Ihr jüdischer Urgroßonkel kämpfte sich aus bitterster Armut empor zu einem der einflussreichsten Männer Wiens: Die Deutsche Shelly Kupferberg über ihr Stück „Isidor“ im Akademietheater und darüber, was ihrem Großvater als Überlebendem passierte, als er 1956 an seiner alten Wohnung klingelte.

„,Ich kam nicht aus Zionismus, sondern aus Österreich’, sagte mein Großvater immer“: Shelly Kupferberg im Akademietheater.

„,Ich kam nicht aus Zionismus, sondern aus Österreich’, sagte mein Großvater immer“: Shelly Kupferberg im Akademietheater. Jana Madzigon

Wir befinden uns im Akademietheater, das beinahe in Sichtweite des früheren Wohnhauses Ihres Urgroßonkels Isidor in der Canovagasse liegt. Was bedeutet es Ihnen, dass hier nun das Stück über ihn uraufgeführt wird?

Es ist unglaublich berührend. Ich kann es manchmal gar nicht glauben. Manchmal stelle ich mir vor, Isidor Geller schaut aus seinem Palais und zwinkert uns in Richtung Akademietheater zu.

Wie ist es dazu gekommen?

Regisseur Philipp Stölzl hat mich gefragt, ob ich mir eine Theateradaption vorstellen könne. Ich war sofort begeistert. Aber als er sagte, er wolle das Projekt der Burg anbieten, bin ich fast aus den Latschen gekippt, wie wir Berliner sagen.

Isidor ist eine fast biblische Gestalt. Er steigt steil auf und fällt tief. Er ist ein assimilierter Jude, der in höchsten Kreisen verkehrt und dennoch immer um Anerkennung ringen muss. Warum ist diese Person für uns heute interessant?

Indem wir Geschichte auf eine Person fokussieren, wird sie vorstellbar und erlebbar. Wie anders soll man etwas so Unfassbares begreifen wie die Shoah? Zudem ist die Geschichte von Isidor eine universale. Einerseits der Aufsteiger, der sein Leben in die eigene Hand nimmt. Andererseits der Fremde, der dazugehören will, der sich anpassen muss, der seine Identität abzustreifen und zu ändern versucht. Sogar den Namen ändert er: Aus Israel wird Isidor. Und dennoch führt seine Geschichte in die Vernichtung. Ein Mann, der gebildet ist, der in höchsten Kreisen verkehrte – wir müssen davon ausgehen: Er wollte es nicht wahrhaben. Er wurde gewarnt, aber er ging darüber hinweg. Ich glaube, das ist ein Denkanstoß für uns heute.

Warum wollte er nicht sehen, was längst vor aller Augen geschah?

Er hat sich als selbstverständlicher Teil der deutschsprachigen Mehrheitsbevölkerung gesehen. Er hatte seine Loyalität gegenüber dem österreichischen Staat mehr als bewiesen, sogar Kommerzialrat war er. Dazu kommt: In den Jahren 1937, 1938 oder 1939 konnte sich niemand die Massenvernichtung der Juden, wie sie dann geschah, vorstellen. Und dennoch fragt man sich: Warum, warum, warum? Als Isidor mit Blutvergiftung aus der Folterhaft der Gestapo nach Haus kam, wollte er doch noch in die USA. Ich habe Packlisten gefunden, die beweisen, dass er zu seiner Geliebten wollte. Adressiert an Ilona, in Hollywood. Doch er starb, ehe es dazu kam.

Erkennen Sie Parallelen zur Gegenwart, wo wir heute ebenfalls wider besseres Wissen die Augen verschließen?

Wir sprechen oft von dem Dreischritt „denkbar“, „sagbar“, „machbar“. Vieles, was vor Jahren, wenn überhaupt, nur denkbar war, Stichwort: Antisemitismus, ist inzwischen sagbar geworden, relativ unverblümt sogar und ohne wirkliche Konsequenzen. Wir sehen einen internationalen Rechtsruck, der uns große Sorge machen muss. Wir sehen auch, dass vielen Menschen die Demokratie, die einst hart erkämpft wurde, nicht viel wert ist. In einer liberalen, rechtsstaatlichen, demokratischen Ordnung zu leben, ist nicht mehr selbstverständlich, sondern hochgradig gefährdet.

Sie sind in Tel Aviv geboren, leben in Berlin, Ihr Mann ist Italiener. Hat sich Ihr Leben in den letzten 15 Jahren verändert?

