Bei dieser Schriftstellerin muss man vorsichtig sein. So viele Mythen ranken sich um ihre Person, so viele Zuschreibungen verstellen den Blick auf ihr Werk. Das Beste, was man tun kann: einfach lesen. Denn Bachmann (1926 bis 1973) war nicht nur ihrer Zeit voraus, was ihre Themen betrifft, und sie war nicht nur ziemlich mutig in Bezug auf die Form ihrer Texte. Vor allem schrieb sie Sätze, die man auf Häuserwände pinseln oder auf T-Shirts drucken lassen möchte. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ ist der berühmteste. Und damit man die schönsten nicht lange suchen muss, soll die folgende Liste eine Handreichung zur (Wieder-)Begegnung mit dem Kosmos von Ingeborg Bachmann ermöglichen.
„Herzzeit: Der Briefwechsel mit Paul Celan“.
Es mag eigenartig anmuten, diese Liste mit Briefen zu beginnen. Aber die Korrespondenzen etwa mit Max Frisch (Lebenspartner für mehrere Jahre), Hans Magnus Enzensberger (kurze Affäre, lange Freundschaft) oder Heinrich Böll (Ratgeber und Vertrauter) machen den größten Teil von Bachmanns Werk aus. Der ergreifendste ist der mit der (unglücklichen) Liebe ihres Lebens, dem Dichter Paul Celan. Die beiden lernen einander 1948 kennen, er schickt ihr Mohnblumen – und heiratet 1952 doch eine andere.
Später tanzen sie wieder umeinander herum, es ist so etwas wie eine On/Off-Beziehung. Als die Briefe als Buch erscheinen, vergleichen Rezensenten sie mit Kafkas Briefen an Felice, dem tragischsten postalischen Sturmlauf der Weltliteratur. Bevor Bachmann Celan in Paris besucht, schreibt sie: „Führ mich an die Seine, wir wollen so lange hineinschauen, bis wir kleine Fische geworden sind und uns wieder erkennen.“ Und: „Es ist eine schöne Liebe, in der ich mit Dir lebe, und nur weil ich Angst habe, zu viel zu sagen, sage ich nicht, dass sie die schönste ist.“
Schönster Satz: „Für mich bist Du Du.“
Als Lyrikerin wurde Ingeborg Bachmann berühmt, der „Spiegel“ nahm sie 1954 aufs Cover. Ein wiederkehrendes Motiv im Werk Bachmanns ist der Krieg. Besonders deutlich wird das in „Alle Tage“: „Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden.“ In dem Band „Anrufung des Großen Bären“ (1956) springen einem auf jeder Seite glänzende Verse entgegen. Rätselhafte wie „Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion“. Oder wahnsinnig traurige wie „Dein Herz hat anderswo zu tun“ aus „Erklär mir, Liebe“. Ihr größtes Gedicht ist „Böhmen liegt am Meer“ aus dem Jahr 1964. Sie entwirft darin mit Bezug auf Shakespeares „Wintermärchen“ einen utopischen Ort der Sehnsucht und Zuflucht.
Schönster Satz: „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.“
„Ihr glücklichen Augen“
Es sagt viel aus über die männlich dominierte Literaturkritik jener Zeit, dass man Ingeborg Bachmann den Wechsel von der Lyrik zur Prosa übel nahm. Als „gefallene Lyrikerin“ wurde sie bezeichnet. Dass das großer Quatsch ist, zeigt diese Erzählung. Es geht um die kurzsichtige Miranda, die ihre Sehschwäche nicht als Einschränkung, sondern als Geschenk des Himmels wertet. Warum? Weil sie sie davor bewahrt, das Hässliche in der Welt sehen zu müssen. Sie hat selten eine Brille dabei, so kann sie die Wirklichkeit ausblenden, was einerseits gut, für die Liebe zu Josef jedoch schlecht ist. Jedenfalls schließt man Miranda sehr ins Herz.
Schönster Satz: „Es erstaunt sie, wie die anderen Menschen das jeden Tag aushalten, was sie sehen und mit ansehen müssen.“
„Ein Schritt nach Gomorrha“
Diese Erzählung wird heute als eines der ersten feministischen Statements der Nachkriegszeit gelesen. Bachmann spielt darin mit der Möglichkeit einer lesbischen Beziehung als Alternative zur Ehe zwischen Mann und Frau. Die Hoffnung auf eine emanzipierte, befreite Liebe zwischen Charlotte und Mara scheitert jedoch.
Schönste Sätze: „Nun war einen Augenblick lang alles so, wie es nie wieder sein konnte. Ein einziges Mal war die Welt in Rot.“
„Neapolitanisches Tagebuch“
In ihren, unter dem Titel „Senza casa“ versammelten Aufzeichnungen dokumentiert Bachmann ihre Unsicherheiten. Die finanziellen Nöte, der Kampf mit dem Schreiben. Und der Status als unverheiratete Frau in einer Zeit, als die Ehe als angemessene Lebensform gilt. Von Februar bis September 1956 lebte sie bei dem homosexuellen Komponisten Hans Werner Henze in Neapel.
Die Beziehung zwischen den beiden ist komplex, sie treiben einander an und gehen doch nicht ineinander auf. „Ich will kein Opfer sein, und ich halte ein Opfer sein für eine schreckliche Sache“, notiert Bachmann. Und: „Ich bin es nicht. Ich bin’s.“ In ihren Notizen reflektiert sie die Unbedingtheit, mit der sie nach Unabhängigkeit von den Geschlechterrollen strebt.
Schönster Satz: „Ich werde baden gehen und mich nicht fürchten, wenn der Mond abstürzt.“
„Das dreißigste Jahr“
Kurz mal den Begriff „schön“ für das Werk Bachmann definieren. Schön bedeutet meistens melancholisch. Es gibt eine Hoffnung, sie wird umrissen, die Verwirklichung scheint möglich, doch die Verhältnisse lassen es nicht zu. All das wird genau und präzise, aber nie mathematisch oder kühl beschrieben. So auch in dieser Geschichte. Sie handelt davon, wie ein Mann merkt, dass die Zeit rennt. Plötzlich kann er nicht mehr von jetzt auf gleich etwas anderes sein und werden. Seine Erinnerung wird flächiger, die Gegenwart schmaler, die Zukunft unsicher.
Schönster Satz: „Er fühlte sich als Mitwisser eines Geheimnisses der Leichtigkeit.“
Wer über diese Texte Zugang gefunden hat zu diesem Werk, ist bereit für die gewagteren und experimentelleren Arbeiten. Für den Roman „Malina“ etwa, der für die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ein Erweckungserlebnis war. Oder für „Ein Ort für Zufälle“, ein „essayistisch-lyrisches Prosagewebe“ (Silvia Bovenschen), das West-Berlin als eine Stadt des Wahnsinns beschreibt.