Beim Stichwort Lithium denken die meisten Menschen zunächst an Batterien. Das Leichtmetall wird für Akkus verwendet, wie sie sich in E-Autos und Smartphones befinden. Lithium kommt aber auch in ganz anderen Bereichen zum Einsatz, unter anderem in der Medizin. Neuerdings sorgt der Stoff als potenzielles Anti-Aging-Mittel für Aufmerksamkeit. Insbesondere in sozialen Netzwerken wird das Element als Wunderwaffe gegen Alterungsprozesse und Stress gefeiert. Doch was ist dran am Hype?
Bei bipolaren Störungen und schweren Depressionen kommen Lithiumsalze zum Einsatz
Lithium kommt in der Natur nicht als reines Metall vor, sondern nur in Verbindungen – etwa in Gesteinen oder Salzlösungen. Über Trinkwasser und Lebensmittel geraten winzige Mengen des Stoffs in den menschlichen Körper. Vergleichsweise hohe Dosen in Form von Lithiumsalzen spielen schon seit Langem in der Psychiatrie eine wichtige Rolle, da sie ausgleichend auf die Stimmung wirken. „Die antimanischen und stimmungsstabilisierenden Eigenschaften von Lithium sind seit etwa 1950 bekannt“, sagt der Psychiater Gerhard Gründer, Leiter der Abteilung für Molekulares Neuroimaging am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Auch heute noch wird der Stoff in Form von Lithiumcarbonat speziell bei bipolaren Störungen, aber auch als zusätzliches Medikament bei schwer behandelbaren Depressionen eingesetzt. „Wie bei den meisten Psychopharmaka kennt man den genauen Wirkmechanismus nicht“, sagt Gründer. Inzwischen ist gut belegt, dass eine Langzeit-Behandlung mit Lithium das Suizidrisiko senken kann.
Was im Tierversuch überzeugt, klappt beim Menschen oft nicht
In jüngster Zeit stand Lithium vor allem als potenzielles Mittel zur Demenzprävention im Fokus. Seit Jahrzehnten gibt es Vermutungen, dass der Stoff geistigem Abbau vorbeugen könnte. Unter anderem beobachteten britische Forschende, dass Menschen, die wegen einer psychischen Erkrankung Lithium einnahmen, seltener an Demenz erkrankten. Viel Beachtung fand außerdem eine Studie der Harvard University, die vergangenen August im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde: Ein Wissenschaftler-Team fand im Gehirn von Menschen, die kognitive Beeinträchtigungen hatten, geringere Lithiumwerte als bei Gesunden. Außerdem konnte es an Mäusen zeigen, dass ein Lithiummangel im Gehirn Alzheimer-typische Eiweißablagerungen begünstigt. Niedrig dosiertes Lithiumorotat – eine Verbindung aus Lithium und Orotsäure – konnte bei den Nagern die krankhaften Veränderungen reduzieren. „Die Studie ist vielversprechend“, sagt Anne Pfitzer-Bilsing, Leiterin Wissenschaft der Alzheimer Forschung Initiative. „Aber man kann die Ergebnisse nicht einfach auf den Menschen übertragen.“ Viele Substanzen, die im Tierversuch Hoffnung machten, konnten in klinischen Studien zu Demenz nicht überzeugen.
Bisher fehlen Belege dafür, dass Lithium das menschliche Gehirn schützt. Bei rund 40 Menschen mit kognitiven Einschränkungen, die im Rahmen einer Pilotstudie zwei Jahre lang Lithiumcarbonat einnahmen, zeigte sich keine Wirkung. Allerdings nahmen sie den Stoff in Form eines anderen Salzes auf als die Mäuse in der Studie. „Das könnte einen Unterschied machen“, sagt der Psychopharmakologe Gründer. „Möglicherweise war auch die Dosierung zu gering.“
Lithium kann starke Nebenwirkungen haben und unter anderem den Nieren schaden
In höheren Dosen kann Lithium allerdings starke Nebenwirkungen haben. Unter anderem hemmt es die Aufnahme von Jod in die Schilddrüse, sodass es bei längerer Einnahme leicht zu einer Schilddrüsenunterfunktion kommt. Außerdem kann der Stoff auf Dauer der Niere schaden. Patientinnen und Patienten, denen er als Medikament verschrieben wird, müssen daher engmaschig kontrolliert werden. Daher warnt Gründer davor, Lithium auf eigene Faust zu sich zu nehmen: „Der Hype hat keine wissenschaftliche Grundlage.“
Wer im Internet nach Lithium sucht, stößt meist auf Angebote für Aquarienbesitzer, da der Stoff natürlicherweise im Meerwasser vorkommt. Es gibt aber auch Shops, die Kapseln mit Lithiumorotat als Anti-Aging-Mittel verkaufen. Das ist hierzulande verboten: „Nahrungsergänzungsmittel mit Lithium dürfen weder in Deutschland noch in einem anderen Mitgliedsstaat der Europäischen Union verkauft werden“, heißt es bei der Verbraucherzentrale. Bei Lithium handle es sich um ein sogenanntes Ultraspurenelement, das für den Menschen nicht lebensnotwendig sei. Da große Mengen zu Vergiftungen führten, rät die Verbraucherzentrale von einer zusätzlichen Aufnahme ab.
Dagegen wurden in jüngster Zeit Stimmen laut, die Lithium eine große Bedeutung beimessen. So fordert der Mediziner Michael Nehls, den Stoff als essenzielles Spurenelement anzuerkennen und Nahrungsergänzungsmittel mit Mikrodosen zuzulassen. Unterstützung erhält er von FPÖ und AfD, die einen entsprechenden Antrag im EU-Parlament eingebracht haben.
„Bei der gegenwärtigen Datenlage überwiegen die Risiken definitiv den potenziellen Nutzen.“
Psychiater Gerhard Gründer, Leiter der Abteilung für Molekulares Neuroimaging am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim
Doch auch in winzigen Dosen ist Lithium nicht harmlos, finden Experten wie Gründer. Gefährlich kann es unter anderem dann werden, wenn noch andere Medikamente im Spiel sind: „Wenn Sie zum Beispiel zusätzlich bestimmte Antibiotika oder Entzündungshemmer einnehmen, dann steigt die Lithiumkonzentration, sodass es zu Nebenwirkungen kommen kann“, erklärt er. „Bei der gegenwärtigen Datenlage überwiegen die Risiken definitiv den potenziellen Nutzen.“
Abgesehen davon nimmt man über Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Eier und Wasser automatisch Spuren von Lithium auf – die Mengen variieren nach Region. Risiken sind nicht bekannt. Könnte man sich als harmlose Alternative zu Kapseln auch einfach mit lithiumhaltigem Mineralwasser eindecken? „Man sollte sich davon nichts versprechen“, sagt Pfitzer-Bilsing. „Es gibt keine Belege dafür, dass man damit Alzheimer vorbeugt.“