Also, der Wind weht schärfer. Heute gibt es Situationen, wo ich mir überlege, soll ich als Jüdin – die ich ja bin, auch wenn ich kein religiöser Mensch bin, aber das ist nun mal meine Identität –, soll ich mich da jetzt zu erkennen geben? Vor ein paar Jahren habe ich es noch unbeschwert getan. Jetzt kenne ich einige, denen es so geht, nicht nur im jüdischen Umfeld. Das sollte alle demokratisch gesinnten Menschen alarmieren.

Sie plädieren dafür, dass wir uns den Herausforderungen der Gegenwart stellen, indem wir unsere Geschichte kennen. Ihnen wurde der Zugang durch Ihren Großvater, den Historiker Walter Grab, geöffnet.

Er spielte in unserer Familie eine große Rolle. Walter war eine charismatische Persönlichkeit und ein Fels in der Brandung. Vieles von dem, was er uns mit auf den Weg gab, lernte ich erst viel später schätzen. Meine Schwester und ich haben früh begonnen, unsere Großeltern, die alle aus Deutschland und Österreich stammten, zu befragen, wie es war, als die Nazis kamen, wie es war, als sie nach Palästina kamen …

…in Ihrer Familie wurde darüber offen gesprochen?

Sehr offen. Wir konnten alles fragen, und unsere Eltern und Großeltern haben bereitwillig geantwortet. Und dennoch gab es ab einer bestimmten Stelle ein großes, schwarzes Loch. Da gab es nichts mehr zu erzählen. Da war nur mehr die Vernichtung. Wir sind eine sehr kleine Familie, weil der Großteil von uns ermordet wurde. Das war einmal eine sehr große Familie, die hier in Wien zusammenkam, aus Budapest, aus Prag, aus Böhmen, aus Mähren, die auf die Rax stieg oder nach Grinzing spazieren ging. Überlebt hat ein Bruchteil. Dafür gibt es keine Worte. Da sind die Erzählungen zu Ende.

Walter machte dennoch nach dem Krieg wieder einen Schritt nach Österreich?

Er hatte in den 1950er Jahren eine große Krise. Israel, das war nicht sein Land. Er sagte immer: „Ich kam nicht aus Zionismus, sondern aus Österreich.“ Hitze, Chuzpe, Politik, sage ich, es war nicht Seines. Er wollte seine imperialen Barockbauten, Theater, Museen und Kaffeehäuser. Schließlich kam er 1956 für zwei Monate nach Wien. Zunächst war da eine große Ambivalenz zwischen Gräuel und Nostalgie. Doch mit der Zeit fühlte er sich immer wohler. Er überlegte ernsthaft, zu bleiben. Eines Tages besucht er das alte Wohnhaus, in dem er als Kind mit seinen Eltern gewohnt hatte. Auf dem Klingelbrett sieht er den Namen der alten Hausbesorger. Seltsam, sie wohnen nun im dritten Stock? Walter denkt sich nichts dabei und klingelt. Da öffnet die Hausbesorgerin, wird kreidebleich und schreit entsetzt: „Der Jud’ is wieda do!“

Wie reagierte Ihr Großvater?

Er begriff, dass er nicht zurückkehren konnte. Exil und Flucht sind ein zweifacher Heimatverlust. Du wirst vertrieben, aber wenn du wiederkommst, findest du nicht das Land, aus dem du weggehen musstest und das du ersehnt hast.

Doch am Samstag steht Walter auf der Bühne des Akademietheaters …

Ja, jetzt kann man es wirklich sagen: „Der Jud’ ist wieda do!“

Am 25. März erscheint bereits Ihr neues Buch, „Stunden wie Tage“, eine wahre Geschichte aus Berlin, wieder vorwiegend in der Zeit des Nationalsozialismus.

Diese Geschichte hat mich fasziniert und so bin ich ihr nachgegangen. Ich liebe die detektivische Recherche, das Imaginieren und das Erzählen von Geschichten.

Was bleibt von einem wie Isidor, von dem nichts geblieben ist?

Von Isidor hatten wir nichts außer einem mächtigen Besteckkasten und ein paar Anekdoten. Dass es ein Buch gibt und nun auch ein Theaterstück, macht das Unrecht nicht ungeschehen und ihn nicht wieder lebendig. Aber es gibt ihm seine Geschichte zurück. Darin liegt für mich die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und miteinander zu sprechen ist, was den Menschen zum Menschen macht.

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