Diese Geschichte beginnt bereits vor über 80 Jahren, genauer im Zweiten Weltkrieg. John Bowers (1922 – 1987) und Roy Wilkins dienten beide bei den Royal Signals, eine Einheit, welche die Kommunikation zwischen den verschiedenen Verbänden sicherstellte. Den beiden gefiel das Thema „Übertragung“ offenkundig so gut, dass sie beschlossen, damit ihr Geld zu verdienen: Im beschaulichen Worthing, das direkt an der Südküste Englands liegt und jederzeit die Kulisse für eine Barnaby-Folge stellen könnte, eröffneten die beiden einen Radio-/Fernsehladen. In diesem Laden war John Bowers der Praktiker, der Fernseher reparierte und gern Spezial-Lautsprecher für die Kunden baute. Roy Wilkins, so heißt es in den Firmen-Analen, war eher der kaufmännische Typ. Der Laden lief gut und die Sache hätte bis zum Lebensende der beiden Freunde so weiterlaufen können.

Aber dann kam der weiße Ritter und veränderte alles. „Ritterin“ muss man wohl sagen. Eine gewisse Miss Knight war eine wohlhabende Kundin von John Bowers, die von den Lautsprechern, die John Bowers für sie gebaut hatte, derart beeindruckt war, dass sie ihm in ihrem Testament 10.000 Pfund Sterling vermachte – allerdings mit der Auflage, sich aus dem Einzelhandelsgeschäft zurückzuziehen und sich ganz auf den Lautsprecherbau zu konzentrieren. Mit diesem Geld gründete Bowers (gemeinsam mit Peter Hayward) dann vor 60 Jahren das Unternehmen Bowers & Wilkins Loudspeakers Ltd.

John BowersJohn Bowers: Namensgeber, Spiritus Rector, Antreiber, Chef. Und natürlich alles im weißen Kittel… (Foto: B&W)60 Jahre Bowers & Wilkins: die erste Hälfte der Geschichte

10.000 Pfund. Die Summe klingt nicht abenteuerlich hoch. Aber 1966 war das britische Pfund im Markthandel mehr als 11 D-Mark wert. Damit entsprachen die 10.000 Pfund 111.700 D-Mark. Wir rechnen nach: Die alte Dame hatte dem verheißungsvollen Lautsprecher-Startup in Worthing also einen Anschub von (heute gerechnet) über 200.000 Euro mit auf den Weg gegeben. Je nach Inflationsmodell entspricht dies 2026 einem Kaufkraftäquivalent von mehr als 550.000 Euro. Damit lässt sich schon was anstellen…

Und John Bowers saß nicht auf dem Geld. Er nutzte er einen Teil des Knight´schen Vermögens und kaufte die ehemaligen SME-Fertigungsstätten in Worthing. Dort hieß es nun: Lautsprecher statt Tonarme. Und Bowers stellte 1969 mit Dennis Ward seinen ersten „echten“ Entwicklungsingenieur ein. Ward war zuvor Entwickler bei der EMI und erwies sich als echter Glücksgriff. So vollendete Ward das Projekt DM 70, mit dem B&W einiges Aufsehen erregte. Der stylisch gerundete Lautsprecher arbeitet nämlich ab 400 Hertz mit einem elektrostatischen Mittelhochton-Element.

B&W-DM-70Die außergewöhnliche B&W DM 70 aus dem Jahr 1970: Die Mittel- und Hochton-Einheit besteht aus 11 elektrostatischen Dipol-Modulen, die oberhalb von 400 Hz spielt. In der vertikalen Ebene ist das Abstrahlverhalten im Mittelbereich nahezu kreisförmig und sorgt so für einen sehr breiten, gleichmäßigen Abstrahlwinkel (Foto: B&W)

Doch die DM 70 deckte auch eine entscheidende Schwäche der B&W-Speaker auf: Es waren allesamt zugekaufte Treiber. Die kamen in der Regel von EMI und / oder von Celestion – wie beispielhaft das Bild der DM 4 beispielhaft zeigt:

B&W DM4Die B&W DM 4 von 1972, im Hochton bestückt mit einer seinerzeit gern verwendeten Kombination aus Hoch- und Superhochtöner von Celestion. Die DM 4 kostete bei Verkaufsstart 540 Dollar (Foto: B&W)

