Wir schreiben das Jahr 2031: Die europäische Wirtschaft liegt in Trümmern, während die USA und China die Welt dominieren. Während amerikanische und chinesische Konzerne dabei sind, die Reste der europäischen Auto- und Robotik-Industrie zusammenzukaufen, bleibt den Europäern nur noch ein letzter, wertvoller Konzern: ASML. Die Amerikaner üben direkten politischen Druck aus, um den Konzern zu bekommen, während die Chinesen damit drohen, die letzten verbliebenen Kreditlinien für die Europa zu kappen. Die Union zerfällt. Das alles könnte passieren, wenn das spekulative Szenario „Europa 2031“ eintritt, das von Brüsseler Think-Tank-Experten veröffentlicht wurde.

Weil der Text just vor dem Beschluss der US-Regierung veröffentlicht wurde, ausländischen Staatsangehörigen den Zugriff auf Anthropics KI-Modell Fable zu verweigern, und einen ganz ähnlichen Eingriff vorhersagt, „verbreitete sich das Szenario wie ein Lauffeuer – und schürte eine hitzige Diskussion über die Dringlichkeit der technologischen Souveränität der EU“, berichtet der Guardian.

Die Autorinnen und Autoren hoffen, „dass das Szenario Europa zu einer drastischen Kurskorrektur in Sachen KI anspornen wird.“ Denn Maßnahmen wie das European Technological Sovereignty Package reichen nach ihrer Logik nicht aus, um den technologischen Anschluss zu halten. Was ist dran an ihren Argumenten? Um das zu verstehen, lohnt sich ein kritischer Blick auf die Prämissen des Szenarios.

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Am Anfang war der Deepseek-Schock: Wie das Szenario aufgebaut ist

Das Szenario geht von realen Ereignissen 2025 bis 2026 aus und spinnt diese dann spekulativ weiter. Startpunkt ist die Veröffentlichung des chinesischen KI-Modells Deepseek R1. Das Modell galt Entscheidungsträgern in Brüssel als Beleg dafür, dass sich der technische Anschluss an die USA auch mit wenig Geld und Rechenkapazität bewerkstelligen lässt. Dass das wenig später veröffentlichte Top-Modell GPT‑5 nur wenig besser war als sein Vorläufer, bestätigte die Europäer in ihrer Skepsis und Zurückhaltung.

Die Folge: Während in den USA massiv in den Ausbau von KI-Infrastruktur investiert wird, hält man sich in Europa zurück. Da die USA über die meisten KI-Datenzentren verfügen, diktiert sie das Tempo und die Richtung des technischen Fortschritts – für sich selbst und ihre internationale Konkurrenz. Europa darf zwar noch KI aus den USA nutzen, aber nur als Tier-2-Kunde zweiter Klasse.

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Fable und das Ransomware-Desaster

Nachdem die US-Regierung erstmals den Europäern den Zugriff auf führende Modelle verweigert, beschließen diese zwar den Bau einer eigenen Infrastruktur, können aber den Rückstand nicht mehr aufholen. 2027 wird dann ein chinesisches Open-Source-Modell veröffentlicht, dessen Fähigkeiten vergleichbar mit denen von Claude Mythos sind. Die Veröffentlichung führt zu einer Welle von Schadsoftware, die vor allem Europa hart trifft, weil die europäischen Modelle zur Cyber-Abwehr dem globalen Stand der Technik hinterherhinken.

Tödliche Regulierung und Ausverkauf

Der Rest des Szenarios beschreibt den weiteren, in der Logik der Autorinnen und Autoren unvermeidlichen, Niedergang Europas. Die Europäer beharren weiter auf Datenschutz und ihren eigenen souveränen Modellen – und fallen daher technisch und damit wirtschaftlich immer weiter zurück. Zum bitteren Ende stehen sie vor der Wahl, den Chipmaschinen-Hersteller ASML entweder an die USA oder an China zu verkaufen.

Wie realistisch ist das Szenario?

Für wie realistisch man das Szenario hält, hängt davon ab, inwieweit man zwei zentrale Thesen darin akzeptiert.

Der erste Dreh- und Angelpunkt des Szenarios ist der Ausbau der KI-Rechenkapazität weltweit. Die Autorinnen und Autoren folgen damit der Logik der großen US-Techkonzerne: Die Weiterentwicklung großer Sprachmodelle erfordert immer mehr Daten und mehr Rechenkapazität. Daher ist es notwendig, die KI-Infrastruktur massiv auszubauen. Wer am meisten Rechenkapazität hat, gewinnt das globale Rennen.

Der zweite Angelpunkt ist die These, dass technischer Fortschritt bei KI zu mehr Effizienz und damit zu mehr Produktivität bei Unternehmen führt (ein Versprechen, das bis jetzt nicht eingelöst ist).

Was fordern die Autorinnen und Autoren?

Damit der in dem Szenario geschilderte Niedergang nicht passiert, fordern die Autorinnen und Autoren unter anderem, massiv Kapital für den Ausbau einer europäischen KI-Infrastruktur zu mobilisieren, und regulatorische Hindernisse, zum Beispiel bei Baugenehmigungen, aber auch auf dem Arbeitsmarkt, zu beseitigen. Außerdem empfehlen sie, massiv in Robotik und „Physical AI“ zu investieren.

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 23.06.2026 veröffentlicht, interessiert jedoch immer noch sehr viele unserer Leser:innen. Deshalb haben wir ihn aktualisiert und hier nochmals zur Verfügung gestellt.