Du hast eine große Bibliothek an der Wand. Ist Lesen für dich auch eine Art, um runterzukommen?
Für mich sind diese Bücher tatsächlich eher eine Art lebendiges Archiv, sie sind Teil der Familienbibliothek, und manche davon sind bis zu 300 Jahre alt. Nur wenige haben den Krieg überlebt. Sie besteht hauptsächlich aus deutschen Klassikern wie Goethe oder Fontane. Da ich Philosophie im Bachelor studiert habe, habe ich diese Bücher nach dem Tod meiner Großeltern geerbt. Ich glaube, im Vergleich zu all meinen Cousins und Cousinen dachten sie, ich könnte am meisten damit anfangen.
Und ist dem so?
Einige davon habe ich tatsächlich gelesen, zum Teil in einer anderen Version, weil viele dieser Bücher hier noch in Frakturschrift geruckt sind. Darunter gibt es aber auch etwa 20 Bände des Briefwechsels von Goethe und seiner Geliebten, die werde ich wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren nicht lesen. Also ja, ich nutze sie, und vor allem fühle ich mich geehrt, sie besitzen zu dürfen, aber es ist jetzt nicht so, dass ich mir hier jede Woche ein neues Buch herausziehe.
Bist du eigentlich ein Mensch, der im Laufe der Zeit viel an seiner Wohnung verändert?
Hier verändert sich immer wieder etwas, ja, aber nicht im Sinne von alle zwei bis drei Monate. Ich finde die Vorstellung seltsam, dass eine Wohnung am Tag des Einzugs bereits fertig sein soll. Überhaupt glaube ich, dass der Prozess des Einrichtens nie aufhört – ganz im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass das ein ewiger, iterativer Prozess ist, der in gewisser Weise auch einem selbst folgt – man verändert sich schließlich auch.
Die Wohnung als Teil der Selbstfindung, meinst du?
So weit würde ich nicht gehen. Ich würde sagen, sie ist eher ein Ausdruck von sich selbst, ein Spiegel der Lebensphase, in der man sich gerade befindet.
Noch mehr Eindrücke aus dem Zuhause von Julian Aisslinger in Berlin-Kreuzberg
Nicht unbedingt üblich für Berlin: Aus dem Esszimmer blickt man direkt ins Grüne. Das Kunstwerk, das man im Spiegel erkennt, hat der 31-Jährige in Ostuni entdeckt. Laut dem Verkäufer ist es rund 300 Jahre alt.
Volker Coradus