Porträt: Mit Michael Schäfer stellt einer der bekanntesten deutschen Fotografen beim Kunstverein in Zweibrücken aus. Mit seinen Arbeiten bringt er die Besucher zum Nachdenken.

Michael Schäfer fotografiert. Er montiert. Er inszeniert. Er bearbeitet Aufnahmen von anderen aus dem Internet und kombiniert sie mit eigenen. Er schafft eine neue Form von Bilderwelt, die zum Nachdenken anregt, denn seine Themen erzählen von unserer Gesellschaft.

Auf den ersten Blick hält man seine Ausstellung im Zweibrücker Stadtmuseum nicht für eine Fotografie-Ausstellung, denn er arbeitet mit seltsamen selbstgebauten Holzgestellen, mit wurstartig geformten Objekten, die an Stäben auf einem Sockel stehen – oder die auf einer Platte angebracht an der Wand hängen. Man erkennt Fotos von Demonstrationen, Menschen mit Masken, aber auch Pflanzen, die alles überwuchern. Man muss also genau hinschauen, um etwas zu sehen.

Als die Kunst der Feind war

„Revolte und andere Pflanzen“ heißt das Projekt, das Michael Schäfer vorstellt und das den Betrachter auf einen ähnlichen Weg bringen soll wie ihn Schäfer seit mehr als 25 Jahren beschreitet, denn angefangen hat er als klassischer Fotograf. „Wenn man Ende der Achtziger oder in den neunziger Jahren in dem Lager der Journalisten ist, schaut man mit einem kritischen Blick. Auch auf die Kunst, sie war der Feind. Also hat man Fotos gemacht, um etwas zu bewegen. Aber dann hat sich alles verschoben, einfach dadurch, dass es für den Journalismus, den Bildjournalismus, immer weniger Platz gab“, erläutert Schäfer. Er hatte früher auch Reportagen für Stern und Co. fotografiert.

Foto-Objekt von Michael Schäfer im Zweibrücker Stadtmuseum. Foto-Objekt von Michael Schäfer im Zweibrücker Stadtmuseum.Foto: Dittgen

Natürlich entstanden und entstehen auch Arbeiten in seinem Fotostudio in Berlin. Etwa eine Porträtserie „Les acteurs“ (die Schauspieler, 2007), was auch mit Kunst zu tun hat. Denn da sieht man keine Schauspieler, sondern Schüler eines deutschen Eliteinternats im Business-Outfit. Im Spannungsfeld von fotografischer In- und Selbstinszenierung nehmen sie eine Klassenrolle vorweg, in die sie hineinwachsen werden. In der Porträtserie „Die Redner“ (2009) sind Sprecher in Posen zu sehen, aber die Besetzungen erscheinen seltsam, unwirklich. Sie sind zusammen mit Fotos der Serie „Vorbilder / Models“ (2008-2011) in einem Buch zu sehen, das mit anderen Fotobüchern Schäfers in Zweibrücken auf einem Tisch liegt.

Die Fotos der Macht

Hier rekonstruiert er mediale Bilder der Macht (etwa von Politikern oder Prominenten) originalgetreu mit anonymen Statisten und macht durch bewusste kleine Fehler die Künstlichkeit der Inszenierung deutlich. Auch die Porträtserie von Mao, Musk & Co., die er in Zweibrücken zeigt, geht in Richtung Machtmenschen – nicht als Fotos an der Wand, sondern als bewusst unscharfe Vergrößerungen aufgeklebt auf Holzplatten an zwei dünnen Stangen, die an der Wand lehnen.

Es sind vergleichsweise einfache Denkübungen für die Betrachter, es geht um eine medienkritische Haltung – wie immer bei Schäfer. Er nennt es „Hereingehen in die Bilder“. „Ich will mich fragen: Was sehe ich denn jetzt? Und je mehr man in die Bilder hineingeht, umso mehr löst sich das Bild auf – und dann sieht man nichts mehr. Das finde ich schon sehr spannend“, meint er.

Das Foto-Objekt von der Rückseite: Man sieht, wie die F otos zusammegefügt wurden. Das Foto-Objekt von der Rückseite: Man sieht, wie die F otos zusammegefügt wurden.Foto: Andrea DittgenAuf wichtige Themen aufmerksam machen

Ein Beispiel sind Fotos vom Syrienkrieg. Da sieht man eine Straßenszene mit Mord und Totschlag und daneben steht ein Mann, der europäisch aussieht, mit einem Baby auf dem Arm – als wäre er mitten im Geschehen. Schäfer hat ihn in das vorgefundene Bild einkopiert, quasi als Illustration des Fragenkomplexes: Was geht uns das an? Solche fotografischen Montagen aus medialen Fundstücken und eigenen Fotografien macht Schäfer oft, er will damit auf wichtige Themen unserer Gesellschaft aufmerksam machen.

Für das Projekt „Invasive Links“ (2016-2019) arbeitete er mit Bildmaterial von Liveleak.com, einer Plattform, auf der unzensiert Handyvideos und Standbilder aus Krisensituationen veröffentlicht wurden. Schäfer zeigt damit, was sich durch mediale Bilder in unsere Vorstellungswelt eingeschlichen hat. „Wir sind so nah dran durch die Bilder, und doch bleibt die Frage, wie wir uns dazu verhalten können.“

2021 entstanden aus diesen Montagen 53 Bilderwürfel, einer pro Woche. Jede Seite der Würfel zeigt unterschiedliche Screenshots von weltweiten Krisensituationen. Die Würfel hat er dann aufgefaltet und auf Meeresansichten montiert. Wie sich dann die Internetbilder mit der Natur und der Pressefreiheit und dem künstlerischen Denken zusammenbringen lassen, soll jeder selbst entscheiden. Als politischer Künstler versteht sich Michael Schäfer jedoch nicht, eher als gesellschaftskritischer, wenn er fragt: „Erreicht uns die Realität hinter den konsumierten Bildern? Inwieweit erfahren wir Bilder im Netz als abstrahiert? Welche Rolle spielen Gefühle und Generalisierungen? Und die Natur?“

Info

Michael Schäfer: „Gehäuse“, Fotografien und Objekte, Stadtmuseum Zweibrücken, Herzogstraße 9, bis 12. Juli, Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr, Katalogbuch: 76 Seiten, 20 Euro.