TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen
Die Reise in die USA war für Leipzig-Sportchef Marcel Schäfer (42) ein echter Kurztrip. Letzten Donnerstag ging es nach New York, am gestrigen Sonntag zurück. Ein Berg an Arbeit in Leipzig wartet. Das BILD-Interview.
BILD: Haben Sie sich in den USA mit den Leipziger Spielern getroffen?
Schäfer: Nein, dafür war die Zeit zu kurz. Wir sind zwar mit den Jungs immer im Austausch, aber die Mannschaft ist ja erst einen Tag vorm Spiel nach New York gekommen, danach zurück ins Team-Camp. Sich hier im Mannschaftshotel zu treffen, ist schwierig. Der Fokus sollte vor allem darauf liegen, warum man dahin reist – nämlich für ein wichtiges WM-Spiel, nicht für ein Treffen mit Marcel Schäfer (lacht).
Ole Werner musste als Trainer gehen, Martín Demichelis ist neuer Trainer. Der Wechsel zog sich wie Kaugummi, für viele Fans war das schwierig zu verstehen. Warum haben Sie Ole Werner nicht direkt nach dem Südafrika-Trip gesagt, dass es nicht weitergeht?
Dazu muss ich etwas ausholen. Wir hatten im vergangenen Jahr einen Riesen-Umbruch auf und außerhalb des Platzes. Ich glaube, das war großartiges Teamwork. Von allen Beteiligten, natürlich von Ole und seinem Team, den Spielern und von allen Mitarbeitern im Club. Und wir waren erfolgreich, sind in die Champions League eingezogen. Dafür sind wir Ole und seinem Team unglaublich dankbar.
Urlaubs-Rauswurf nach langer Analyse
Dennoch musste er gehen …
Solch eine Analyse ist ja nicht nur ein Gespräch, sondern es ist ein fortlaufender Prozess – während einer ganzen Saison, aber auch danach. Und da haben wir die Dinge analysiert, besprochen, diskutiert: Was ist aufgegangen, was ist nicht aufgegangen? Was warten für Aufgaben auf uns? Welchen Herausforderungen müssen wir uns stellen? Welchen Weg möchten wir gehen und womit haben wir einfach die größtmögliche Wahrscheinlichkeit, in allen Wettbewerben erfolgreich zu sein? Darum geht es. Und das dauert.
Ole Werner hat den ganzen Prozess aber im Urlaub aus den Medien erfahren.
Die letzten Wochen – und so selbstkritisch muss man sein – waren alles andere als optimal, einfach schlecht. Punkt. Aber man muss wissen: Wir hatten bereits in Südafrika ein längeres, vertrauliches Gespräch mit Ole. Dieses wollten wir nach seinem Urlaub fortsetzen. Dass sich dazwischen dann vieles aus verschiedensten Gründen in der Öffentlichkeit abgespielt hat, war sowohl dem Menschen als auch dem Trainer Ole Werner gegenüber absolut unwürdig. Mir tut das wirklich sehr leid. Gar keine Frage.
Und nach seinem Urlaub haben Sie ihm die Entscheidung erklärt?
Ja, wir waren im Austausch. Aber der Inhalt bleibt unter uns. Grundsätzlich waren die Gespräche immer sehr offen, sie waren ehrlich wie auch unsere Zusammenarbeit. Natürlich gibt es immer Entscheidungen, bei denen wir genau wissen, dass sie im ersten Schritt auf wenig Verständnis treffen. Manchmal sind die knallhart. Trotzdem geht es immer um eine respektvolle Art und Weise. Das haben wir alles dieses Mal nicht geschafft.
Sie sollen sich in der Vergangenheit zweimal für Ole Werner starkgemacht haben, als er auf der Kippe stand?
Es wurde unglaublich viel in den letzten Wochen berichtet. Teils Dinge, die stimmen, teils Dinge, die nicht gestimmt haben. Nur so viel: Grundsätzlich haben wir den Umbruch sehr gut gemeistert. Und ich glaube, es war absolut richtig, in der Konstellation mit Ole komplett durch die Saison zu gehen.

Martin Demichelis (45) trainierte zuletzt RCD Mallorca
Foto: CRISTIAN DE MARCHENA/REUTERS
Wie lief die Trainerfindung mit Martin Demichelis? Mario Gomez als Mitarbeiter des Global Soccer-Teams soll schon Anfang Juni verhandelt haben.
Trainerscouting ist wie Spielerscouting ein fortlaufender Prozess. Man muss auf Eventualitäten vorbereitet sein. Klar, das ist immer ein Tabuthema. Aber es wäre aus meiner Sicht höchst fahrlässig, nicht auch den Trainermarkt dauerhaft zu beobachten. Weil wir in den letzten Jahren auch oft erlebt haben, dass sich nicht nur ein Club aus verschiedensten Gründen verändern möchte. Sondern auch, dass ein Trainer seinen Wechselwunsch hinterlegt.
