
Plakat Supergirl. Bild: Filmstarts.de
Milly Alcock bricht als Grunge-Rebellin Kara Zor-El mit dem Superman-Erbe. Ein radikaler Blick auf eine Popkultur, die den Glauben ans Morgen verlor.
„Er sieht das Gute in allen. Ich sehe die Wahrheit.“ Mit diesem einen Satz beschreibt Supergirl den entscheidenden Unterschied zwischen sich und ihrem berühmten Cousin Superman. Es ist ein bemerkenswerter Satz, weil er nicht nur zwei Figuren gegeneinander profiliert, sondern zwei Weltbilder.
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Superman glaubt an das moralische Potenzial der Menschen; Kara glaubt zunächst einmal an ihre Fähigkeit, sich gegenseitig zu enttäuschen. Wo Clark Kent Hoffnung verkörpert, trägt sie den Schmerz des Verlustes mit sich herum. Sie ist keine Erlöserfigur, sondern eine Überlebende.
Grunge in der Galaxis
Diese Kara Zor-El hat keinerlei Interesse daran, die Heldin zu sein, als die das Publikum sie erwartet. Sie ist Anfang zwanzig, trinkt in schäbigen Bars am Rand der Galaxis, hört Grunge und Alternative Rock, wirkt wie eine aus der Zeit gefallene Neunzigerjahre-Rebellin und begegnet jedem Pathos mit demonstrativer Gleichgültigkeit.
Sie verweigert sich der Rolle, die ihr von Geburt an zugeschrieben wurde, weil sie nie darum gebeten hat. Wut und Trauer bestimmen ihren Blick auf die Welt weit mehr als Idealismus oder Pflichtgefühl.
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Gerade darin unterscheidet sich dieser Film von den klassischen Erzählungen des Superheldengenres. Kara kämpft nicht, weil sie die Menschheit retten möchte. Sie kämpft, weil sie muss. Und vor allem kämpft sie bis zuletzt für etwas denkbar Persönliches: für ihren kleinen, struppigen Hund Krypto. Dass das Schicksal eines Tieres emotional bedeutsamer erscheint als das abstrakte Wohl ganzer Planeten, ist symptomatisch für diesen Film.
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Er interessiert sich weniger für globale Erlösung als für individuelle Bindungen. Die Weltrettung ist Kulisse; der eigentliche Einsatz ist die Rettung eines letzten Stücks emotionaler Heimat.
Hollywood hat jahrzehntelang die Welt gerettet. Heute rettet es Hunde
Dass ausgerechnet ein ziemlich uninteressanter Hund zum Zentrum eines Blockbusters mit zweistelligem Millionenbudget wird, sagt vermutlich mehr über den Zustand der westlichen Kultur, als ein ganzer Stapel soziologischer Diagnosen. Hollywood hat jahrzehntelang die Welt gerettet. Heute rettet es Hunde.
Das ist nicht nur ein Symptom für die Infantilisierung der Popkultur. Es handelt sich auch um die stille Verschiebung ihres moralischen Maßstabs.
Der Superheld war immer die größte denkbare Figur. Er rettete Städte, Nationen, Planeten, schließlich ganze Universen. Mit jeder Fortsetzung wurden die Explosionen größer und die Fallhöhe gewaltiger. Irgendwann standen nicht mehr New York oder Metropolis auf dem Spiel, sondern Raum und Zeit selbst. Das Problem solcher Eskalation besteht allerdings darin, dass Größe irgendwann in Bedeutungslosigkeit umschlägt. Wenn ständig das Universum untergeht, verliert der Untergang seine Dramatik.
Die Apokalypse ist inflationär geworden.
Die Apokalypse ist inflationär geworden
Man könnte dazu auch Mark Fishers Begriff der „Hauntology“ bemühen, jenen Zustand einer Kultur, die nicht mehr Neues hervorbringt, sondern nur noch von den Geistern ihrer eigenen Möglichkeiten heimgesucht wird.
Aber der Film braucht diesen Begriff eigentlich gar nicht. Er zeigt ihn einfach. Er zeigt eine Zukunft, die ihre Vorstellungskraft verloren hat. Die Zukunft sieht aus wie eine Playlist aus den Neunzigern.
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Gegenwart, dass sie sich Zukunft kaum noch vorstellen kann. Das Kino der fünfziger und sechziger Jahre war voller technischer Utopien. Selbst seine Dystopien glaubten noch an das Morgen. Heute dagegen sieht Zukunft fast immer aus wie eine recycelte Vergangenheit. Rostige Raumhäfen, Punkästhetik, Analogtechnik, Grunge, Neon, Lederjacken. Selbst das Weltall scheint inzwischen Second Hand zu sein.
Natürlich ist „Supergirl“ zugleich ein ausgesprochen zeitgenössischer Film. Er ist feministisch – allerdings auf eine Weise, die heute fast schon selbstverständlich wirkt. Bemerkenswert ist weniger, was erzählt wird, als das, was bewusst fehlt. Kara besitzt kein romantisches „Love Interest“, Sexualität spielt praktisch keine Rolle.
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Stattdessen bilden Krypto und eine ebenso vorlaute wie von Rachefantasien getriebene jugendliche Begleiterin ihr emotionales Zentrum. Die Beziehung zwischen beiden entwickelt sich allmählich zu einer Art Mutter-Tochter-Verhältnis.