John Bowers aber wollte seine eigenen Hoch-, Mittel- und Tieftöner. Und Dennis Ward war genau der richtige Mann, um diese Produktion aufzubauen. In einer Welt, in denen die meisten Lautsprecher noch durch ein Rückschlag-trächtiges Trial & Error entstanden, verstand Ward schon sehr viel von Lautsprecher-Messungen und hatte ein gutes Gespür für Material-Qualitäten. Basierend auf seinen Untersuchungen nutzte B&W seit 1974 das knallig gelb gefärbte Kevlar, das trotz des damals eher zurückhaltenden Klangs immer ein markantes „Hoppla-jetzt-komm-ich“ Signal versendete.

Eines der ersten Top-Modelle mit Kevlar-Mitteltöner war die B&W DM 6 von 1975. Die ambitionierte 3-Wege-Box ist auch ein schönes Beispiel dafür, dass John Bowers noch keine erkennbare B&W-Design-Linie gefunden hatte…

B&W DM6 von 1975Die eigenwillige DM 6 von 1975. Die geschlossene Box mit dreistufiger Schallwand kostete bei Verkaufsstart 1.400 Dollar (Foto: Archiv)

Aber mit dem Aufbau der eigenen Treiber-Produktion und der ständigen Verbesserung der (anfangs noch gar nicht so überzeugend klingenden) Kevlar-Membranen ging es Schlag auf Schlag. 1979 legte Bowers die 801 auf, die seitdem eine Art Design-Vorgabe der Briten ist.

B&W 801 1979Die 801 von 1979 bestimmt in gewisser Weise noch heute den Aufbau der großen 800er Modelle. Als sie auf den Markt kam, kostete sie 3.600 D-Mark (Foto: B&W)

Die 801 mit ihrem dreistufigen Aufbau (wegen der möglichst zeitrichtigen Wiedergabe der unterschiedlichen Zweige) war John Bowers Antwort auf die – aus seiner Sicht – ärgerlich erfolgreiche Reference 105 (Markteinführung: 1977) vom Mitbewerber KEF, die seinerzeit die Fantasien der Fans stark beflügelte. Aber in gewisser Weise gewann B&W dieses Wettrennen am Ende doch: Die 801 gibt es in veränderter Form ja immer noch, während KEF schon lange Zeit auf sehr gradlinige Formen setzt…

John Bowers mit Lawrence DickiAlles im Kittel: John Bowers im Kreis seiner Entwickler. Gleich links im Hintergrund sieht man den jungen Lawrence Dickie… (Foto: B&W)

Man könnte auch sagen: Das legendäre B&W 800er-Design ist eigentlich von KEF inspiriert. Aber das hätte der meist höfliche John Bowers wohl schroff zurückgewiesen. Überhaupt war der ältere Herr durchsetzungsfähiger, als man ihm unter dem weißen Kittel zugetraut hätte. Unter den langjährigen Mitarbeitern kursierte immer jene Geschichte, als ein Auftrag noch nicht fertig, aber schon Feierabend war. Daraufhin steuerte der Chef seinen Wagen in die enge Ein/Ausfahrt zur Fertigung und blockierte sie dadurch. „Es dauert noch lange, bis die Ausfahrt wieder frei ist“, soll er gesagt haben.“ Dann könntet ihr in der Zeit auch noch den Auftrag fertigmachen…“ So geschah es dann auch.

Die B&W 801 war ein Statement, eine perfekte Umsetzung des von John Bowers schon früh formulierten Credos des „True Sound“. Ihr Ruf war vor allem bei Klassik-Liebhabern so gut, dass auch etliche Studios mit Klassik-Schwerpunkt (beispielsweise EMI oder die Abbey-Road-Studios) den Dreiteiler zum Abmischen nutzen. Spätestens das war der Ritterschlag. Weltweit.

