Die schiitische Miliz hat sich verschätzt. Ihre Vergeltungsschläge spielen Israel in die Hände, sagen Experten.
03.03.2026 um 16:22
von
unserer Korrespondentin
Mareike Enghusen
Tel Aviv. Israel weitet seine Kampfhandlungen im Libanon aus – und will eine „Pufferzone“ im Nachbarland errichten. Diese solle die Einwohner im israelischen Grenzgebiet vor „jeder Bedrohung“ schützen, sagte Armeesprecher Effie Defrin. „Ich möchte betonen“, ergänzte Militärsprecher Nadav Schoschani, „dass es sich hierbei nicht um ein Manöver, eine Bodenoffensive oder Ähnliches handelt.“ Vielmehr sei es eine taktische Maßnahme, um Angriffe der Hisbollah zu verhindern: „Es besteht die reale Möglichkeit, dass sie ihre Einsätze gegen uns ausweiten.“
Am Dienstag sollen israelische Bodentruppen bereits in eine Grenzregion im Südlibanon vorgedrungen sein, wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Armeekreise berichtet. Aus libanesischen Sicherheitskreisen hieß es, das israelische Militär (IDF) sei 100 bis 300 Meter tief in die Gegenden um Kfar Kila und Qausa eingedrungen. Wie viele Soldaten Israel im Nachbarland in der Nähe zur israelischen Grenze positioniert hat, wollte der israelische Armeesprecher nicht sagen. Israel werde kämpfen, bis die Bedrohung durch die Hisbollah „vernichtet” sei, sagte IDF-Chef Eyal Zamir.
Zuvor hatte die schiitische Hisbollah-Miliz mehrere Raketen und Drohnen auf Israel geschossen – als „Vergeltung“ für die Tötung des Obersten Religionsführers des Iran, Ali Khamenei. Diese erste Salve der Hisbollah richtete offenbar kaum Schaden an. Dennoch war es offenbar eine Kriegserklärung – wenngleich von fragwürdiger strategischer Logik.
Denn die israelische Reaktion war nur allzu erwartbar: Allein am Montag bombardierte Israels Armee eigenen Angaben zufolge über 160 Ziele der Hisbollah im Süden Libanons, zerstörte unter anderem Waffenlager und Raketenabschussrampen. Offiziellen libanesischen Angaben zufolge kamen an diesem Tag 52 Menschen ums Leben. Am Dienstag attackierte die IDF auch Ziele in Beirut, eigenen Angaben zufolge unter anderem Kommando- und Kontrollzentren.
In der Vergangenheit galt die Gruppe, von westlichen Staaten als Terrororganisation gelistet und vom iranischen Regime gefördert und aufgerüstet, als eine der ernsthaftesten Bedrohungen für Israels Sicherheit. Doch nach monatelangen Raketenangriffen der Hisbollah auf Israel startete die IDF im Herbst 2024 eine ausgeweitete Bodenoffensive gegen die Gruppe im Süden Libanons. Trotz der Waffenruhe, die offiziell seit Ende November 2024 gilt, bombardiert Israel seitdem immer wieder Ziele der Hisbollah im Südlibanon und hält dort mehrere strategische Stellungen entlang der Grenze.
Die Gruppe gilt seitdem als massiv geschwächt. Ihre Entscheidung, dennoch eine neue Eskalation mit Israel zu provozieren, wurde daher von vielen Analysten mit Erstaunen aufgenommen; einige, wie etwa der in der New York Times zitierte Nahostexperte Maha Yahya, beschrieben den Schritt gar als „selbstmörderisch“.
Eyal Zisser, Nahostwissenschaftler und Vizerektor der Universität von Tel Aviv, zeigt sich weniger überrascht. Schließlich sei die Hisbollah eine durch und durch iranische Kreation: „Der Iran finanziert sämtliche ihrer Waffen, vom Maschinengewehr bis zur Rakete. Selbst ihren Namen hat sie von Ayatollah Khomeini erhalten“, dem ersten Obersten Führer der Islamischen Republik. „Der Iran hat all das getan, um die Hisbollah im Moment der Wahrheit einzusetzen. Und aus seiner Sicht ist dieser Moment jetzt gekommen: Er sieht sich mit einem Krieg konfrontiert, der auf seine Zerstörung abzielt, und er hat nichts zu verlieren.“
Auch Zisser meint allerdings, dass die Gruppe an einer neuen Eskalation mit Israel eigentlich kein Interesse gehabt haben könne. „Sie haben zuerst nur ein paar wenige Raketen abgeschossen, wohl in der Hoffnung, Israel sei mit dem Iran beschäftigt“, vermutet er. „Aber sie haben sich geirrt – und damit Israel in die Hände gespielt.“ Doch ob sich die Organisation ganz neutralisieren lässt, scheint zweifelhaft. Schließlich ist die Hisbollah auch eine sozial, ideologisch und ökonomisch verankerte Kraft im Libanon.
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