zustand wiederherzustellen. Doch neue Forschungen zeigen, dass dichte Wälder ein modernes Phänomen sind. Analysen von Pollen, Fossilien und Sedimenten belegen, dass unser Kontinent über Millionen Jahre von einem vielfältigen Mosaik aus Grasland, Büschen und Bäumen geprägt war, aufrechterhalten durch große Pflanzenfresser. An diese offene Landschaft sind die meisten hierzulande heimischen Arten angepasst. Um die Artenvielfalt zu erhalten und für Europa typische Ökosysteme zu fördern, sind demnach neue Strategien erforderlich.

Wie sah die „natürliche“ Landschaft Europas aus, bevor Menschen den Kontinent prägten? Bis heute hält sich das Bild von dichten Urwäldern, deren geschlossene Baumkronen kaum Licht bis zum Boden durchlassen. Aufforstungsprojekte versuchen deshalb, nach diesem Vorbild wieder mehr intakte Waldflächen zu schaffen, in der Annahme, damit der Natur und der Artenvielfalt einen Dienst zu erweisen. Doch Studien zeigen zunehmend, dass dieses vermeintliche Ideal eher modernen Forsten gleicht und wenig mit der ursprünglichen Natur Europas gemeinsam hat.

Hinweise auf die Vegetation der Vergangenheit

Ein Team um Szymon Czyżewski von der Universität Aarhus in Dänemark hat nun umfangreiche Belege zusammengetragen, die ein ganz anderes Bild von der europäischen Landschaft der letzten 23 Millionen Jahre zeichnen: „Übereinstimmende Beweise deuten darauf hin, dass eine mosaikartige Vegetation vorherrschte – Landschaften, die offenes Grasland, locker bewaldete und geschlossene Waldstücke kombinieren und die wahrscheinlich zum großen Teil durch reichlich vorhandene wilde große Pflanzenfresser erhalten blieben“, berichten die Forschenden.

Für ihre Studie kombinierten Czyżewski und seine Kollegen zahlreiche paläoökologische Hinweise, darunter fossile Pollen, Pflanzenmakrofossilien, Holzkohlepartikel alter Brände, Isotopenanalysen aus Zähnen und Knochen von Pflanzenfressern, fossile Insekten und Säugetiere sowie Umwelt-DNA, die in Sedimenten erhalten geblieben ist. „Jede Art von Proxy bietet ihre eigene Perspektive, aber zusammen lassen sie uns erkennen, ob die Landschaften von dichten Wäldern, offenem Grasland oder einer Mischung aus beidem bedeckt waren“, erklärt Czyżewski. „Durch die Kombination dieser Datensätze über einen langen Zeitraum hinweg – vom Miozän bis zur vorindustriellen Zeit – konnten wir langfristige Veränderungen in der Vegetation und die Rolle großer Pflanzenfresser mit viel größerer Sicherheit nachverfolgen als frühere Studien, die nur eine Methode verwendeten.“

Landschafts-RekonstruktionRekonstruierte Vegetation in verschiedenen Epochen der letzten 23 Millionen Jahre. © Márton ZsoldosNeue Wege für modernen Naturschutz

Im Europa vor der Zeit der Menschen trampelten demnach Mammuts, Auerochsen und Co. breite Schneisen zwischen die Bäume und schufen damit lichte Flächen, auf denen eine Vielfalt an Wildblumen gedieh. Als die Menschen nach und nach die wildlebenden großen Pflanzenfresser ausrotteten, nahmen domestizierte Weidetiere zunächst ihre ökologische Rolle ein. Doch mit zunehmender Industrialisierung der Landwirtschaft wurden Kühe, Schafe, Schweine und Ziegen mehr und mehr in Ställen und eng umzäunten Weiden gehalten. Erst dadurch ergab sich die heutige strikte Trennung zwischen lichten Wiesen und Feldern und dichten, dunklen Wäldern.

„In den Ökosystemen, die wir heute in Europa sehen, fehlen die großen wildlebenden Pflanzenfresser, die nicht nur die Landschaften geprägt, sondern auch ihre Artenvielfalt über Millionen von Jahren hinweg erhalten haben“, sagt Czyżewski. „Die dramatischste Veränderung hat sich größtenteils in den letzten hundert Jahren vollzogen, als die traditionelle extensive Beweidung aus weiten Teilen der Landschaft verschwand.“

Bis heute sind die meisten in Europa heimischen Tiere und Pflanzen eher an offene Landschaften als an Wälder angepasst. Die moderne Naturschutzpraxis, die vor allem Wälder als natürliche Biotope fördert, läuft dem zuwider. „Das ist nicht nur schädlich für die Artenvielfalt, sondern steht auch in direktem Widerspruch zu den Ökosystemen, in denen sich die europäischen Arten über Millionen von Jahren entwickelt haben“, sagt Czyżewskis Kollege Jens-Christian Svenning. „Stattdessen sollten Wiederherstellungsbemühungen einen größeren Schwerpunkt auf die Schaffung und Erhaltung von Mosaiken aus Wald- und offenen Lebensräumen legen – nicht zuletzt durch die Wiederansiedlung natürlich lebender großer Pflanzenfresser.“

Quelle: Szymon Czyżewski (Universität Aarhus, Dänemark) et al., Biological Conservation, doi: 10.1016/j.biocon.2026.111749