Vorsprung durch Forschung: das Steyning Research Establishment

Man hätte sich jetzt zurücklehnen können, um den Erfolg zu genießen und mal in Ruhe ein bisschen Geld zu verdienen. Und was tat John Bowers? Gab jetzt erst richtig Gas. 1982 gründete er das berühmte Steyning Research Establishment (SRE), das man rückblickend als eines der modernsten privaten Akustiklabore seiner Zeit bezeichnen könnte. Ich selbst war öfters vor Ort und von außen ist kaum vorstellbar, wie viele Ingenieure hier arbeiten und wie viele Labore das ehemalige Cottage hinter seinen alten Mauern verbirgt. Man muss allerdings einige sehr verstiegene Gänge und enge Treppen nutzen, um alle zu erreichen. Britischer geht es nicht…

B&W Forschung in SeeyningSeit über 40 Jahren ist dies die Ideen-Schmiede für B&W: Die Research Establishment Abteilung in Steyning nahe Brighton. Bei meinem letzten Besuch vor 10 Jahren arbeiteten hier über 50 Ingenieure (Foto: H. Biermann)

Mit dem Research Center hatte John Bowers erneut einen Standard gesetzt: Ausgestattet mit viel Geld für bestes Equipment und getragen von seiner Idee einer weitestgehend freien Forschung, fanden sich schnell jene Protagonisten, welche die nächsten B&W-Jahrzehnte technisch-akustisch prägen sollten: Lawrence Dickie (von 1984 – 1996 bei B&W), Dr. Peter Fryer (von 1985 – 2015, also 30 Jahre bei B&W) und Dr. John Dibb (von 1986 – 2013, 27 Jahre bei B&W).

Gemessen an Dr. Peter Fryer und Dr. John Dibb war Lawrence Dickie mit seinen „nur“ 12 Jahren Betriebszugehörigkeit vergleichsweise kurz da, aber sein Einfluss war gewaltig. Eigentlich sollte er für B&W Aktivboxen entwerfen. Daraus wurde nichts; bis heute steht B&W für passive Lautsprecher. Stattdessen ließ man ihn an der Verbesserung von Gehäusen forschen und er fand heraus, dass Gehäuse viel ruhiger bleiben (also weniger dröhnen), wenn man sie mit einer eng verschachtelten Innenkonstruktion verstärkt und die dadurch entstandenen Einzelkammern zusätzlich bedämpft: Das Matrix-Gehäuse war erfunden und fand Einzug in alle höherwertigen Lautsprecher der Marke. B&W nutzt das Prinzip immer noch.

Lawrence Dicki VividLawrence Dickie ist ein noch immer jung gebliebener Freigeist, der auch heute noch die Finger vom Entwickeln nicht lassen kann. Er hat beispielsweise alle Vivid-Modelle entwickelt. Und wenn man ihn auf Messen trifft, ist er immer noch voller Ideen und Pläne…

Am 20. Dezember 1987 starb John Bowers und vererbte das Unternehmen an seinen Lebensgefährten Robert Trunz. Bislang hatte der Schweizer innerhalb des Unternehmens den weltweit erfolgreichen Export organisiert und dafür gesorgt, dass B&W – anders als die meisten Mitbewerber – nicht nur auf dem Heim-Markt stark war. Nun war er es, der die vielen bereits gestarteten Projekte und Ideen von John Bowers mit dessen Spirit fortführte. Zum Beispiel forcierte Trunz die Fertigstellung des neuen Flaggschiffs: Mit der knapp 2 Meter hohen Matrix 800 wollte man 1990 nicht nur physisch ganz nach oben …

B&W Matrix 800 AmbienteDie B&W Matrix ist die größte, je von B&W gebaute HiFi-Box: Über 1,90 Meter hoch, 110 Kilo schwer und mit je zwei 30er Bässen und 13er Mitteltönern bestückt. 1990 kostete ein Paar 30.000 Mark (Foto: Archiv)

Die Matrix 800 war auch meine erste intensive Begegnung mit B&W. Als ich 1991 zur „Audio“ kam, war das Flaggschiff nämlich die Lautsprecher-Referenz im Audio Hörraum und ich hörte jeden Tag mehrere Stunden mit ihr. Die eigenwillige Superbox war jedoch nie mein Lieblingslautsprecher der Marke: Im Bass deutlich zu weich, sorgte sie dafür, dass Anfang der 1990er Jahre immer die besonders „straff“ klingenden Verstärker bei Audio gut abschnitten. Und dann diese Form… Der später sogar (allerdings nicht für die 800er) geadelte B&W-Designer Kenneth Grange wollte wohl mal aus dem Üblichen ausbrechen. Bei einem meiner Besuche in Steyning fragte ich Dr. Peter Fryer, was er vom Design der 800er halte. Und Fryer antwortete in seiner typisch-verschmitzten Art: „Wenn man bedenkt, dass Kenneth auch die Form der neuen Londoner Taxis entworfen hat, ist sie doch recht hübsch geworden.“