Auch moralisch folgt der Film den kulturellen Codierungen der Gegenwart. Die meisten positiven Figuren sind Frauen, die meisten Antagonisten Männer. Die größte denkbare Bedrohung ist hier kein größenwahnsinniger Weltenzerstörer, sondern ein galaktischer Mädchenhändlerring. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung der Perspektive: Die Rettung einzelner Menschen erscheint bedeutender als die Rettung einer ganzen Zivilisation.
Space Opera mit Endzeitästhetik
Doch wer versucht, „Supergirl“ ausschließlich über seine Handlung zu beschreiben, verfehlt vermutlich seinen eigentlichen Reiz. Die Geschichte selbst ist beinahe nebensächlich. Viel wichtiger sind Atmosphäre, Rhythmus und die Vielzahl filmischer Anspielungen. Der Film lebt von seiner Textur. Er zitiert und spielt mit Versatzstücken der Popkultur, ohne sich dabei allzu ernst zu nehmen.
Unübersehbar sind die Reminiszenzen an „Tank Girl“, dessen anarchischer Riot-Grrrl-Geist hier in modernisierter Form wiederkehrt. Kara besitzt dieselbe Mischung aus Trotz, Selbstironie und kontrollierter Verwahrlosung. Zugleich bewegt sich der Film visuell irgendwo zwischen „Star Wars“ und „Mad Max“.
Die schmutzigen Raumhäfen, improvisierten Raumschiffe und staubigen Außenwelten verbinden Space Opera mit Endzeitästhetik. Alles wirkt gebraucht, verbeult und bewohnt. Hochglanz interessiert diesen Film kaum; seine Zukunft besitzt Patina.
Gerade diese ästhetische Mischung verleiht dem Film einen eigentümlichen Charme. Er wirkt wie ein Blockbuster, der sich gelegentlich als Independentfilm verkleidet. Zwischen den spektakulären Actionsequenzen finden sich immer wieder Momente erstaunlicher Intimität: ein schweigender Blick, ein kurzer Dialog oder eine beiläufige Erinnerung erzählen manchmal mehr über Kara als die nächste Explosion.
Verschenkte Stärken
Leider gönnt sich der Film für solche Augenblicke viel zu wenig Zeit. Sein größtes Problem ist weniger die Handlung als das Erzähltempo. Kaum beginnt eine Szene ihre Wirkung zu entfalten, treibt der Film bereits weiter zur nächsten Station.
Ein Kampf in einer Raumstation, eine Schlägerei in einer Bar oder eine Verfolgungsjagd durch ein Asteroidenfeld sind sorgfältig inszeniert und visuell durchaus beeindruckend. Doch die Dramaturgie scheint ständig in Sorge zu sein, das Publikum könnte sich langweilen. Milly Alcock trägt ihre Rolle mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit. Ihre Kara ist verletzlich, sarkastisch, impulsiv und zugleich von einer tiefen Melancholie durchzogen.
Alcock gelingt das Kunststück, eine Figur glaubwürdig erscheinen zu lassen, die über nahezu unbegrenzte physische Kräfte verfügt und sich dennoch emotional vollkommen orientierungslos fühlt.
Wissen um eine ausgelöschte Welt
Besonders eindrucksvoll sind die Rückblenden auf Krypton. Während Superman seine Heimat nie wirklich kannte, erinnert sich Kara an alles. Sie erinnert sich an ihre Familie, an Straßen, Stimmen und Gerüche. Sie erlebt das langsame Sterben ihrer Mutter, hört die letzten Lektionen ihres Vaters über Verantwortung und Macht und trägt das Wissen um eine vollständig ausgelöschte Welt in sich.
Für Clark Kent bleibt Krypton eine abstrakte Herkunft. Für Kara ist es Kindheit. Diese Differenz verändert die gesamte Figur.
So entsteht tatsächlich eine ungewöhnliche Variante der Superheldenerzählung. Während Superman traditionell für Optimismus, Verantwortung und moralische Gewissheit steht, kreist „Supergirl“ um Verlust, Wut und die mühsame Frage, wie ein Mensch nach einer Katastrophe überhaupt weiterlebt. Kara besitzt alle Kräfte der Welt und dennoch keine Antwort darauf, wie man Abschied nimmt.
Kleinste, Geschichten, größte Gefühle
Vielleicht erklärt gerade das auch ihre eigentümliche Faszination. Sie wirkt mächtig, aber niemals unverwundbar. Sie kann fliegen, kämpfen und selbst brutalste Situationen überstehen. Emotional jedoch erscheint sie wie jemand, der erst noch lernen muss, erwachsen zu werden.
Hinter jeder sarkastischen Bemerkung verbirgt sich Unsicherheit, hinter jeder Trotzreaktion die Angst vor neuer Bindung.
„Supergirl“ ist deshalb kein großer Film im klassischen Sinn. Er ist weder besonders tiefgründig noch dramaturgisch makellos. Seine Figuren bleiben gelegentlich Skizzen, sein Tempo ist oft zu hoch, seine Handlung eher Vorwand als Erzählung. Aber er besitzt Stil, Witz und eine ungewöhnliche Hauptfigur, deren Verletzlichkeit interessanter ist als ihre Superkräfte.
Vor allem aber erinnert er daran, dass selbst im Zeitalter kosmischer Blockbuster manchmal die kleinsten Geschichten die größten Gefühle auslösen können. Er unterhält glänzend – mehr sollte man von ihm allerdings auch nicht verlangen.