Die zweite, konkurrierende Kraft wird ausgelöst, weil die Sonne in ihren Riesenphasen einen Großteil ihrer Masse in den Weltraum schleudert. Ihre Gravitationskraft der Sonne nimmt aufgrund ihres Massenverlustes ab und die Umlaufbahn der Planeten nimmt zu. Ob die Erde und die anderen Planeten in unserem Sonnensystem das Ende der Sonne überstehen können, hängt also davon ab, welcher der konkurrierenden Kräfte stärker ist. Die Wissenschaft ging bisher davon aus, dass die Gezeitenkräfte überwiegen, also dass die Erde von der Sonne verschluckt wird, bevor die gegensätzliche Kraft sie retten kann.

„Das Schicksal der Erde hängt von einem empfindlichen Gleichgewicht zwischen diesen beiden Effekten ab. Wenn die Gezeitenwechselwirkungen überwiegen, wird die Erde von der Sonne verschlungen.“ Mats Esseldeurs

Gezeitenenergie im Inneren von Riesensternen

Laut der aktuellen Publikation des Teams um Esseldeurs hat die Astronomie in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Fortschritte bei der Erforschung des Inneren von alternden Sternen gemacht. Die Wissenschaftler der KU Leuven haben auf Basis dieser Erkenntnisse ein neues Modell entwickelt, laut dem die Gezeitenenergie im Inneren von Riesensternen deutlich ineffizienter abnimmt, als zuvor angenommen wurde.

Laut den Berechnungen kann die Erde durch diesen Effekt, der ähnlich wie eine gelockerte Bremse wirkt, auf den Massenverlust reagieren und sich ausreichend weit von der Sonne entfernen. Ihre Umlaufbahn würde dadurch die äußersten Schichten der ausgedehnten Sonne nicht berühren.

„Wenn der Masseverlust der Sonne überwiegt, entkommt die Erde auf eine Umlaufbahn, die größer ist als der Radius ihres Sterns.“ Mats Esseldeurs

Merkur und Venus entkommen der Sonne nicht

Um zu untersuchen, wie viel Masse die Sonne verlieren wird, haben die Forscher Daten des sonnenähnlichen Sterns L2 Puppis analysiert. Wenn sich die Sonne tatsächlich ähnlich wie der Stern L2 Puppis verhält, ist die Prognose für den Merkur und die Venus negativ. Diese Planeten haben eine so enge Umlaufbahn um die Sonne, dass auch der Massenverlust und die dadurch größer werdende Umlaufbahn sie nicht vor dem Verschlucktwerden retten können. Der Mars, der deutlich weiter von der Sonne entfernt ist, könnte laut dem neuen Modell der KU Leuven hingegen der sich ausdehnenden Sonne entkommen, weil die nach innen ziehenden Gezeitenkräfte bei der Entfernung deutlich geringer sind.

Die Erde befindet sich in einem Grenzbereich, in dem der Bahnzerfall und die Bahnerweiterung nahezu gleichstark wirken. Wie die Forscher erklären, bestehen bei den Massenverlustraten von Sternen in der AGB-Phase aber noch starke Unsicherheiten. Es kann deshalb noch nicht zweifelsfrei beantwortet werden, ob die Erde der Sonne tatsächlich entkommen kann. Wenn der Planet nicht verschluckt wird, ist er aber ohnehin nur noch ein Gesteinskörper ohne Leben, weil er bereits eine Milliarde Jahre zuvor immer heißer wird und sein gesamtes Wasser verliert.

Quellen:

Studie im Fachmagazin Astronomy & Astrophysics, doi: 10.1051/0004-6361/202660576







29. Juni 2026

– Robert Klatt