B&W John DibbImmer einen Scherz auf den Lippen, aber technisch ganz weit vorn: Dr. Peter Fryer brachte als Leiter das Steyning Research Establishment (SRE) entscheidend voran und prägte über Jahrzehnte die Grundlagenforschung von B&W. Und immer am Mann: ein Schlips mit Star-Treck-Motiv (Foto: B&W)

Fryer, der bei B&W die Laser-Messungen für die Resonanz-Optimierung der Gehäuse und der Treiber einführte und so ganz wesentlich zum Erfolg von B&W beitrug, hatte immer den Schalk im Nacken. Als er Ende der 1990er in der Redaktion vorbeikam, hatte er ein Pärchen des von ihm mit-entwickelten Top-Sellers CDM 1 (Kompaktbox für 2.000 D-Mark) dabei und sagte: „Schau mal. Hab ich am Flughafen in China gekauft. Ist von meiner nicht zu unterscheiden. Außer: Diese China-Kopie klingt noch ein bisschen besser als meine…“ Das war der lockere B&W-Geist.

Nur in diesem Geist konnte ein Konzept wie die B&W Emphasis entstehen, die zwar verspielt wirkt, es aber eigentlich gar nicht war, weil sie zum Versuchsfeld eines Mega-Projekts wurde: Ganz und gar nicht zufällig hatten Lawrence Dickie und John Dibb nämlich an der Emphasis schon etliche Punkte ausprobiert, auf die sie später bei Nautilus zurückgreifen konnten.

B&W EmphasisDie B&W Emphasis von 1991. Die markante, saxofonähnliche Form mit freistehendem Hochtöner ist aus Kunststoff und von Morten Villiers Warren entworfen worden (Foto: B&W)B&W EmphasisDas Gehäuse wurde von Lawrence Dickie und John Dibb als Viertelwellen-Resonator ausgelegt. Das sollte für Resonanzarmut sorgen (Foto: B&W)B&W EmphasisVon der grazilen Emphasis wurden nicht einmal 200 Paar gebaut – was womöglich am Preis lag: Sie kostete 1991 = 15.000 D-Mark (Foto: B&W)

 

Die Nautilus-Ära

Bereits in den frühen 1990er Jahren hatte Robert Trunz den dafür bestens geeigneten Lawrence Dickie an das Nautilus-Projekt gesetzt, das noch John Bowers gestartet und als Ziel ein quasi resonanzfreies Gehäuse vorgegeben hatte. Dickie hatte längst den Kittel abgestreift und bekam alle Freiheiten in diesem „Kosten-spielen-keine-Rolle-Projekt“. Seine Haare wurden immer länger und er lief nur noch barfuß durch die Forschungseinrichtung – ein Freigeist halt.

Die B&W NautilusDas hatte die Welt noch nicht gesehen: Die Nautilus von 1993 war ein wegweisender Technologieträger, eine 4-Wege-Konstruktion im Kunststoff-Gehäuse auf Granit-Sockel. Absolut zu Recht hat die Nautilus bis heute nichts an ihrer Faszination verloren und wird immer noch in England gebaut (Foto: B&W)

Und Dickie lieferte. Es entstand eine außergewöhnliche 4-Wege-Konstruktion, bei der jeder Zweig nach hinten auf eine – je nach Einsatzbereich unterschiedlich lange – Absorptionsröhre („tapered tube“), arbeitete, in der sich dann die rückwärtige Energie mit ihren Resonanzen verlor. In vielen Bereichen betrat Dickie Neuland. An einer Stelle aber verwirklichte er eine „alte“ Idee: Die Nautilus ist eine Aktivbox – bis heute die einzige im gesamten B&W Lautsprecher-Programm. Natürlich war die Nautilus damit kein günstiger Lautsprecher. 1993 kostete sie knapp 60.000 Pfund, das entsprach etwa 150.000 Mark. Und dann kamen ja noch die Kosten für die acht Endstufen hinzu…

