Die Eskalation des Kriegs im Nahen Osten verschiebt die klassischen Fluchtbewegungen an den Märkten: Während Aktien fallen und selbst Gold sowie US-Staatsanleihen zeitweise unter Druck geraten, steigt der US-Dollar deutlich. Noch im Jänner wurde spekuliert, ob sich die Währung möglicherweise am Beginn eines längerfristigen Abwärtstrends befindet. Nun sieht es plötzlich anders aus. Was gibt ihm Auftrieb? Und warum sind Asien und Europa im Nachteil?
Mit der Ausweitung des Konflikts im Nahen Osten und der Intensivierung des US-israelischen Kriegs im Iran haben Investoren die Suche nach Sicherheit verschärft. Auffällig ist dabei, dass ausgerechnet der Dollar kräftig zulegt, während andere klassische Schutzanlagen schwächeln. Seit Beginn der Eskalation über das Wochenende verzeichnete die US-Währung den stärksten Zweitagesanstieg seit fast einem Jahr.
„Der Dollar verhält sich in diesen Phasen klassisch: Er ist der König der sicheren Häfen“, sagt Paresh Upadhyaya, Stratege bei Pioneer Investments. Aus seiner Sicht gehe es inzwischen nicht mehr nur um eine Flucht in Qualität, sondern um grundlegende Zweifel am globalen Wachstum und um die Frage, wie sich Inflation unter den neuen geopolitischen Bedingungen entwickle.
Der plötzliche Nachfrageanstieg wirkt auch als Gegenpunkt zu jüngeren Debatten, wonach der Dollar als weltweite Reservewährung an Bedeutung verlieren könnte. Solche Zweifel hatten sich zuletzt im Umfeld der handelspolitischen Konflikte unter US-Präsident Donald Trump und der damit verbundenen „Entwertungs“-Erzählung verstärkt. Der aktuelle Marktimpuls zeigt jedoch: In der Akutphase geopolitischer Krisen sehen Investoren weiterhin kaum eine Alternative zur Leitwährung.
Der Bloomberg Dollar Spot Index legte in dieser Woche um 1,3 Prozent zu. Nahezu alle 16 von Bloomberg beobachteten wichtigen Währungen gaben am Dienstag gegenüber dem Dollar nach. Der Euro fiel zeitweise auf den schwächsten Stand seit November, bevor er einen Teil der Verluste wieder aufholte.
Die Bewegung ist nicht nur im Kassamarkt sichtbar. Auch im Optionsmarkt hat sich die Stimmung rasch gedreht: Händler müssen inzwischen bezahlen, um sich gegen eine breite Dollar-Rallye abzusichern – ein deutlicher Kontrast zu den Vortagen, als die Optionspreise auf eine ungewöhnlich hohe Unentschlossenheit über die Richtung der Währung hindeuteten. Risiko-Reversals, ein Maß für die Positionierung, signalisieren laut Bloomberg-Daten den stärksten kurzfristigen Optimismus für den Dollar seit 2024.
Bloomberg-Stratege Skylar Montgomery Koning führt die Dollar-Stärke auf zwei Faktoren zurück: den Status als sicherer Hafen und die – erst vor wenigen Jahren erlangte – Position der USA als Nettoenergieexporteur. Viele große Währungsräume seien dagegen Nettoimporteure. Historisch habe der Dollar bei angebotsgetriebenen Ölpreisschocks oft Rückenwind – und es gebe daher Spielraum für weitere Gewinne.
Gleichzeitig geraten die traditionellen Schutzmechanismen im Portfolio ins Wanken. Weltweite Aktienmärkte und auch US-Staatsanleihen fielen, wodurch die Renditen stiegen. Hintergrund sind steigende Energiepreise, die neue Inflationssorgen auslösen und damit den Spielraum für weitere Zinssenkungen der US-Notenbank Federal Reserve in den kommenden Monaten einschränken könnten.
„Investoren müssen anders darüber nachdenken, wie sie sich künftig schützen, weil ich nicht glaube, dass Anleihen so stark schützen werden wie historisch“, sagt David Wagner, Portfoliomanager bei Aptus Capital Advisors. In früheren Ölpreisschocks hatten US-Staatsanleihen zeitweise ebenfalls an Attraktivität als sicherer Hafen verloren – ein Muster, das sich nun wieder zeigt.
In New York verlor der S&P 500 am Dienstag 0,9 Prozent. Brent-Rohöl sprang derweil erstmals seit Juli 2024 über 85 Dollar je Barrel. Auslöser war laut Bloomberg unter anderem eine Produktionskürzung im irakischen Großfeld Rumaila. Zudem seien die Lagerbestände angespannt, weil Störungen im Exportverkehr durch die Straße von Hormus eine zentrale Schifffahrtsroute beeinträchtigen.
„Angebotsunterbrechungen bei Öl und Gas aus dem Nahen Osten könnten für Asien und Europa negativere Folgen haben als für die USA, weil wir unser eigenes Erdgas produzieren“, sagt Leah Traub, Portfoliomanagerin bei Lord Abbett & Co. Der Dollar habe damit „seinen rechtmäßigen Platz als sicherer Hafen“ wieder eingenommen.
Ein weiterer Hinweis auf die Flucht in die US-Währung zeigt sich in der sogenannten Cross-Currency-Basis – den Zusatzkosten, die Investoren tragen (oder erhalten), wenn sie Dollar außerhalb der USA beschaffen. Diese Kennzahlen deuten auf einen sprunghaften Anstieg der Dollar-Nachfrage im Vergleich zu Schweizer Franken, Euro, Pfund und anderen großen Währungen hin. Das spricht für eine zunehmende Bedeutung von Dollar-Funding in der aktuellen Stressphase.
Im Unterschied zu früheren Phasen ist die US-Wirtschaft heute weniger anfällig für Energiepreisschocks aus dem Nahen Osten. Nach dem Ausbau der Schieferöl- und Schiefergasförderung sind die Vereinigten Staaten vom Nettoimporteur zum weltweit größten Produzenten und zu einem bedeutenden Exporteur geworden. Diese strukturelle Veränderung kann den Dollar zusätzlich stützen, wenn Ölpreise steigen.
Bemerkenswert ist die Dynamik auch deshalb, weil viele Marktteilnehmer vor der Eskalation eher mit einem fallenden Dollar gerechnet hatten. In Derivaten hielten Händler Wetten im Umfang von knapp 19 Milliarden Dollar, die auf eine Schwächung der US-Währung zielten – in der Größenordnung der Spitzenstände des Vorjahres, basierend auf von Bloomberg aggregierten Daten der US-Aufsicht Commodity Futures Trading Commission bis 24. Februar.
„Die Dollar-Rallye ist eine klare Erinnerung daran, wie wichtig es ist, die Positionierung im Markt zu verstehen“, sagt Bipan Rai, Managing Director bei BMO Asset Management. In den vergangenen Monaten sei der Markt im Kassahandel netto short gewesen, auch wegen gestiegener Absicherungsnachfrage. Dieses Thema könne nun vorerst „ausgereizt“ sein. (duc/Bloomberg)