Dass Elyas M’Barek jüngst von einem dreijährigen Aufenthalt in New York zurück ins heimische Minga (Hochdeutsch: München) zurückgekehrt ist, vermeldete der Schauspieler und Produzent jüngst auf Social Media.
Nun zeigt er erstmals auch im englischsprachigen Kino internationale Ambitionen: in der britisch-deutschen Koproduktion „Virginia Woolf’s Night and Day“, Tina Gharavis Verfilmung einer weniger bekannten Gesellschaftssatire der feministischen Ikone Virginia Woolf, die 1919 erschien.
M’Barek gibt den romantischen Liebhaber
So langsam wächst M’Barek mit seinen 44 Jahren nun aber wirklich aus der Rolle des romantischen Liebhabers heraus. Aber einer geht noch, und zwar im für ihn ungewohnten Historienkostüm. Seine Figur Ralph Denham, ein Autor und Redakteur, ist ein Aufsteiger aus der Arbeiterklasse.
Und als die aus besseren Kreisen stammende Hauptfigur Katharine Hilbery seiner im London des Jahres 1910 auf einer nächtlichen Dachterrasse erstmals ansichtig wird, kann sie gleich an seinem kecken roten Halstuch erkennen, dass dieser Mann Paprika im Blut hat.
So sehen Forscherinnen aus. Katharine Hilbery (Haley Bennett) prüft mathematisch-astronomische Theorien.
© PR/WoolfComedyProductionsLtd
Überraschenderweise erweist sich dann aber die Romanze zwischen Katherine und Ralph als subtilster Erzählstrang von „Night and Day“. Und wie sich das für eine verkappte Suffragette wie Katherine Hilbery ziemt, lässt sie sich nur von Ralph-Denham-Sätzen wie diesen ködern: „Ist es so abwegig für Sie, sich vorzustellen, dass ein Mann den Erfolg einer Frau unterstützen will?“
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Nur zu verständlich, dass es Katharine Hilbery in ihrer von gesellschaftlichen Konventionen und patriarchaler Repression geprägten Familie schwerfällt, diese Beteuerung nicht nur für ein Lippenbekenntnis zu halten. Mit ganzem Herzen und mit ganzem Verstand drängt es sie zu einer Karriere als Wissenschaftlerin. Doch nicht mal die Astronomische Gesellschaft, die sie als Mann verkleidet gemeinsam mit ihrem Cousin Cyril (Misia Butler) besucht, lässt überhaupt Frauen zu.
Der Film
Virginia Woolf’s Night and Day, Großbritannien/Deutschland 2025, 95 Minuten. Regie: Tina Gharavi, Drehbuch: Justine Waddell nach dem Roman von Virginia Woolf. Mit Haley Bennett, Elyas M’Barek, Lily Allen, Timothy Spall. Kinostart: 9. Juli
Ihr Vater, den Timothy Spall mit angemessen knurriger Miene spielt, lehnt Katharines astronomische Ambitionen rundheraus ab. „Du wirst Ehefrau“, befiehlt der Schriftsteller seiner Tochter, „kein Mann will eine Frau heiraten, die arbeitet“.
Der Lektor und der Schriftsteller. Ralph Denham (Elyas M’Barek) im Studierzimmer von Katharines Vater (Timothy Spall).
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Katharines Mutter setzt dagegen ihre Ambitionen, ebenfalls Bücher schreiben zu wollen, um. Sie erarbeitet eine ellenlange Biografie des Dichter-Großvaters der Hilberys, aus der – Komödienmacht des Zufalls – ausgerechnet Ralph Denham ein druckbares Manuskript machen soll.
Popstar Lily Allen spielt eine Suffragette
Bloß gut, dass Katharine die forsche Frauenrechtlerin Mary Datchet (Popstar Lily Allen) kennenlernt, die ihr in ihrem Suffragetten-Hauptquartier, das seltsamerweise in einer vom Stampfen und Dröhnen riesenhafter Maschinen erfüllten Fabrik liegt, Asyl für ihre mathematischen Forschungen gewährt.
Eine Frau, die Sterne und Kometen beobachtet und danach genialische Zahlenkolonnen auf Tafeln kritzelt, während neben ihr mechanische Schwengel auf- und niedersausen – das ist zugleich ein attraktives wie kurioses Filmsujet.
Vereinte Kämpferin für Emanzipation. Mary Datchet (Lily Allen) und Katharine Hilbery (Haley Bennett).
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Regisseurin Tina Gharavi und ihr „weiblich geführtes Team“, wie es in den Presseinfos heißt, wollen ganz offensichtlich den Historienfilm- und den Emanzipationsappeal gleichzeitig melken. Sie haben dabei weder Angst vor den Klischees des edwardianischen Englands, in dem raschelnde Kostüme, prächtige Landsitze und dreckige Industrialisierung als Kulisse fungieren, noch vor dem Geballer eines überproduzierten, mitunter modernen Soundtracks.
Verglichen mit Emerald Fennells poppiger Neuverfilmung von „Wuthering Heights“ aus diesem Jahr, kommt „Virginia Woolfs Night and Day“ aber viel konventionell-historischer daher. Das hat eine Unwucht in der Tonalität zur Folge, die weder Haley Bennetts Dringlichkeitsfuror noch Elyas M’Bareks Charme überspielen kann.
Himmelsbeobachterin. Katharine Hilbery (Haley Bennett) will nach Cambridge, um Astrophysik zu studieren.
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Trotz des inszenatorischen Kitschalarms bewegen Katharines feurige Monologe, mit denen sie den misogynen Physik-Professoren der Universität Cambridge genauso einheizt wie ihrem bockigen Vater. Dass Frauen vor dem Ersten Weltkrieg hart um Anerkennung in den Naturwissenschaften ringen mussten, ist eine historische Wahrheit, die nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch galt.
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Die Mechanik romantischer Komödien, die nach Irrungen und Wirrungen zwischen den Figuren, die in diesem Fall auch Katharines Verlobten William und ihre Cousine Cassandra einschließen, verlässlich ein Happy End vorsieht, funktioniert zum Glück auch bei angehenden Astronominnen.