Dennoch wurde die Nautilus zum Wendepunkt. Was bei Mercedes der 600er (W100) war, war bei Bowers dieses schneckenförmige Gebilde. Es ließ die B&W-Ingenieure in alle Richtungen neu denken. Die Entwicklung war teuer, zahlt sich aber immer noch aus. Denn von diesem Zeitpunkt an fand/findet Nautilus-Technologie Einzug in alle neuen B&W-Lautsprecher – auch in die günstigen. Selbst in der Einsteigerserie 600, die Robert Trunz bereits 1995 auf den Markt bringen ließ, findet sich in der aktuellen S3-Generation mittlerweile ein Hochtöner mit Nautilus-Röhrchen…

 

B&W 600 S3Die 600er Serie markiert seit den 1990er Jahren den Einstieg bei Bowers & Wilkins (Foto: B&W)

Nach neun Jahren, also 1996, verkaufte Robert Trunz seine Anteile B&W an den kanadischen Wirtschaftsprüfer Joe Atkins, der bereits über einige Anteile verfügte und so zum Mehrheitsgesellschafter avancierte. Atkins wusste, was bereits alles in der B&W-Pipeline war, er mochte die Lautsprecher und die Firma. Und vor allem: Er hatte einen Plan.

60 Jahre Bowers & Wilkins: die goldene Atkins-Ära

Vielleicht war Atkins der noch bessere Geschäftsmann oder auf einmal ging alles auf, was vorher bereits klug geplant wurde: Die Erfolgskurve zeigte jedenfalls steil bergauf. Zunächst investierte der neue Chef viel Geld und harmonisierte die Vertriebsstrukturen, indem er B&W-eigene Vertriebsgesellschaften aufstellte.

Joe-AtkinsZwischen 700er und 800er Serie: Das Bild zeigt Joe Atkins um 2016 (Foto: The Guardian)

Durch diesen Schachzug bekam er alle Strippen in der Hand und gleichzeitig alle Märkte sauber: Man fand in dieser Zeit einfach keine unnötig billige 800er im Markt. In Deutschland gab es (mit Ausnahme des PIA Accuphase-Vertriebs) nichts Vergleichbares. Das war das eine. Aber da waren auch noch diese neuen Lautsprecher. Peter Fryer und John Dibb hatten auf Drängen von Robert Trunz bereits eine 800er Serie aufgelegt, die (natürlich) Nautilus-Technik enthielt und alles Bisherige in den Schatten stellen sollte: die Nautilus 800 Serie.

Hier verbauten die B&W-Ingenieure wirklich alles, was sie für gut und teuer hielten. Vor allem das Flaggschiff 801 war der Hammer. Allein schon dieses über 2 Zentner schwere, aus dutzenden gebogenen Holzschichten aufgebaute Gehäuse… Die Fachwelt feierte diese Nautilus-Linie zu Recht als „outstanding“.

B&W Nautilus 800Das Flaggschiff Nautilus 801 von 1998. Massiver Aufbau, Nautilus-Technik im Mittel- und Hochton, ein 38er Bass und 104 Kilo schwer. Mehr gab es für 25.000 D-Mark (!) damals nirgends (Foto: B&W)

Ich weiß noch, wie ich mit meinem Kollegen Thomas Brieger (damals ebenfalls bei Audio) auf der Premieren-Präsentation 800er Nautilus-Serie in London den Mund nicht mehr zubekam: Was für ein Druck, was für eine Attacke und was für eine Räumlichkeit. Das alles hatte mit dem eher dezenten „True Sound“ der früheren Jahre kaum noch etwas zu tun. Hier gab es richtig auf die Ohren. Aber kultiviert. Einfach geil!

Mit dieser Serie schoss sich B&W direkt in die Herzen selbst jener HiFi-Fans, denen B&W früher egal oder zu langweilig war – zumal selbst das Flaggschiff damals mit 25.000 Mark noch moderat bepreist war. Diese Strategie des „immer noch Erreichbaren“ blieb lange Zeit ein Markenzeichen von B&W.