Wie lief dann die Einigung mit Demichelis?
Als die Gerüchte um Martín Demichelis aufkamen, hieß es ja, es wäre schon alles fix und es gäbe einen Vorvertrag. Das ist völliger Quatsch. Der folgende Prozess hat das, glaube ich, auch gezeigt. Sonst hätten wir ja auch relativ schnell die Nachbesetzung verkünden können. Aber wir haben erst in den Tagen nach dem finalen Gespräch mit Ole intensiv mit der Demichelis-Seite in Leipzig verhandelt.
Darum ist Demichelis kein Abstiegstrainer
Was hat Martín Demichelis so interessant für RB Leipzig gemacht?
Wir möchten Spiele gewinnen. Das geht über eine inhaltliche Komponente, das geht über eine physische Komponente. Und es gibt diese Begeisterung, dieses Feuer, diese Leidenschaft. Martin vereint all das. Er hat in seiner Karriere viel erlebt, hat unter vielen Trainern auf allerhöchstem Niveau gespielt. Und überall etwas mitgenommen. Er kennt Drucksituationen, wenn man liefern muss. Sein grundsätzlicher Fußball steht für unglaublich hohe Intensität, hohes Pressing und frühe Ballgewinne. Er möchte sofort vertikal nach Ballgewinn nach vorn spielen. Ein Fußball-Attacke-Modus. Das ist etwas, was uns in den Gesprächen, in den Analysen und Beobachtungen auch überzeugt hat.
Mit RCD Mallorca ist Demichelis aber abgestiegen …
Damit bin ich auch konfrontiert worden, denn auf dem Papier sieht das so aus. Doch das ist gefährliches Halbwissen. Ja, er ist mit Mallorca abgestiegen. Aber er hat das Team nur zwölf Spiele gecoacht und dabei einen Punkteschnitt erreicht, der in LaLiga für Europa gereicht hätte. Wir haben letztes Jahr viel verbessert, eine sehr gute Basis aufgebaut und möchten natürlich dennoch wieder einen Schritt vorankommen, was das Thema Intensität, Pressing, physische Dominanz, Leidenschaft und Begeisterung angeht.
Einige überragende Ex-Profis wie Xabi Alonso in Leverkusen oder Vincent Kompany beim FC Bayern haben die Bundesliga zuletzt geprägt und waren sehr erfolgreich. Ist das auch die Erwartung an Martín Demichelis?
Ich glaube zunächst, dass uns Martin mit seinen Erfahrungen und mit seinen Charakterzügen einfach guttun wird. Es ist natürlich ein Trend zu sehen, dass vielleicht Kompany und Alonso gewisse Dinge mitgebracht haben, die nicht nur den Club, sondern auch die Liga geprägt haben. Aber das ist keine Garantie. Daher wäre ich mit verfrühten Vergleichen vorsichtig.
Jürgen Klopp sagte zuletzt, er wäre nur Berater. Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit dem Global Soccer Team vorstellen?
Wir sind regelmäßig im Austausch. Und ja, wir diskutieren – und das auch mitunter lang und kontrovers. Aber am Ende übernehmen wir die Verantwortung in Leipzig.

Jürgen Klopp (59) ist bei Red Bull „Head of Global Soccer Sport“
Foto: Getty Images
Der Name Klopp überstrahlte die letzten Wochen trotzdem bei RB Leipzig alles.
Das ist nett formuliert – und ich verstehe auch, worauf Sie anspielen. Aber welcher sportliche Verantwortliche in der Bundesliga macht die Dinge nur mit sich aus und entscheidet allein in seinem Kämmerlein? Jeder hat ein Gremium, mit dem er all seine Empfehlungen und Entscheidungen abstimmt. Eine One-Man-Show gibt es in der Bundesliga und auch bei RB Leipzig nicht. Und ganz nebenbei: Die ist auch gar nicht gewollt. Wir möchten verschiedene Perspektiven und Meinungen haben. Und ja, auch in den anderthalb Jahren, in denen wir bislang zusammenarbeiten, gehört es dazu, dass wir diskutieren und nicht sofort eine Entscheidung getroffen wird. Wichtig ist, dass man final gemeinsam einen Nenner findet, die Verantwortung übernimmt und die Entscheidungen trägt.
Im zweiten Teil lesen Sie am Dienstag, wie Schäfer über den Diomande-Poker denkt und welche Folgen der Trainerwechsel auf die Kaderplanungen hat.