Der 3:2-Comebacksieg der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft im WM-Achtelfinale gegen Ägypten hat Trainer Lionel Scaloni sichtlich mitgenommen. Im Interview wenige Minuten nach dem Schlusspfiff rang der Coach um Worte. Tränen standen ihm in den Augen.

„Ich kann nicht mehr. Tut mir leid. Das ist zu viel. Was für eine Gruppe von Spielern“, sagte Scaloni. Dann brach er das Gespräch ganz plötzlich und emotional vollkommen aufgewühlt ab.

Scaloni ist für seine Tränen bekannt – sei es auf Pressekonferenzen beim Wiedersehen mit ehemaligen Wegbegleitern oder auf der Bank. Nur eines macht der frühere Abwehrspieler praktisch nie: richtig jubeln.

Lange Zeit sah alles nach einem Ausscheiden des Titelverteidigers im Achtelfinale aus. Doch in der Schlussphase drehte die Albiceleste einen Zwei-Tore-Rückstand in ein 3:2 – auch dank Lionel Messi, der wie Scaloni nach dem Schlusspfiff weinte.

Der Superstar, der in der ersten Hälfte einen Elfmeter verschossen hatte, glich in der 83. Minute zum 2:2 aus. Den Siegtreffer erzielte Enzo Fernández in der zweiten Minute der Nachspielzeit. Zuvor hatte Cristian Romero (79.) nach den ägyptischen Toren durch Yasser Ibrahim (15.) und Mostafa Ziko (67.) auf 1:2 verkürzt.

Die Ägypter waren danach außer sich – und besonders mit der Spielleitung unzufrieden. „Der Titelverteidiger ist auf allen Ebenen bevorteilt worden“, schimpfte Teamchef Hossam Hassan. „Ich habe dem Schiedsrichter gesagt, das sei einfach nicht gerecht.“ Argentinien habe diesen Sieg nicht verdient, und wenn er in Ägypten zurück sei, werde er keine Minute WM mehr schauen, weil es in diesem Wettbewerb einfach keine Gerechtigkeit gebe. „Ob man einfach den Titelverteidiger weiter dabei haben wollte? Oder wollte man Messi weiter spielen sehen?“, fragte er sich. Zico war ähnlich fassungslos. „Wir haben ein Wahnsinnsmatch gemacht“, strich er heraus. „Aber in der zweiten Hälfte sind seltsame Sachen passiert, die jeder gesehen hat. Das ist sonnenklar.“

Der frühere deutsche Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich kann den Ärger der Ägypter nachvollziehen. „Alle strittigen Entscheidungen sind gegen Ägypten getroffen worden“, sagte der MagentaTV-Experte: „Die negativen Emotionen, die da herauskommen, die sind nachvollziehbar.“

Unmittelbar vor dem 3:2-Siegtreffer der Argentinier durch Enzo Fernández in der Nachspielzeit (90.+2) hatte dessen Teamkollege Alexis Mac Allister den Ägypter Hamdi Fathi beim Eindringen in den argentinischen Strafraum am Trikot gezogen. „Für mich, und da bin ich relativ deutlich, ist das eigentlich ein Strafstoß“, sagte Ittrich: „Er macht nichts, als das Trikot zu ziehen. Der Impuls ist da, den Spieler dadurch zu hindern, eventuell an den zweiten Ball zu kommen.“

So gab es aber statt Elfmeter und einer Riesenchance auf das 3:2 für Außenseiter Ägypten kurze Zeit später den Siegtreffer für Weltmeister Argentinien. Das erhitzte bei den Spielern um Offensivstar Mohamed Salah, Trainern und Betreuern der Nordafrikaner die Gemüter, es hagelte Gelbe Karten.

Warum der Videoschiedsrichter nicht eingriff, blieb zunächst unklar. Vermutlich habe dieser das Vergehen nicht als eingreifwürdig erachtet, „anders kann ich es mir nicht erklären“, sagte Ittrich. Insgesamt seien die Abläufe im Schiedsrichterteam um Hauptschiedsrichter Francois Letexier aus Frankreich an sich „korrekt“ gewesen. (APA/dpa)