Betrachtet man B&W weltweit, wurde die Firma durchaus unterschiedlich wahrgenommen. In den USA beispielsweise machte man zwar den größte Umsatz, aber überwiegend mit den kleineren Modellen und mit Installing-Speakern. In Deutschland dagegen wurden nur etwa 20 Prozent des weltweiten Umsatzes erzielt, aber hierzulande bekamen die britischen Speaker – vor allem der 700er und 800er Linie – beinahe schon Kult-Charakter.

Zwei Namen muss man in diesem Zusammenhang nennen. Zum einen Stefan Splawski. Er war seit Anfang 1998 Geschäftsführer des deutschen B&W-Vertriebs. Er zog die richtigen Schlüsse, stellte die richtigen Leute ein und hatte das Glück des Tüchtigen, dass B&W immer besser wurde und er damit die Möglichkeit bekam, viel und überall für die Marke zu werben.

Stefan SplawskiStefan Splawski verantwortete das B&W-Geschäft in Deutschland über 20 Jahre und entwickelte in dieser Zeit eine kluge und familiäre Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Fachhandel (Foto: H. Biermann)

Und es gab den Produkt-Manager Ulf Soldan, der landauf und landab der Gemeinde die Vorzüge der B&W-Lautsprecher predigte und ganz nebenbei ziemlich gute Vorführungen machte. Auch er hatte seinen Anteil daran, dass jedes Mal, wenn B&W eine neue 800er Serie launchte, selbst Nicht-B&W-Fans in die Läden oder auf die Messen pilgerten, um sich anzuschauen und anzuhören, was sich diese Teufelskerle in Steyning denn wohl wieder neu ausgeheckt haben. Es war wie beim sehr ähnlich klingenden bayerischen Autobauer, wenn der seine neue 7er Serie auf den Markt brachte, wo man ja ebenfalls immer emsig ums Design und die neue Technik diskutierte. In Deutschland wurde B&W wegen seiner Innovationskraft und seines (zumindest in Deutschland) ausgesprochen klugen Vertriebs- und Marketing-Konzepts zu der treibenden Kraft, zum Motor im HiFi, was übrigens auch alle Mitbewerber – einige sauertöpfisch, viele respektvoll – anerkannten: „Die machen einfach einen guten Job“, hieß es allerorts.

B&WMatrix, Nautilus, D1, D3Die 800er Ahnenfolge ab 1987: Matrix 801, Nautilus 801, 800 D1, 800 D3 (Foto: B&W)

Die Geschäfte mit den kleineren Linien 600 und 700 liefen ebenfalls hervorragend – natürlich getragen von der Faszination „800“ mit ihrer über 40-jährigen Geschichte. Das Bild oben zeigt die wesentlichen Modellsprünge; es fehlen die 800 D2, die 800 D4 sowie die neue 800 D5.

B&W 800D4 SigAuch eine schöne Tradition: Schon seit den frühen 1990er Jahren machte B&W in der 700er und er 800er Serie immer auch kleine Zwischenschritte mit so genannten Signature-Ausführungen. Die waren immer noch ein bisschen feiner. Hier das Bild der 800 D4 in der Signature-Blau-Ausführung (Foto: B&W)

Wir haben die Unterschiede der einzelnen 800er Serien hier einmal aufgeführt:

Bauzeit

 Besonderheiten

Matrix 8001979-1987Einführung der Matrix-Innenverstrebung; Modelle wie 801 S2 und S3Nautilus 8001998-2004Nautilus-Technologie mit entkoppeltem Hochtöner, 38er Bass800 D12005-2010Erste Serie mit Diamant-Hochtöner, neue Gehäuse-Form800 D22010-2015Überarbeitete Weichen und Chassis, Diamant-Hochtöner in allen Modellen800 D32015-2021Komplett neu: Continuum-Mitteltöner und Turbine Head aus Aluminium800 D42021-2025Verbesserte Gehäuse, Biomimetic Suspension, überarbeitete Weichen800 D5ab 2026Weiterentwickelte Chassis, optimierte Gehäuse und neue Frequenzweichen

Die Nautilus-Serie war so etwas wie der Urknall, aber auch die Einführung des Diamant-Hochtöners zu einem vergleichsweise fairen Preis (800 D1) sowie die nochmalige Komplett-Überarbeitung mit der Serie 800 D3 gelten nicht nur bei B&W als Meilensteine der HiFi-Geschichte.

