Was definiert den Menschen mehr? Die Herkunft oder die Umgebung? Und kann ein neuer Wohnort zu einer echten Heimat werden? Diese Fragen verarbeitet die Fotografin und Filmemacherin Loukia Hadjiyianni in ihrer Ausstellung „Home is where the wound is” seit Freitag im neuen Kunstverein Wuppertal in der Hofaue.
Der ganz in Weiß gehaltene Raum im Erdgeschoss des Kolkmannhauses in der Hofaue 51 füllte sich gegen 19 Uhr mit Menschen, die sofort begannen, die großen Fotografien an den Wänden sowie die unterschiedlichen Journals mit Fotos auf den weißen Stelen zu begutachten. Auf einer Box in der Ecke liefen auf drei Bildschirmen Filme, die in Schwarz-weiß gehalten, junge Frauen in einem nicht enden wollenden Loop zeigten. In einem der Filme schaut eine junge Frau starr in die Kamera, während sie eine Kette samt Kruzifix-Anhänger aus ihrem Mund gleiten lässt. Der Mix aus Ästhetik und Mysterium fesselt etliche Augenpaare.
Von Zypern und Georgien über Berlin nach Wuppertal
Louisa Hadjiyianni, die in Zypern und Georgien aufgewachsen ist, lebt und arbeitet in Berlin. Neben Auftragsfotografie und Werbefilmproduktionen fotografiert sie Frauen und fängt diese in der Intimität des Moments ein. Teilweise bekleidet, teilweise als Akt, doch nie gestellt oder zu sehr gewollt. Die Arbeiten überzeugen durch den perfekten Moment und die ihm innewohnende Schönheit.
Während des Studiums in Maastricht lernte Hadjiyianni Charis Hoffmann, stellvertretende Vorsitzende des neuen Kunstvereins, kennen. Der Kontakt brach auch zehn Jahre nach dem Studium nicht ab und so war es nur folgerichtig, dass Hoffmann ihre ehemalige Kommilitonin nach Wuppertal holte. „Es geht viel um die Themen Emotionalität, Identität und Zugehörigkeit. Um die Verhandlungen von Gefühlen der Herkunft, die schön, aber auch schwierig und so auch eine Art Wunde sein können. Die Arbeiten beinhalten eine mehrdeutige Balance von Zuhause und Herkunft.”, erklärt Hoffmann die Ausstellung.
Zu Beginn erlebten die Anwesenden gleich zwei Performances. Zuerst sang Andria Prokopa, eine befreundete Opernsängerin aus Zypern, die wie Hadjiyianni in Berlin lebt, zur Akustikgitarre einige Lieder. Sie wählte Lieder über die Liebe, den Herzschmerz und Frauen aus. Der intime Moment brachte die Anwesenden in eine ruhige, andächtige Stimmung. Diese wurde dann von Charis Hoffmann sprichwörtlich zerschmettert, denn sie eröffnete die Ausstellung nach einer kurzen Ansprache mit einem Ritual aus Zypern, in dem man beim Tanzen Porzellanteller auf den Boden wirft.
An einer Säule hatte die Künstlerin ein Zitat geschrieben. „Beautiful things make me sad because they are not forever.” („Schöne Dinge machen mich traurig, da sie nicht für die Ewigkeit sind.”) Ist Fotografie für Hadjiyianni der Versuch, Schönheit festzuhalten? „So habe ich es noch gar nicht betrachtet, aber da ist was dran, wenn auch im Unterbewusstsein. Das könnte schon einer der Gründe sein, warum ich die Dinge so tue, wie ich sie tue.” Ihre Heimat ist geprägt von patriarchalen Strukturen. Was ist die Verbindung zur Aktfotografie, die sie hier zeigt? „Wenn man in diesen patriarchalen Strukturen aufwächst, kann man versuchen, seinen Platz darin zu finden. Als Teenager habe ich diese Art Fotografie als einen Akt der Rebellion verstanden. Ich wollte Grenzen ausloten. In Deutschland sind solche Ausstellungen normal – in Zypern ist das völlig anders. Als Teenager war mir bewusst, dass die väterliche Seite meiner Familie eventuell nicht mehr mit mir reden wird.”
Die lohnenswerte Ausstellung kann bis zum 15. August donnerstags und freitags von 17 bis 20 Uhr sowie samstags von 15 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt angesehen werden. Zur Finissage wird es ab 18 Uhr eine Filmvorführung mit der Künstlerin geben.