B&W-Produkmanager Andy Kerr hatte auf der HIGH END in Wien die neue Generation 800 D5 vorgestellt – vorn links im Bild. Sie ist nicht wie D1 oder D3 ein großer Technologiesprung, sondern eher – wie auch D2 und D4 – eine nochmalige Verfeinerung der Vorgänger-Linie. Äußerlich ist sie von der D4-Generation kaum zu unterscheiden, es wurde viel Feinjustage an einem eh schon exzellenten Produkt betrieben. Wie stark die sich klanglich auswirkt, werden die zukünftigen Tests bei LowBeats zeigen, die natürlich schon geplant sind…

Andy KerrB&W-Produktmanager Andy Kerr zeigte auf der HIGH END 2026 die 800er Serie über die Jahrzehnte: ganz vorn links die neue 800 D5, rechts neben Kerr die 801 Nautilus, die locker doppelt so groß war wie die links danebenstehende 801 Matrix. Rechts die 800 D3 und ganz rechts die 800 D4 (Foto: H. Biermann)

Bei B&W verstand man sich stets als HiFi-Schmiede, die sich mit der 800er Serie gern auch mal für die Studio-Arbeit anbot: Nicht nur in den Abbey Road Studios oder bei Günther Pauler (Stockfisch) sind die britischen Vorzeige-Lautsprecher Dauergast und unbestechliche Referenzen für die Abmischungen. Aber es gibt da noch diesen anderen, riesigen Markt, den die B&W-Strategen ebenfalls nicht unbeackert lassen wollten: das Heimkino. Ab 2005 gab es konsequenterweise die 800er Serie als Custom Theatre (CT) 800 Linie für anspruchsvollen Heim-Cineasten. Und für jene, denen auch eine Nummer kleiner reichte, gibt es die CT 700. Panikrocker Udo Lindenberg, der seit über 30 Jahren im Atlantic Hotel in Hamburg wohnt, hat sich dort von B&W ein Heimkino installieren lassen: Ihm reichte allerdings das 700er Besteck…

Neue Wege abseits vom klassischen HiFi

In den frühen 2000er Jahren sprühten die Entwickler in Steyning förmlich vor Ideen: so viele neue Anwendungs-Möglichkeiten. Nach den Heimkino-CT-Entwicklungen brachten sie den ersten B&W Smartspeaker auf den Markt: das immer noch ikonische Zeppelin, das seinerzeit (2007) mit einem 30-Pin-Dock für iPhone ausgestattet war.

B&W Zeppelin 2007B&W Zeppelin: Hier das Ur-Modell aus dem Jahr 2007 mit der Docking-Station für das iPhone (Foto: B&W)

Dann kam das Jahr 2009 und B&W erweiterte sein Portfolio um gleich drei neue Produktfelder: Zunächst verkündete man die Kooperation mit dem Automobilhersteller Jaguar: Im damals neuen XF war eine Anlage von B&W verbaut. Heute kooperieren die Briten mit etlichen Fahrzeug-Herstellern und LowBeats konnte B&W-Systemen schon mehrfach, vor allem in BMW- oder Volvo-Modellen, Bestnoten geben.

B&W panoramaDie B&W Panorama von 2009: außen durchaus elegant, innen Nautlilus-Technologie (Foto: B&W)

Fast gleichzeitig präsentierten die Briten mit Panorama ihre erste Soundbar, die damals mit 2.500 Euro selbstbewusst bepreist war, aber auch gleich besser klang als alles andere am Markt. Und Ende 2009 hatten die Entwickler dann auch endlich ihren ersten Kopfhörer fertig. Es war der P5 On Ear, der zur Markeinführung 300 Euro kostete und gleich schon mal eine Kampfansage an die etablierten Kopfhörer-Marken war: Er erhielt mehrere Design- und HiFi-Auszeichnungen und war – wie auch die heutigen Modelle – super verarbeitet. B&W ist damit seinerzeit – anders als viele andere etablierte Lautsprecherhersteller – gerade noch rechtzeitig auf diesen Zug aufgesprungen. Heute ist die Kopfhörersparte ein wesentlicher Unternehmenszweig der Briten.

2016 – 2025: ein Jahrzehnt, vier neue Besitzer

B&W Chef Joe Atkins sah die Innovationskraft seines Unternehmens mit Freude, aber er spürte auch, dass B&W allein auf diesen wichtigen Feldern jenseits von HiFi kaum bestehen können wird: Dafür dreht sich die Welt der Technologien einfach zu schnell. Und beispielsweise eigene Apps zu entwickeln, ist eine Aufgabe, an der schon so manches Unternehmen gescheitert ist. Also verkaufte Atkins 2016 das immer noch traditionell-ehrwürdige Bowers & Wilkins an das Silicon-Valley-Unternehmen Eva Automation. Der Kanadier erhoffte sich hier einen wesentlichen Technologie-Support – der allerdings ausblieb. Es entstand zwar die fünfteilige Formation-Serie, die auf bestehender B&W-Technik basiert, aber aktiv und smart ist. Die Serie gilt als Flopp, weil sie Software-mäßig lange nicht stabil war. Die Erfolgsgeschichte von B&W bekam eine Delle und auch die Unternehmens-Kultur litt. Stefan Splawski: „Mit dem Kauf durch die Amerikaner ging das Familiäre bei Bowers verloren.“

Auch die Macher von Eva Automation sahen am Ende ein, dass HiFi einfach nicht ihr Business ist, und verkauften B&W 2020 an Sound United, die mit Denon und Marantz schon bedeutende HiFi-Marken im Portfolio hatten, sich also auskannten.

Doch auch diese Episode dauerte nicht lange an. Der kalifornische Medizintechnologie-Konzern Masimo, beziehungsweise dessen CEO Joe Kiani, hielt es für eine gute Idee, HiFi-Technik in sein Portfolio aufzunehmen, um vor allem über die HEOS App auch Medizindaten einzusammeln. Er kaufte Sound United für gut eine Milliarde Dollar – ein Preis, bei dem die Sound-United-Aktionäre einfach nicht Nein sagen konnten. Doch bei Masimo war Kiani der Einzige, der diesen Kauf für einen guten hielt. Es folgte ein Hauen und Stechen mit anderen Aktionären. Am Ende war Kiani seinen Job los und Sound United (und damit auch B&W) stand wieder zum Verkauf. Dass in diesen unruhigen Zeiten die Vertriebsarbeit litt, ist wenig verwunderlich. Viele Händler in Deutschland, die sich früher als selbstverständlicher Teil der „Familie“ sahen, wandten sich ab. Doch der letzte Akt in diesem wilden Jahrzehnt weckt wieder Hoffnung: Ende 2025 kaufte der größte Audio-Konzern der Welt (Harman) unter dem Dach des größten Elektronik-Konzerns der Welt (Samsung) die Sound-United-Gruppe und ist nun wieder dabei stabile Strukturen zu schaffen.

Lyle Smith Harman / Sound UnitedLanger Titel, guter Mann: Lyle Smith ist President of the Sound United Strategic Business Unit at HARMAN (Foto: H. Biermann)

Eher zufällig traf ich bei einem Denon/Marantz-Besuch (in Tokyo) Lyle Smith, den neuen starken Mann und Präsidenten dieser Gruppe. Smith, der schon einige Stationen im Handel, im Verband und in der Industrie innehatte (Best Buy, Consumer Technology Association, Klipsch), kennt sich bestens aus und ist so etwas wie eine Idealbesetzung für diesen Job. Er konnte überzeugend darstellen, dass er „hart arbeiten wolle“, um die Sound-United-Marken und damit auch B&W wieder zu alter Größe aufbauen oder vielleicht sogar noch ein bisschen größer machen will…

B&W-801-D5 vornDie neueste Ausführung der ikonischen 800er Serie: seit Mai ist die D5-Generation am Markt (Foto: H. Biermann)

Es ist also alles angerichtet: B&W ist jetzt Teil des größten Audio-Konzerns der Welt mit all seinen Hunderten Ingenieuren, Dutzenden Laboren und extrem viel Know-how vor allem im Bereich Smart-Audio. Das Ganze ist mit sehr viel Geld ausgestattet und dem ausdrücklichen Willen, die Marke wieder angemessen ins Rampenlicht zu rücken. Ein Anfang ist mit der neuen B&W 800 D5 Generation gemacht. Als jahrzehntelanger Freund und intensiver Begleiter der Marke freue ich mich sehr auf die nächsten Schritte…

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Hintergrund:

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